Haneke: "Bin ich gnadenlos?"

Interview. Regisseur Michael Haneke über liebevolle Faustschläge, explodierende Körper, Juliette Binoches Kleiderschrank und seine erste US-Produktion, das Remake seines Schockers „Funny Games“.

profil: Ihre Lust daran, Interviews zu geben, ist, wie Sie gerne betonen, gering. Trotzdem scheinen Sie gu­ter Dinge zu sein.
Haneke: Ich habe einfach, was meine Arbeit betrifft, zu praktisch allem schon alles gesagt. Interviews mit mir zum Thema „Funny Games U.S.“ etwa beschränken sich im Allgemeinen auf drei Fragen: Warum ein Remake? Warum ein Shot-for-Shot-Remake? Und warum ein Film mit Naomi Watts?

profil: Diese Fragen habe ich zum Glück alle nicht auf meiner Liste. Stattdessen diese: Ist Ihr neunter Kinofilm, streng genommen, nicht zugleich wieder Ihr vierter?
Haneke: Ich habe nicht mitgezählt. Ist das so? Ist das schon der neunte?

profil: Ja. Und ein absurder Film obendrein: ein Gewaltepos, das sein Publikum regelrecht attackiert. Es ist kaum zu glauben, dass der Autor von „Code inconnu“ derselbe sein soll, der auch „Funny Games U.S.“ gedreht hat.
Haneke: Wieso?

profil: Weil der eine Film von großer Offenheit ist, der andere aber ein geschlossenes zynisches System. Der eine lässt Dinge zu, der andere ist überkontrolliert.
Haneke: Er ist so kontrolliert, um vorzuführen, wie der Zuschauer im Kino kontrolliert wird. „Funny Games U.S.“ arbeitet ebenso im Dienste der Freiheit wie „Code inconnu“. Beide Filme versuchen, den Zuschauer produktiv zu verunsichern. Insofern sehe ich da keinen gro­ßen Unterschied.

profil: Das sind für Sie nur zwei Seiten derselben Medaille? Humanismus sanft und Humanismus brutal?
Haneke: Das sind große Worte. Ich denke, dass man Kunst nur mit einem humanistischen Ansinnen betreiben kann. Sie richtet sich immer an einen Rezipienten, den sie ernst nimmt und nicht verblöden oder ausnehmen will. Insofern muss jeder Filmemacher seine Verantwortung wahrnehmen – und humanis­tisch agieren: egal, ob er dem Zuschauer in die Fresse schlägt oder ihm in aller Ruhe begegnet. Das ist wie in einer Liebesbeziehung: Da umgarne ich meinen Partner ja nicht unentwegt nur mit Schmeicheleien, sondern mute ihm auch Unangenehmes zu. Das ist ein größeres Zeichen von Liebe, als ihm immer nur mitzuteilen, wie sehr man ihn schätzt.

profil: Sie glauben, dass es so etwas wie einen liebevollen Faustschlag ins Gesicht gibt?
Haneke: Der Unterschied zwischen „Funny Games“ und meinen anderen Filmen besteht in der Tat darin, dass er als Provokation gedacht ist. „Funny Games“ ist aus dem Ärger über den bedenkenlosen Konsum von Gewalt entstanden.

profil: 1997 erreichte das Original eher wenig Publikum. Deshalb wollten Sie es amerikanisieren?
Haneke: Das war immer eine amerikanische Geschichte: Man muss nur das Haus sehen, in dem sie spielt; so etwas gibt es in Österreich gar nicht. Das ist ein amerikanisches Einfamilienhaus.

profil: Zur Absurdität Ihres Films gehört der Umstand, dass er einen de facto quält. „Funny Games“ ist ein Film, der sich ­seinen eigenen Zuschauer ersparen will.
Haneke: Das war immer das Konzept. Wenn einer meiner Zuseher bis zum Ende sitzen bleibt und sich nachher darüber empört, ist er ein Heuchler und ein Zyniker. Denn wenn er geblieben ist, hatte er den Film offenbar nötig, sonst wäre er ja vor dessen Ende gegangen. Ich verstehe natürlich völlig, wenn jemand, der auf Gewalt im Kino besonders empfindlich reagiert, nach kürzester Zeit das Weite sucht. Für den ist mein Film auch nicht gedacht.

