Hanna Rosin und das Ende der Männer: Mit ­Karacho in die ­Sackgasse

Hanna Rosin und das Ende der Männer: Mit ­Karacho in die ­Sackgasse

Die US-Feministin Hanna Rosin prognostiziert den Untergang der Männer – ein Interview mit der Bestsellerautorin. Und: Warum die Realität ihren Thesen nicht standhält.

Heilige Maria, Jungfrau, werde Feministin und erlöse uns von Putin!“ So lautete das Stoßgebet der russischen Punkband „Pussy Riot“, das ihr im vergangenen Jahr weltweiten Ruhm und den Verlust der Freiheit einbrachte.
Doch Feminismus, Mutter Maria, ist inzwischen ein sehr raues, aber auch durchaus lukratives Geschäft geworden, wie der jüngste Bestsellererfolg „Das Ende der Männer“ der US-Journalistin Hanna Rosin zeigt. Und Erlösung scheint dabei genauso wenig in greifbarer Nähe wie Lösungen. Denn die zunehmende Salonfähigkeit eines Männer-Bashings, bei dem das andere Geschlecht von einem radikalen bis brutalen Feminismus zum Trümmerhaufen deklariert wird, führt zu einer sinnentleerten Verhärtung der Fronten und mit Karacho in die Sackgasse. Ist auch außerdem nicht mehr ganz neu: Schon vor Jahren schrieb die „New York Times“-Kolumnistin Maureen Dowd das Buch „Are Men Necessary?“, und die Feministin Susan Faludi stellte in „Stiffed“ den amerikanischen Mann als schwer angeschlagenen Patienten in die Auslage.

"Lächerlichkeit der Debatte"
Ein von buchhalterischem Kleingeist getragener Schlagabtausch, in dem sich eine Fraktion die Defizite und Privilegien der anderen vorrechnet und vorhält, bewirkt neben einem atmosphärischen Temperatursturz tatsächlich nur Ablenkung von der eigentlichen Problematik. Denn längst hat sich der Geschlechter- zu einem Klassenkampf verwandelt.
Die Pariser Feministin Elisabeth Badinter warnt bei einem profil-Besuch in Paris „vor der Lächerlichkeit der aktuellen Debatten“: „Es ist doch absurd, dass wir im 21. Jahrhundert noch über Stillzeiten und Väterkarenz verhandeln. Die wahren tektonischen Verschiebungen finden nicht mehr zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen den sozialen Schichten statt. Dorthin wird sich die Kampfzone der nahen Zukunft verlagern.“
Fast ist man verführt, dem radikal männerbewegten Autor Ralf Bönt („Das entehrte Geschlecht“) auf die Schulter zu klopfen, der im profil-Interview „das betonierte Opfer-Täter-Schema“ beklagte, das „mit Schaum vor dem Mund immer weiter verlängert und immer aggressiver wird“. Man tut es dann doch nicht, denn schließlich erzählt Bönt auch vom „Liebessinn des Mannes“, der vom bösen Feminismus als „ständige Bedrohung dargestellt“ wird, und ähnlichen Unfug.

Mit der Ansage „Das Ende der Männer“ hat die bislang nur der linksliberalen US-Meinungselite bekannte Journalistin Hanna Rosin (siehe Interview am) Ende die Diskurswippe in der Genderdebatte wieder hoch- und auf hohes Niveau geschaukelt. Dabei hatten wir doch eben erst im Sommer die letzte Geschlechter-Aufregung hinter uns gebracht. Denn just in jenem Magazin, in dem auch Rosin ihren ideologischen Trommelwirbel ursprünglich losließ, „The Atlantic“, hatte die Princeton-Professorin Anne-Marie Slaughter, 54, zuvor unter dem Titel „Warum Frauen noch immer nicht alles haben können“ über ihren Parcours des schlechten Gewissens zwischen ihrem Job als Beraterin der Außenministerin Hillary Clinton und der Mutterschaft von zwei pubertierenden Buben referiert. Und damit für die sommerliche Themendürre der Meinungs- und Kommentatorenindustrie Abhilfe geschaffen. Das Drama endete mit der schmerzhaften Katharsis, das häusliche Glück über den Weltfrieden zu stellen: Die verheiratete Slaughter begnügte sich dann „nur“ mehr mit einer Professur für Politologie an der Ivy-League-Universität Princeton.

