Härtetest: Die Globalisierung des österreichischen Kinos

Nach ihrem Fehlstart führte die Diagonale 2010 vor Augen, wie weit die Globalisierung der heimischen Kinoszene bereits fortgeschritten ist.

Man merkt im Kino sofort, wenn man belogen wird. Das ist keine Frage des Realismus, nur eine der gebotenen Offenheit: Wer nicht ernst meint, was er zeigt, wird nicht davon ausgehen können, dass seine Ergebnisse für voll genommen werden. Der Traum vom großen Bluff im Unterhaltungsfilm hat sich längst erübrigt. „Der Kameramörder“, die Adaption eines Romans von Thomas Glavinic, die am Freitag dieser Woche in Österreichs Kinos starten wird, hat in diesem Sinn ein Glaubwürdigkeitsproblem, man kann das spüren, sehen und hören. Robert Adrian Pejo hatte offenkundig vor, einen Thriller zu inszenieren, ein Suspense-Kammerspiel am Neusiedler See, das den Zusammenhang zwischen Sadismus und dessen zynischer Visualisierung erkunden sollte. Aber Pejo ist nur eine Sammlung von Falschheiten gelungen: ein Pseudokrimi mit den falschen Bildern, der falschen Geschichte und der falschen Psychologie. „Der Kameramörder“ ist – trotz des durchaus kompetenten Darstellerquartetts (Andreas Lust, Dorka Gryllus, Ursina Lardi und Merab Ninidze) – zu blankem Texturenkino verödet, das unter der Schutzschicht des „Professionellen“, hinter großbürgerlichen Lebenswelten, teuren Flugaufnahmen und jazzig-verblasener Atmosphärenmusik, ins Nichts läuft.

Die diesjährige Diagonale
, das Festival des österreichischen Films, tat sich mit ihrem Eröffnungswerk jedenfalls keinen Gefallen. Es wies noch einmal nachdrücklich darauf hin, dass die gängige Praxis des „Konsensfilms“ am Start großer Festivals dringend neu zu überdenken ist: Die alte Rechnung, hier gerade so viel „Kunst“ zuzulassen, dass filmignorante Ehrengäste und Kinospezialisten einander auf halbem Weg treffen könnten, geht nämlich nie auf, weil man, Spezialist oder nicht, im Kino eben immer gleich merkt, wenn man für dumm verkauft wird.

Gewaltbilder.
Immerhin wohnte Bundespräsident Heinz Fischer der Eröffnung bei, zweifellos um zu signalisieren, wie sehr die Politik hinter dem neuerdings auch wieder international so erfolgreichen österreichischen Film steht. Dass er sich unmittelbar nach Ende der Reden und Auszeichnungen – Klaus Maria Brandauer, Franziska Weisz und Andreas Lust wurden für ihre darstellerischen Leistungen en gros geehrt – im verlöschenden Saallicht still nach draußen eskortieren ließ, sprach dann allerdings weniger für eine seriöse Wertschätzung des hiesigen Kinos als für das erstaunliche Kunststück, sogar leibhaftig und höchstpersönlich noch bloß symbolische Politik zu betreiben.

Kein Filmfestival kommt in Zeiten der zwischen YouTube, iPod-Clips und 3-D-Kino entfesselten digitalen Bilder um die Frage herum, wie die Allgegenwart der elektronischen Laufbilder auf das Kino zurückschlägt. Tatsächlich ist dieses Sujet im aktuellen österreichischen Film ein Zentralthema – und es scheint ausgemacht zu sein, dass da bisweilen gewaltiger Schaden angerichtet wird: Bilder können töten. Mit grob gepixelten Gewaltbildern setzt schon „Der Kameramörder“ an, mit einem aus dem Netz gezogenen Snuff-Movie, einem Kindertötungsfilm von fraglicher Authentizität; in Judith Zdesars beklemmender Short Story „Spaß mit Hase“ werden Prügel-Handyfilme ebenfalls einem Kind zum Verhängnis. Aber der Umgang mit den längst überall frei verfügbaren Bildern zieht viel weitere Kreise: Vom Recycling-Potenzial amerikanischer Kino-Ikonen geht etwa Marvin Krens erlesener Zombiefilm „Rammbock“ aus. Der junge Regisseur hat das von George A. Romero 1968 begründete Genre sichtlich sehr genau studiert, um im realistischen Ambiente einer Berliner Wohnanlage seine ganz eigene Version der Romero’schen „Nacht der lebenden Toten“ zu inszenieren. Mit geringem Budget, stoischem Schauspiel und erstaunlicher Präzision macht Kren die Gattungstraditionen fürs deutschsprachige Gegenwartskino nutzbar – und legte den zugleich spaßigsten und smartesten Spielfilm dieses Jahres vor.

Boxkämpfer.
Man muss nicht weltreisende Kinokünstler wie Michael Haneke, Ulrich Seidl, Michael Glawogger oder Christoph Waltz bemühen, um zu veranschaulichen, dass die Globalisierung des Austro-Autorenfilms längst vollzogen ist. Mit großer Selbstverständlichkeit entstehen derzeit etwa an der Wiener Filmakademie Arbeiten, von denen man schon wissen muss, dass sie de facto, ökonomisch gesehen, aus Österreich stammen, um dies überhaupt in ­Erwägung zu ziehen. Barbara Eder etwa hat ihren mitreißenden texanischen Highschool-Film programmatisch „Inside America“ genannt – und das heißt eben auch: outside of Austria.

Tatsächlich sieht Eders semidokumentarisches Teenagerdrama einem US-Independentfilm zum Verwechseln ähnlich. Auch die Wiener Filmstudentin Catalina Molina hat ihre filigrane Sozialstudie „Talleres clandestinos“ stilistisch viel ruhiger, aber nach ähnlichem Rezept mit Laiendarstellern in Buenos Aires gedreht.

Im Avantgardebereich fand sich heuer, wie jedes Jahr, naturgemäß qualitativ Gemischtes, das hohe Gesamtniveau aber stand erneut außer Frage. Sabine Marte realisierte mit „B-star, untötbar! reloaded“ eine radikal gegenständliche Raumstudie mit sich selbst als Hauptdarstellerin, während am anderen Ende des Stilspektrums Billy Roisz ihren Rechnern eine – mit 13 Minuten Laufzeit in diesem Genre unüblich lange – abstrakte neue Arbeit abtrotzte, der sie den paradoxen Titel „Close Your Eyes“ gab.

Nicht alles ist im experimentellen Segment indes bereits auf Digitalität geschaltet: Der auch als Kinoprojektionist arbeitende Christian Neubacher zelebrierte die unvergleichliche Taktilität und Bildtiefe des 35-mm-Filmmaterials, indem er in seiner zehnminütigen Produktion „East Man“ patinierte Start- und Endbänder alter Kopien bearbeitete – die ­Ausschussware des kommerziellen Kinos als Basis einer Hommage an die eigentliche Substanz des Mediums. Ähnliches hat auch Johann Lurf im Sinn, wenn er in seinem exzentrisch betitelten neuen Film „Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor quer über den großen Sylter Deich 140 9“ einige tausend ge­fundene 35-mm-Einzelfilmbilder inklusive Perforationsstreifen zu einer abgründigen Meta-Story montiert. Die Raserei der Bilder wird für den Zuschauer zum Wahrnehmungshärtetest – und zur dreiminütigen Party für eine verschwindende Kunst: das vordigitale Kino.