profil: Sondern?
Haneke: Er richtet sich an die, die es betrifft. Meine anderen Filme sind ja auch nicht an Menschen in der Dritten Welt gerichtet, die haben wirklich andere Probleme. Man kann nicht alle Leute be­dienen.

profil: Es wäre für Sie somit ein gutes Zeichen, wenn auch „Funny Games U.S.“ kaum Besucher hätte?
Haneke: Nein, er müsste viele Besucher haben, die dann aber nicht bis zum Ende bleiben. Das wäre ein Zeichen dafür, dass mein Publikum noch gesunde Abwehrmechanismen hat. Wer sitzen bleibt, scheint so viel Brutalität geil zu finden.

profil: Kennen Sie jemanden, der das geil findet?
Haneke: Weiß ich nicht. Ich halte ja niemandem die Hand, der in meinen Filmen sitzt. „Funny Games“ arbeitet mit dem Klebstoff der Spannung. Er ist gut gebaut, er „funktioniert“. Das will er zeigen: wie sehr das Kino zu manipulieren fähig ist. Ich kann einen mit Verfremdungseffekten irritieren, wie ich will, am Klebstoff des Genres bleibt man dennoch hängen.

profil: Sie haben „Funny Games“ einst „die Parodie eines Thrillers“ genannt. Besonders lustig kann man weder Original noch Remake nennen, oder?
Haneke: Parodien müssen ja nicht immer lustig sein.

profil: Ist das nicht die Definition einer Parodie: dass sie Spaß macht?
Haneke: Vom Überbau her ist „Funny ­Games“ doch lustig. Sicher, was da passiert, ist grauenhaft. Aber das ist ja kein realistischer Film, sondern ein Modell. Nehmen Sie die beiden Täterfiguren: Die sind völlig flach, haben keine Biografien und machen sich lustig über den Umstand, dass sie eigentlich welche haben müssten. Sie sind bloß Modelle eines Genres.

profil: „Funny Games“ ist ein völlig theoretisches Spiel, dessen äußerste Klarheit verstört: Eine Grausamkeit baut auf die andere. Der Kritiker Thomas Assheuer hat Ihre Methode „dämonische Transparenz“ genannt. Ist das auch eine Breitseite gegen die barocken Lärminszenierungen Hollywoods?
Haneke: Klar. Die Überredungsmittel durch Effekt sind aufgebraucht. Heute kann man extreme Schockeffekte nur noch durch extreme Einfachheit erzielen – durch den Kontrast. Wenn sich in „Caché“ jemand die Gurgel durchschneidet, muss die Einstellung dazu lang und simpel sein, ohne jeden Effekt. Das ist ihre Stärke. Hätten wir das mit Großaufnahme und Schnitt zu einem blutigen Effekt verfremdet, wäre die Szene sinnlos gewesen, weil diese Mittel inzwischen völlig verschlissen sind.

profil: Der Wert des Schocks ist für Sie ungebrochen?
Haneke: Ja, die Frage ist nur: Was kann uns noch schockieren? Man könnte einen hübschen Kurzfilm machen, in dem man eine Erschießung mit einer Serie chronologisch geordneter Filmszenen seit 1895 illustriert: vom ersten Schuss der Filmgeschichte bis in die Gegenwart.

profil: Welche Erkenntnis wäre daraus zu gewinnen?
Haneke: Die Gewalt wird einem inzwischen um die Ohren geschlagen; erst hat es nur geknallt, und jemand ist umgefallen, später gab es ein rotes Loch an der Kleidung, dann ist schon Blut aus der Wunde gespritzt, und heute explodiert bereits der halbe Körper zu Geräuschen, als würde man eine Kanone abfeuern. Hören Sie sich doch die Tonmischung amerikanischer Action-Blockbuster an: Da haut’s einem ja die Ohren raus! Mit Realismus hat das null zu tun, aber dafür zahlt der Zuschauer ja auch: Er kann das Spektakel nur genießen, weil es mit seiner Wirklichkeit absolut nichts zu tun hat. Das ist die völlige Entrealisierung der Gewalt. Dadurch schockiert sie auch niemanden mehr. Das Genrekino ist eine Geisterbahn für Erwachsene.