Märchenstunden
Rosin betreibt jetzt mit ihrer These die 180-Grad-Wende von Slaughters resignativem Manifest. Ähnlich den saisonal wechselnden Trendfarben und Rocklängen in der Textilbranche muss schließlich auch die Gender-Industrie mit Meinungsmoden am Rotieren gehalten werden.
Im Kosmos von Hanna Rosin befinden sich Frauen rasant auf einer Überholspur, was ihre gesellschaftliche Bedeutung und ihre beruflichen Fähigkeiten betrifft. Sie seien die großen Krisengewinnler; denn drei Viertel der Jobs, die im schwarzen Loch des Finanzcrashs verschwunden
sind, haben Männer verloren. Doch die triste gegenwärtige Lage des Mannes ist nicht allein dem Zusammenbruch der ­Finanzwelt anzulasten. „Wie tief Männer ­gesunken waren“, schreibt Rosin, sei das Resultat „einer Entwicklung, die schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange ist“. Das neue Thema bestünde darin, dass Frauen „erstmals in einer 200.000-jährigen Periode der Menschheitsgeschichte die Männer in vieler Hinsicht übertroffen haben“.

Als Personifizierung für jenen drastischen Sinkflug des Mannes bemüht Rosin in ihrem Buch, dessen Titel übrigens von einem Mann und „Atlantic“-Kollegen stammt, eine Leidfigur namens Calvin, der von seiner Frau, einer Tagesmutter, und der gemeinsamen Tochter aus dem gemeinsamen Familienverbund geschubst worden war. Zu viele Jobs hatte Calvin in letzter Zeit nur zu kurz halten können. ­Seine Abwesenheit würde den beiden Hinterbliebenen „einen Müsliriegel mehr“ garantieren „und eben mehr Freiheit und weniger Belastung“. Hätte Rosin in dieser leicht menschenverachtenden Tonart über eine Frau geschrieben, wäre die Empörung groß gewesen.

Abgesehen davon: Die Überprüfung der gesellschaftlichen Realität degradiert Rosins Lobgesang auf die neue weibliche Überlegenheit und den damit verbun­denen radikalen gesellschaftlichen Wandel in vielen Punkten zu Märchenstunden.

Rosin schreibt vom Aufschwung der indischen Frauen, die durch bessere Englischkenntnisse im Dienstleistungsgewerbe von Callcentern ihre männlichen Mitbewerber mühelos überflügeln. Angesichts der Vergewaltigungstragödie in Neu-Delhi im Dezember, bei der eine junge Frau von sechs Männern in einem Bus missbraucht und mit Eisenstangen gefoltert worden war und die alles andere als ein Einzelfall war, dürfte es für Indiens Frauen vorderhand weit dringlichere Probleme als Bildungsfragen geben.
Wie sehr auch Rosins optimistische Darstellung des Wertewandels in Ländern wie Südkorea, China und Indien schöngefärbt ist, beweist die US-Wissenschaftsjournalistin Mara Hvistendahl mit ihren Recherchen in ihrem eben auf Deutsch erschienenen Buch „Das Verschwinden der Frauen“. In besagten Ländern sei die Abtreibung weiblicher Föten in den letzten fünfzehn Jahren kontinuierlich angestiegen: „So sind 63 Millionen Frauen einfach nie geboren worden. In chinesischen Ballungszentren kommt inzwischen ein Mädchen auf zwei Buben – der technologische Fortschritt der Frühdiagnostik verstärkte die demografische Maskulinisierung der Gesellschaft.“

Doch auch die westliche Welt braucht noch ein knappes Jahrtausend, bis sich Männer und Frauen beruflich auf Augenhöhe begegnen werden.
Die internationale Arbeitsorganisation in Genf prognostizierte, dass bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Entwicklung erst in 959 Jahren mit einer völligen Gleichberechtigung von Frauen in allen Bereichen zu rechnen sein wird.

