Hadererlump

„Es gibt das Entsetzliche. Es ist um uns, aber wir sehen es nicht.“ Edgar Allan Marboe

Ich komme von einer Insel zurück, auf der es praktisch kein Telefon, keine Zeitung und kein Internet gibt. Um verlorenes Wissen aufzuholen, reiße ich die noch plastikverschweißten alten profil-Nummern auf. Entzückendes lese ich gleich im Editorial der Ausgabe 5/2005:
Gerhard Haderer, diese Charaktersau, endlich verurteilt! Sein Verbrechen, „Das Leben des Jesus“, steht nun durch das Urteil einer Athener Strafkammer zur Sühne an: sechs Monate Haft oder 1600 Euro Bußgeld.

Mir gefiel daran vieles. Als Ökonom errechnete ich einen Logis-Preis von neun Euro pro griechische Nacht, wohlfeil für touristische Schnäppchenjäger. Als Gerechtigkeitsfanatiker beglückte mich die Verurteilung. Spät kam sie, doch sie kam. Sie ist die längst fällige Korrektur eines entmenschten österreichischen Staatsanwalts. Dieser hatte zuvor zahlreiche, von tiefer Seelsorge bewegte Blasphemie-Anzeigen gegen den Autor des Jesus-Machwerks verworfen: „Kein verfolgungswürdiges Delikt.“

Wie tief Gerhard Haderer schon gesunken ist, kann an seiner horizontalen und senkrechten Reaktion auf das griechische Urteil abgelesen werden.

Horizontal: Obwohl seine mit ihm sündhaft verschlungene Managerin Margit bisher ausgelastet schien mit Cartoon-Aufträgen ausländischer Satanskreise, fand sie noch die Kraft, in Guerilla-Manier eine internationale, bis in die USA reichende Solidaritätsfront aufzustellen. Cartoonisten-Kollegen, Buchverleger, Galeristen, Geschiedene, Frevler, Ketzer, Hexen, Wixer, Autoren und Atheisten vereinigten sich zum feurigen Schrei: „Freiheit für die Kunst, Freiheit für Haderer!“

Vertikal: Haderer zeigte die zickige Bandbreite der Crooner und Divas der Kunst. Bis heute hat er nicht eingesehen, dass man Jesus Christus nicht auf ein Surfbrett stellen darf. Seine Anwälte werden gegen das Urteil anlaufen, bis in die höchsten europäischen Gerichtshöfe.

Vernünftig blieben die Leute im Ueberreuter Verlag. Sie wissen wieder einmal, was sie an Haderer haben. Sie feiern lallend die jüngste Brennstufe des Bestsellers „Das Leben des Jesus“ und freuen sich aufs nächste Werk.

Das Böse hat oft ein nettes Gesicht. So wie sein kongenialer Kollege Manfred Deix, der Katzen liebt und Luxuspudel frisst (entgrätet, halb durch, grüner Salat, Californian beach dressing), tritt Gerhard Haderer zugleich als Dr. Jekyll und Mr. Hyde auf.

Rein optisch ist er eine herzliche Erscheinung. Schlank, interessant, langhaarig und leicht gebeugt in preiswerten Schuhen stehend, wendet sich Haderer mit dem zärtlich-samtigen Blick einer Schwarzen Mamba dem Gesprächspartner zu. Er ist ein glänzender Zuhörer. Eigene Worte scheinen ihn zu langweilen, weil sie nur sagen, was er schon weiß.

Manchmal, an guten Tagen, erzählt er auch was. Das klingt dann witzig und sozial, wie von Charles Dickens. Normalerweise entlädt sich seine Introvertiertheit in künstlerischen Explosionen. Musikfreunde, die Gerhard Haderer als Rock-Sänger erlebten, vergleichen dieses Erlebnis mit Christian Ludwig Attersees Orgien am Klavier.

Ein Einnehmender. Einer, der einlullt und mit allen Sinnen Stoff ansaugt für böse, malerische Taten.

Wie kann man einen charmanten Luzifer stoppen? Wie ihn daran hindern, als mächtiger Einzelner den ohnmächtigen Vatikan zu kränken? Gerichtsurteile werden nicht genügen. Giftigen Weizen vernichtet man durch Vergiftung des Ackers, also des profil. Die unfrommen Chefredakteure Sven Gächter, Stefan Janny und Herbert Lackner haben Haderer nicht nur gegen das griechische Scherbengericht verteidigt. Sie räumten dem heidnischen Künstler auch noch die Seite 109 ein, um in eigener Sache nachzupfeffern.

In drei meisterlichen Panorama-Cartoons malte er drei misshandelte Cartoonisten: Ruud Klein, in Kugelmugel gefoltert; Manfred Deix, in Entenhausen polizeilich dingfest gemacht; Gerhard Haderer, in Griechenland an eine ionische Säule auf Cap Sunion gefesselt, hoffnungslos auf eine Zypresse und das Ägäische Meer äugend. Dass dieser tendenzielle Cartoon so erscheinen durfte, ist ein Mahnmal des Nepotismus. Chefredakteure und Cartoonisten in unheiliger Allianz. Da wächst der Verdacht, profil sei ein Sammelbecken von Krokodilen, die einander allzu gut verstehen.

So ist es auch in noch schlimmeren Fällen, wie hier enthüllt wird. Haderer machte den Fehler, sein Cartoonisten-Folter-Triptychon mit „Good News“ zu übertiteln. So heißt auch eine profil-Kolumne. Und so heißt auch ein frisches Buch. Dessen Untertitel zeigt geübten Sündern den gleichen unfrommen Geist, den wir an Haderers Werken beklagen: „69 Schluckimpfungen gegen Jammerer, Schwarzmaler und andere Bazillen“.

Mit dem Verdacht kommt die Bestätigung: Jawohl, die Texte sind von einem profil-Autor. Und Gerhard Haderer hat das Titelbild gemalt. Cover-Gestaltung by profil-Design-Guru Erich Schillinger. Und wer hat das Vorwort geschrieben? Christian Rainer, Herausgeber von trend und profil. Wie schon bei Watergate gingen die Fäden bis in die Spitze.

Theoretisch könnte man profil zugute halten, selbstgeißlerische Enthüllungen wie diese abzudrucken. Man möge mit Lob sparen. Die Beteiligten haben kein Schuldbewusstsein im Sinne des römischen Rechts. Am Ende halten sie diese Seite noch für Eigenwerbung.