profil: Ihr neuer Film hat bei der US-Kritik, vor allem in den seriösen Blättern, böse Reaktionen provoziert. Sie sind möglicherweise auch darauf zurückzuführen, dass Sie schon im Vorfeld deklariert haben, „Funny Games U.S.“ erkläre insbesondere den Amerikanern, wie moralisch desolat ihr Kino sei.
Haneke: Das habe ich nie gesagt. Deshalb gebe ich inzwischen so ungern ­Interviews: Jeder spricht mich auf ­diese theoretischen Dinge an, dann muss ich sie erklären – und am Ende wird nur der Überbau diskutiert. So fühlt man sich, ehe man den Film überhaupt zu sehen kriegt, bereits bevormundet. Ich glaube nicht, dass „Funny Games“ mit einem so unglaublichen pädagogischen Impetus daherkommt; der Film ist doch sehr spielerisch und spannend, seine Brechungen finden en passant statt, werden gleichsam subkutan verordnet. Ich habe mir geschworen, beim nächsten Film kein einziges Interview mehr zu geben. Ich sage nichts mehr.

profil: Aber Sie lachen, während Sie das erklären. Meinen Sie das ernst?
Haneke: Ja, denn ich fürchte mich schon davor, was ich wieder alles lesen werde. Ich bemühe mich, Filme zu machen, die offen sind für Interpretation – und über den Umweg der Berichterstattung wird dann dennoch alles zu Tode erklärt.

profil: In Österreichs Kinoszene sind Sie so etwas wie eine Rarität, weil Sie ausschließlich Filme über das Bürgertum machen.
Haneke: Das ist das Einzige, was ich kenne. Ich kann keine Filme über Arbeitersiedlungen machen, weil ich in einer solchen nie gelebt habe. Und ich mache ja keine sozialkritischen Filme. Um ein gewisses Niveau der Wahrhaftigkeit zu erreichen, muss man bei sich selbst anklopfen und nachfragen – nicht anderswo.

profil: Die Filmförderungssituation in Österreich ist nach wie vor prekär. Führt die Politik mit Ihnen Gespräche?
Haneke: Kaum. Ich dachte eigentlich, dass den vollmundigen Ankündigungen der Politiker nach dem Oscar für Stefan Ruzowitzky Taten folgen würden. Ich habe aber seither nicht viel gehört.

profil: Das ist mehr Déjà-vu als Ihr Remake.
Haneke: Es ist vor allem traurig – und nicht nur, weil die Politiker so wenig Geld fürs Kino aufwenden, sondern auch weil der ORF als wesentliches Standbein der Filmförderung mehr oder minder ausgefallen ist. Wobei mich selbst dies am wenigsten betrifft – aber als jemand, der sich mit dem Filmnachwuchs befasst, muss ich feststellen, dass es immer schwieriger wird, hierzulande Filme zu machen. Im öffentlichen Bewusstsein ist der österreichische Film kein Thema. In Frankreich nimmt die ganze Nation an Filmangelegenheiten teil.

profil: Die Television spielt in „Funny ­Games“ eine gewichtige Rolle: Ein Fernsehgerät strahlt, bespritzt mit dem Blut eines Kindes, Belanglosigkeiten ins bürgerliche Wohnzimmer. Das zeigt, wie gern Sie das Fernsehen haben.
Haneke: Es ist ja ein Faktum, dass das Fernsehen in Sachen Gewalt ein großer Dehumanisierer ist. Es ist in sehr viel höherem Maße für die Entrealisierung der Gewalt verantwortlich als das Kino. Wie oft geht der Durchschnittsmensch denn ins Kino? Einmal im Monat vielleicht. Aber die Glotze daheim läuft ununterbrochen und vermittelt vor allem Kindern und Jugendlichen ein Weltbild, in dem die Gewalt ein zentraler Bestandteil ist – von den Nachrichten bis zum Krimi. Dabei entsteht der Eindruck, dass soviel Brutalität ganz normal sei. Aber wenn wir beide uns nun fragen, wann wir zuletzt persönlich mit realer Gewalt konfrontiert waren, wird uns vermutlich nicht viel einfallen.

profil: Glücklicherweise.
Haneke: Und das gilt für 98 Prozent der Menschen in unseren Breiten. Das Bild, das uns dieser Kasten daheim vermittelt, entspricht also keineswegs der Wirklichkeit. Das halte ich für äußerst bedenklich.

profil: Aber auch „Funny Games“ vermittelt doch keineswegs die Wirklichkeit.
Haneke: Natürlich nicht. Behauptet ja auch niemand. Der Film setzt sich kritisch mit einem Genre auseinander. Das Genre ist die Wirklichkeit, die er bearbeitet.