Feminismus ohne Orientierung
Wenn die inzwischen 70-jährige Alice Schwarzer kürzlich auf ihrer Internetseite Bettina Wulffs Trennung von ihrem Ex-Bundespräsidenten-Gatten Christian als „mutigen Schritt zu einem selbstbestimmten Leben“ qualifiziert, kann man nur zart einwerfen, dass dieselbe Bettina im Status der First Lady mit Sicherheit nicht von so viel Courage zu Solo-Exkursen beflügelt gewesen wäre. Schwarzers Ansage beweist aber auch, in welch hinterwäldlerischem und orientierungsbedürftigem Zustand sich der Feminismus befindet. Aber DEN Feminismus gibt es ohnehin schon längst nicht mehr.
„Man ist verwirrt“, bekennt sich auch die „Washington Post“ zur Ratlosigkeit. „Wenn man sich nicht wie Rosin das Ende der Männer herbeiwünscht, ist es jetzt eigentlich angesagt, Lipstick- oder dauerstillende Ökofeministin zu sein? Oder sollte man wieder zur Old-School-Feministin mutieren und die alte Beauvoir-Theorie vom ­Geschlecht als sozialem Konstrukt wiederaufleben lassen? Oder einfach nur mit ­seiner Vagina plaudern?“ Die letzte sarkastische Bemerkung bezieht sich auf Naomi Wolf, Autorin des feministischen Standardwerks „Der Schönheitsmythos“, die eben die Biografie über ihr Geschlechtsteil „Vagina“, inklusive ihrer Orgasmusschwierigkeiten, veröffentlichte.
Wie elitär und abgehoben diese Form der Debattenkultur eigentlich ist, beweist ein Blick auf die aktuellen Statistiken.

Österreich erweist sich innerhalb der westlichen Welt als besonders konservatives Pflaster für traditionelle Geschlechterrollen. Mit 50 Prozent der erwerbstätigen Frauen in der Teilzeitfalle, wie der jüngst Rechnungshofbericht offenlegt, liegt unser Land im Spitzenfeld eines Arbeitsmodells, das die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit nachweislich erheblich beeinträchtigt. 1998 machte das mittlere Bruttojahreseinkommen von Frauen 60 Prozent von dem der Männer aus; dreizehn Jahre später, mit dem Erhebungszeitraum 2011, hat sich daran keine Komma­stelle geändert.
Steinzeitliche Verhältnisse prägen auch unangefochten das untere Erwerbssegment: Als Hilfsarbeiterinnen verdienen Frauen durchschnittlich nur 54 Prozent vom Medianeinkommen der Männer.

"Das tu ich mir nicht an "
Die am härtesten vom Abdriften unter die Armutsgrenze betroffene Bevölkerungsgruppe stellen alleinerziehende Mütter dar: Eine Studie des Sozialministeriums erhob im vergangenen Jahr, dass 49 Prozent der Alleinerzieherinnen es sich nicht mehr leisten können, eine Woche Urlaub im Jahr zu machen. Bei Haushalten mit beiden Eltern betraf das nur 27 Prozent. 59 Prozent der befragten Solo-Mamas gaben an, unerwartete Ausgaben von 900 Euro nicht mehr aus eigenen Mitteln tätigen zu können. Auch im gehobenen Milieu gibt es keinen Anlass zu Jubelmeldungen: Der Frauenanteil in österreichischen Aufsichtsräten lag zuletzt bei 2,2 Prozent. Das ist EU-weit übrigens der viertletzte Platz, im Durchschnitt sind in Europa 8,9 Prozent der Aufsichtsräte Frauen.

