Halbe Kerle

Um in der albanischen Macho-Gesellschaft bestehen zu können, mussten manche Frauen ihre weibliche Identität ablegen. Die US-Fotografin Jill Peters fand die letzten Überlebenden einer jahrhundertealten Tradition.

Von ihren Neffen und Nichten werden sie „Onkel“ gerufen. Mit größtem Respekt. Keiner aus ihren Familienclans würde es wagen, sie an ihr früheres Leben als Frau zu erinnern. Auch innerhalb ihrer Dorfgemeinschaft werden die albanischen Mannfrauen nur als Männer angesprochen.
„Ihre Bewegungen, Gesten sind von einer völlig natürlichen Virilität“, so die amerikanische Fotografin Jill Peters ( Website: Jill Peters Photography ), die sich über Wochen im Norden Albaniens langsam an die sehr verschlossenen und introvertierten so genannten „Burneshas“ herangetastet hatte. „Manche haben erzählt, dass sie vor diesem einschneidenden Schritt die Gebärden und den Gang der Männer tagelang studiert haben.“

Fluch der Blutrache
Im Gegensatz zur westlichen Zivilisation, wo der Tausch von Geschlechtsidentitäten in der Regel einen seelischen Leidensdruck zum Ursprung hat, haben die albanischen „Schwurjungfrauen“ ihr weibliches Ich aus simplem Überlebenswillen hinter sich gelassen. In einem Land, in dem, so Jill Peters, „noch immer 20.000 Familien unter dem Fluch der Blutrache stehen“, kam und kommt es häufig zu einem Männerengpass. Doch nicht nur der archaische Ritus der Blutfehden, auch Krieg und Krankheiten haben die Oberhäupter der Familien und ihre männlichen Nachfolger über die Jahrhunderte stark dezimiert. Die zurückgelassenen Frauen blieben meist hilf- und erwerbslos sowie völlig ohne Rechte zurück – und ohne Möglichkeiten, ihre vaterlosen Kinder über die Runden zu bringen.
Die Flucht in die Männlichkeit war manchmal aber auch die einzige Möglichkeit, um unbeschadet einer Zwangsheirat zu entkommen und dem vorbestimmten Schicksal auf diese Weise zu entrinnen. Eine andere Form der Emanzipation gab es nicht: Nur mit geschorenen Haaren, in ausgebeulten Hosen und einem von Sexualität und Liebe gesäuberten Leben konnten die Frauen des ländlichen Albaniens eine freie und selbstbestimmte Existenz führen und auch am öffentlichen Leben teilnehmen.

In dem archaischem Macho-Land mit den finsteren, patriarchalischen Strukturen war das Leben einer Frau bis weit in die Gegenwart nur halb so viel wert wie das eines Mannes; bei unversehrter Jungfräulichkeit konnte sie bestenfalls mit der Bedeutung des Mannes in der gesellschaftlichen Wertigkeit gleichziehen. Die Tradition der „Burneshas“ verbindet beides: Männlichkeit und Keuschheit. Denn wenn eine albanische Frau sich dazu entschließt, sich völlig von ihrer weiblichen Identität abzuspalten, muss sie auch für den Rest ihres Lebens ein Keuschheitsgelübde schwören.

Die Tradition des Geschlechtswechsels, die seit gut 500 Jahren besteht, jedoch mit Geschlechtsumwandlung oder Homosexualität in Verbindung zu bringen wäre falsch. Albanien ist noch immer von extremer Homophobie geprägt; eine Geschlechtsoperation käme bis heute einem gesellschaftlichen Selbstmord gleich.

Die Schwurjungfrauen können nur ihr Ansehen wahren und überleben, indem sie jede Sexualität gänzlich aus ihrem Leben ausklammern. Inzwischen existieren nur noch geschätzte 40 „Burneshas“ im abgeschotteten Norden Albaniens, und es dürften auch die letzten ihrer Art sein.

„Die jungen Mädchen haben natürlich kein Interesse mehr an dieser Lebensform“, erzählt die Fotografin Jill Peters, die auch an einem Dokumentarfilm über das Phänomen arbeitet: „Ich habe mit Lumia nur eine junge Schwurjungfrau gefunden, die ihr Schicksal aber nicht aus gesellschaftlicher Notwendigkeit, sondern aus freien Stücken gewählt hat. Sie findet es einfach cooler, wie ein Mann zu leben.“

Fernes Universum
Die älteste der Patriarchinnen ist mit 86 Jahren Hajdari, die nach der Ermordung ihres Vaters vor 60 Jahren ihr Leben als Frau aufgab. Sie scheut sich jedoch nicht, Fotos von sich als junges Mädchen aus den Schubladen zu kramen und sie mit unsentimentaler Gelassenheit der amerikanischen Besucherin zu zeigen: „Ich hatte den Eindruck, dass die Bilder für sie wie Postkarten aus einem fernen, surrealen Universum waren.“ Der kleine Bub, der sich auf einem Foto übrigens an seinen „Großonkel“ kuschelt, ist fünf Jahre alt. Er hat kürzlich seinen Vater bei einer Blutfehde verloren. Seither ist er zu einer lebenden Zielscheibe geworden und muss versteckt leben. Ein Schicksal, das der Kleine mit Tausenden anderen Kindern im ländlichen Albanien teilt. „Es ist unglaublich“, erzählt Peters, „diese Kinder können keine Schule besuchen, ihre Häuser kaum verlassen und nicht nach draußen zum Spielen gehen.“

Doch das ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

Reue und der Ärger über ein verlorenes Leben kamen in den Interviews, die Peters mit den letzten Relikten einer jahrhunderte­alten Tradition führte, nicht vor. Nur eine der betagten Frau-Herren seufzte irgendwann in einem Gespräch: „Früher gab es bei uns zwischen einer Frau und einem Tier kaum einen Unterschied, aber heute macht es sicherlich auch viel Spaß, eine Frau zu sein.“