Haider trifft Chirac

Wenn die Realität die Übertreibung in den Schatten stellt, ist es Zeit zu wählen.

Libyens Gaddafi, Iraks Hussein und bald Frankreichs Chirac. So haben die internationalen Kontakte des Jörg Haider ausgesehen, und so werden sie noch aussehen. Sobald sich die Freundschaft zum französischen Präsidenten vertieft hat, lässt sich vielleicht auch ein Buch daraus machen: „Zu Gast bei Jacques“. („Zu Gast bei Saddam“ dürfte inzwischen vergriffen sein. Ist angeblich nur mehr in der nordkoreanischen Übersetzung erhältlich.)

Nein, das ist keine Übertreibung, sondern die Realität, wiewohl diese österreichische Realität die Übertreibung in den Schatten stellt.

Denn jeder Kabarettist hätte sich lächerlich gemacht, hätte er vor Jahresfrist einen Hilmar Kabas folgenden Satz sagen lassen: „Ich schließe Jörg Haider aus der FPÖ aus.“ Herr Hilmar hat diesen erstaunlichen Satz nun aber wirklich gesprochen. Und er hat sich nicht deshalb nicht weiter lächerlich gemacht, weil das nur mehr schwer möglich ist, sondern weil der Satz genau die Wirkung hatte, die seinem Bedeutungsinhalt entspricht: Der Titan Haider wurde vom Teschek Kabas aus der FPÖ ausgeschlossen und damit irgendwie auch aus sich selbst.

Ebenfalls aktuelle österreichische Realität und nicht postdemokratische Posse: Der extrem rechte Bundesrat John Gudenus stimmt für den Neuwahlantrag der Linken und der Grünen, wofür er sogleich von einer SPÖ-Bundesrätin geküsst wird, nachdem eben noch zwei ÖVP-Abgeordnete versucht haben, ihn mit Gewalt vom Heben der Hand abzuhalten. („Er ist schwerhörig“, so die treffliche Rechtfertigung. Wir plädieren folgerichtig für eine Verankerung der Schwerhörigkeit in der Bundesverfassung.)

ÖVP-Klubobmann Wilhelm Molterer erklärt flugs das Geschehen: „Gudenus ist bereits zuvor nicht durch besondere politische Weisheit aufgefallen. Diesem Ruf ist er auch jetzt gerecht geworden.“ So kann man das sehen wollen. (Wir sehen es anders: Die fehlende „politische Weisheit“ des John Gudenus bestand darin, dass er 1995 die Existenz von Gaskammern infrage stellte.)

Und nur Stunden nach der Abstimmung im Bundesrat, mit der er die Regierung kippen wollte, ersucht Gudenus den Kanzler um die Entsendung von zwei Deutschnationalen in die Regierung. Er meint damit tatsächlich die Regierung der Zweiten Republik, die in einer Art Parallelaktion eben die Befreiung Österreichs von der mörderischen deutschen Umklammerung feiert.

Andreas Khol über die Vorgänge im Bundesrat: „Ein einmaliger Ausrutscher.“ Wolfgang Schüssel vor knapp zwei Wochen über Jörg Haider: „Eine konstruktive Persönlichkeit.“ Jörg Haider vor fünf Jahren über Jacques Chirac: „Ein Westentaschennapoleon.“ (Daraufhin setzte es die Sanktionen.)

Wie gesagt, auch das ist österreichische Realität: Falls wir nicht zuvor wählen dürfen, wird Jörg Haider ein Gastgeber des französischen Präsidenten sein.
Halbjahr eins des Jahres 2006: Großer Bahnhof. Österreich hat die Präsidentschaft der Europäischen Union inne. Es gibt zu diesem Zeitpunkt zwei mächtige Männer im Land, die nach eigenem Ermessen ausländische Hände schütteln dürfen. Das sind die Chefs der beiden Regierungsparteien, Herr Schüssel (mächtig als Kanzler) und ein gewisser Herr Haider (mächtig, weil er den Kanzler jederzeit stürzen kann). Es wird ein prächtiges Schauspiel.

„Good morning, Mister Blair. Tut mir leid, Coventry war eine Nebenwirkung der ordentlichen Beschäftigungspolitik.“

„Buenos dias, Señor Zapatero. Die EU sollte der Waffen-SS jene Ehre zuteil werden lassen, die General Franco in Spanien genießt.“

„Bonsoir, Monsieur Westentaschennapoleon. Ich kann nur wiederholen: Sie haben alles falsch gemacht.“

Die europäischen Politiker (und wohl auch der amerikanische und der russische Präsident) werden ihren Augen nicht trauen: Ihnen wird breit lächelnd gegenübersitzen:
jener Mann, der sie so empörte, dass sie gedankenlos die Sanktionen erfanden;
der wegen des öffentlichen Drucks jenen Parteivorsitz abgab, den er nun wieder innehat;
den die drei Weisen nicht kritisieren konnten, weil er nicht selbst in der Regierung saß;
über den man straflos sagen kann, dass er „Nazi-Parolen“ verwendet hat.

Die Realität, die auch in diesem Fall die Übertreibung um Längen schlägt: Parteichef Haider mit seinem Fraktionschef Herbert Scheibner im Schlepptau wird sich der Welt als der Mann präsentieren, der seine Bewegung mit der Gründung des BZÖ von den Deutschnationalen und den Ausländerfeinden befreite. Haider
ist deutschnational, und Scheibner war Wiener Spitzenkandidat im ausländerfeindlichen Wahlkampf 1999.

Herr Bundeskanzler: Lasset uns wählen!