„Happy housebands“, wie die holländische Trendforscherin Li Edelkoort jene Männer bezeichnet, die zugunsten der Familie ihre Karriere reduzieren, sind europaweit noch Mangelware, in Österreich aber besitzen sie echten Raritätswert. profil porträtierte deswegen drei Repräsentanten dieser neuen Spezies. Laut den jüngsten Zahlen des Frauenministeriums waren zuletzt – im Durchschnitt aller Karenzgeldmodelle – ganze fünf Prozent der Kindergeldbezieher Männer – am häufigsten in den Kurzvarianten von zwei bis vier Monaten.
Auch bei den Alleinerziehenden sind Frauen deutlich überrepräsentiert: 100.000 alleinerziehenden Müttern mit Kindern unter 15 Jahren stehen derzeit nur 7000 Solo-Väter gegenüber.

Simone de Beauvoir irrte sich gewaltig, als sie 1949 im ersten Absatz ihres 900 Seiten starken Opus magnum „Das andere Geschlecht“ schrieb: „In der Debatte um den Feminismus ist genug Tinte geflossen. Jetzt ist sie nahezu abgeschlossen.“
An die nächste Generation sollte man auch nicht allzu große Hoffnungen knüpfen: Laut der letzten Jugendstudie des ­Familienministeriums kann sich jede zweite junge Österreicherin ein Leben ­ausschließlich als Hausfrau und Mutter durchaus vorstellen.
Ein solches Revival längst tot geglaubter Lebensentwürfe konstatierte die Feministin Elisabeth Badinter auch partiell unter ihren eigenen Kindern: „Wahrscheinlich hat mich meine Tochter zu oft graugesichtig und erschöpft gesehen und sich gedacht: Nein danke, so ein Leben tu ich mir sicher nicht an!“

„Eine Art biologische Wand“
Die israelisch-amerikanische Journalistin Hanna Rosin diagnostiziert in ihrem Buch „Das Ende der Männer“ einen tiefgreifenden Wandel der Geschlechterverhältnisse und löste damit weltweit einen heftigen Diskurs aus. profil traf die umstrittene Feministin.

Interview: Tessa Szyszkowitz/­Washington

profil: In Ihrem Buch beschreiben Sie ein Amerika, in dem mehr und mehr Frauen allein mit ihren Kindern leben, zwei, drei Jobs stemmen und ihre arbeitslosen Männer nicht mehr durchfüttern wollen. Erleben wir eine soziale Revolution?
Rosin: Es ist keine Revolution, denn es gibt keinen Plan, keine Bewegung und kein Manifest. Die Situation ist trist – und die Konsequenz der Wirtschaftskrise. Sie trifft vor allem die Arbeiterklasse, dort hat sich das Geschlechterverhältnis grundlegend verändert. Die Finanzkrise 2008 hat in den USA 7,5 Millionen Jobs gekostet, die meisten im Finanz- und Bausektor. Drei Viertel davon waren Arbeitsplätze von Männern. Diese Arbeitslosen sitzen jetzt zu Hause. Ihre Frauen haben die Erwerbstätigkeit übernommen, weil sie leichter Arbeit finden. Frauen arbeiten eher im Service- und Kommunikationssektor, in diesen Bereichen ist man flexibler. Viele Frauen erledigen jetzt mehrere Jobs gleichzeitig. Sie gehen zum Beispiel putzen und sitzen an der Supermarktkassa.

profil: Wird sich das wieder ändern, wenn sich die Wirtschaft erholt hat?
Rosin: Ich glaube nicht. Männer arbeiten nun einmal nicht gern in Jobs von niedrigem Ansehen, sie sind oft zu stolz. Die alten Arbeitsplätze sind teilweise auf lange Sicht verloren – die Banken feuern auch weiterhin Tausende Mitarbeiter. Frauen dringen außerdem immer tiefer in die früheren Domänen der Männer vor – weil sie immer besser ausgebildet sind und immer selbstbewusster werden.