profil: Ihre Hauptdarstellerin Naomi Watts hat in einem Interview unlängst gesagt, dass Sie, was Kostüme oder Kulisse betreffe, immer auf der Jagd nach dem „real thing“ seien. Sie habe sogar ihre eigenen Kleider mitbringen müssen, weil Sie mit allen Kostümvorschlägen unzufrieden waren. In welchem Verhältnis steht aber nun diese Realismus-Akribie zur stilisierten Form Ihres Films?
Haneke: Das ist mein altes Credo: Man kriegt einen Zuschauer nur durch Genauigkeit. Mein ständiger Kampf mit Kos­tümbildnern ergibt sich auch daraus, dass niemand zu sehen scheint, wie Textilien aussehen, wenn man in ihnen lebt. Sie haben Falten, tragen Spuren. Für „Caché“ hab ich mit meiner Kostümbildnerin den Kleiderschrank von Juliette Binoche ausgeräumt, damit sie im Film etwas anzuziehen hat, das ihr entspricht. Das merkt man. Man kann es nicht beschreiben, aber man spürt es.

profil: Das erinnert an Erich von Stroheims Obsession, seine Schauspieler sogar noch mit teurer Seidenunterwäsche auszustatten, um das Adelsmilieu realistisch zu zeichnen – obwohl kein Mensch im Kino diese Unterwäsche je zu sehen bekam.
Haneke: Genau. Denn man spürt, ob es die richtige Kleidung ist. Man kann das sogar hören: Ich rede am Telefon anders, solange ich noch meinen Pyjama anhabe. Man hat mehr Kraft, wenn man fertig angezogen ist. Man fühlt sich instinktiv beschützter. Das sind Kleinigkeiten, aber die einzige wirkliche Tugend jeder künstlerischen Äußerung ist die Genauigkeit. Als Musiker müssen Sie erst mal genau spielen können, was in der Partitur steht; was dann noch an Interpretationsfeinheiten dazukommt, ist sekundär. Stardirigenten wie Toscanini waren Fanatiker der musikalischen Millimeterarbeit: Das musste exakt die Note sein, die am Blatt stand, keine Zehntelsekunde länger oder kürzer. Erst durch solche Präzision entsteht der große Eindruck.

profil: Ihre Sucht nach dieser Präzision führt dazu, dass Sie in der Arbeit eine gewisse Gnadenlosigkeit walten lassen.
Haneke: Bin ich gnadenlos? Ich glaube, dass ich etwa zu den Schauspielern sehr nett bin. Ich bin halt relativ stur. Ich tobe aber nicht herum.

profil: Konfliktscheu kann man Sie nicht nennen, oder?
Haneke: Privat bin ich sogar extrem konfliktscheu. Wenn mich jemand im Kaffeehaus blöd anredet, dann gehe ich lieber, als mich auf einen Streit einzulassen. Aber bei der Arbeit geht’s ja nicht um mich, sondern um die Sache: Da machen mir Konflikte zwar auch keinen Spaß, aber wenn’s sein muss, haben wir halt einen.

profil: Ein Kritiker hat geschrieben, dass Sie sogar den Wimpernschlag Ihrer Schauspieler noch kontrollieren.
Haneke: Das ist wirklich übertrieben. Obwohl es Schauspieler gibt, die das tatsächlich können: ­Isabelle Huppert etwa kann nach einem bestimmten Wort ihres Texts punktgenau die Träne fließen lassen, wenn ich sie darum bitte. Naomi Watts ist ähnlich präzise. So etwas macht schon Freude.

profil: Nun plant Hollywood eine Version Ihres Films „Caché“. Wie weit ist die denn gediehen?
Haneke: Vor wenigen Wochen erst wurde die Option auf mein Drehbuch verlängert. Der Name des Regisseurs Ron Howard wurde kolportiert: ob er die US-Version inszenieren wird – keine Ahnung. Gerüchteweise soll George Clooney die Hauptrolle spielen. Er wäre sogar sehr passend, finde ich. Für Juliette Binoches Part wurde allerdings Julia Roberts genannt. Aber auch dagegen habe ich nichts, denn mit der Höhe der Produktionskosten steigt auch mein finanzieller Anteil. Ich sehe das somit sehr gelassen.

Interview: Stefan Grissemann