profil: In Ihrem Buch geht es also weniger um „Das Ende der Männer“ als um das Ende der männlichen Dominanz?
Rosin: Genau. Die Lernkurve von Frauen war im 20. Jahrhundert besonders steil. Frauen haben nicht nur weiter Kinder bekommen und sich um ihre Erziehung und den Haushalt gekümmert, sie haben außerdem begonnen, in der Arbeitswelt eine Rolle zu spielen – als Ärztinnen, Richterinnen und Politikerinnen. Männer dagegen haben viel weniger dazugelernt. Der Prozentsatz von Hausmännern ist immer noch sehr gering, die wenigsten nehmen Vaterschaftsurlaub und eine partnerschaftliche Haushaltsaufteilung ist nach wie vor nicht mehr als ein Gerücht. Während die Frauen den Männern das Wasser im Beruf abgraben, haben die Männer ihren Wirkungsradius nicht erweitert. Das ist verständlich, weil sie patriarchale Privilegien genossen haben. Sie sahen keinen Grund, sich bei den als minderwertig eingeschätzten, unbezahlten Frauenarbeiten einzubringen. Mit der zunehmenden finanziellen Unabhängigkeit der Frauen aber ging die Idee verloren, dass Männer in den Familien das Sagen haben müssen.

profil: In Ihrem Buch zitieren Sie einen Pastor aus Alexander City, der in der Sonntagsmesse die Phrase „Du sollst ein guter Haushaltsvorstand sein“ nicht mehr benutzt, weil die Mehrheit der Männer in dieser Stadt inzwischen nicht mehr in dieser Position sind. Stattdessen sagt er Dinge wie: „Männlichkeit zeigt sich darin, wie ein Mann auf schlechte Zeiten reagiert.“
Rosin: Ich fand das bezeichnend für den Wandel der gesellschaftlichen Stellung von Männern und Frauen. Ich bin absichtlich in eine konservative christliche Kleinstadt gegangen, weil dort der Wandel noch viel schmerzhafter spürbar ist als in liberalen Großstädten. An sich war der Mann der Boss in der Familie, weil er das Geld nach Hause brachte und die Familie versorgte. Das ist heute in vielen Fällen vorbei. Man könnte noch dagegenhalten: Es steht aber in der Bibel, spirituell gesehen hat der Mann immer noch das Sagen. Bei unseren Eltern hat das auch in Krisenzeiten funktioniert. Für die nächste Generation aber klingt das nicht mehr glaubwürdig. Da kommen die Frauen vom College mit besseren Noten, sie bekommen gute Jobs, verdienen manchmal auch besser als die Männer. Warum sollen sie ihnen den Status als Haushaltsvorstand zugestehen?

profil: 37 Prozent der Frauen verdienen heute schon mehr als ihre Männer – zumindest in Amerika. Wieso spüren wir diese grundlegende Veränderung gesellschaftlich noch so wenig?
Rosin: In der Oberschicht ist die Lage anders. Da verdienen die Männer oft noch viel mehr, und ihre Ehefrauen arbeiten gar nicht, weil sie nicht müssen. Eine andere Sache finde ich auch spannend: Es stimmt, Frauen bekommen heute immer noch nur 75 Cent für die gleiche Arbeit bezahlt, für die ein Mann einen Dollar erhält. Allerdings arbeiten Frauen oft weniger Stunden pro Woche, weil sie sich mehr um die Kinder und den Haushalt kümmern. Aber auch, weil sie gerne mehr Lebensqualität haben. Das erklärt nicht den gesamten „wage gap“, aber einen Teil. Nur, sollen wir die Frauen jetzt dazu anhalten, mehr zu arbeiten? Ich finde, in den Vereinigten Staaten arbeiten die Menschen sowieso schon viel zu viel.

profil: Sie schreiben, dass die neuen Multitask-Frauen keine Lust mehr haben, neben Job und Kindern und Haushalt auch noch einen Mann durchzufüttern, und deshalb werden die alleinerziehenden Mütter zum Normalfall. Lassen Sie da nicht außer Acht, dass Menschen nicht nur aus ökonomischen Überlegungen, sondern auch aus Liebe zusammenwohnen?
Rosin: Da haben Sie Recht, die Romantik kommt in meinem Buch zu kurz. Es wäre schön, wenn bei uns in Amerika nicht nur ökonomische Faktoren entscheidend wären. Junge Frauen, die heute am College sind, vermeiden meinen Recherchen nach jedoch ernsthafte Beziehungen, damit sie nicht frühzeitig durch Hochzeiten und Schwangerschaften aus der Karrierebahn gekippt werden. Deshalb finden sie die so genannte Hook-up culture ganz praktisch – am Freitagabend mit ­einem Burschen ins Bett zu gehen, aber bloß nichts Ernsthaftes zu beginnen.

profil: Im Sommer erregte ein Artikel der Princeton-Professorin Anne-Marie Slaughter im „Atlantic Magazine“ großes Aufsehen. Unter dem Titel „Frauen können nicht alles haben“ erklärte Slaughter, warum sie ihren Karrierejob als Politikplanerin im Außenministerium hingeschmissen hat und sich um ihre zwei adoleszenten Söhne kümmern wollte. Sie beschreibt, wie sie um fünf Uhr Früh aufsteht und E-Mails schreibt, damit sie um sieben Uhr Früh anfangen kann, Schulbrote für ihre Kinder zu schmieren.
Rosin: Na ja, Anne-Marie ist unglaublich ehrgeizig. Professorin in Princeton ist schwer genug, dazu ein Job als Hillary Clintons Außenpolitik-Entwicklerin und dann noch Mutter zweier Söhne. Jetzt hat sie den Stressjob in Washington verlassen und kann wieder an der Uni ihren „Normaljob“ machen – für viele andere Menschen wäre das schon genug. Aber die akademische Arbeit lässt sich leichter mit der Familie vereinen: Man kann viel zu Hause arbeiten und hat flexiblere Arbeitszeiten. Im State Department dagegen haben sie nahezu rund um die Uhr Anwesenheitspflicht.

profil: Wer aber hat Recht: Sie oder Frau Slaughter, die die Grenzen aufzeigt, die unter Umständen nie zu überwinden sein werden?
Rosin: Der Wandel in den Geschlechterverhältnissen geht schrittweise voran. Am wenigsten sichtbar ist er in den Direktionsetagen – dort gibt es eben immer noch nur drei Prozent Frauen. In der Hochfinanz arbeiten ganz wenige Frauen. Die Superreichen sind meistens Männer. Vielleicht sind Frauen nicht so geldgierig. Doch in der Politik sind wir schon viel näher an der Macht. In Deutschland ist eine Frau Kanzlerin. Wir haben in den USA jetzt schon eine Außenministerin gehabt. Im nächsten Wahlkampf wird Hillary Clinton nicht mehr wie vor vier Jahren erklären müssen, ob sie Kekse backen kann. Die Debatte hat sich weiterbewegt, diese altmodischen Frauenbilder interessieren heute schon nicht mehr.

profil: Dennoch bleibt die Frage offen, woran es Ihrer Meinung nach liegt, dass Frauen so selten in Chefetagen sitzen.
Rosin: Vielleicht ist es eine gute Idee, Quoten einzuführen. Doch die zentrale Frage ist meiner Meinung nach die Kinderbetreuung. Wenn die auf hohem Niveau ist, dann können Frauen arbeiten. In Amerika sind wir in dieser Hinsicht schlichtweg barbarisch. Ich finde, wir sollten nicht den Mutterschaftsurlaub diskutieren, sondern gleich direkt zur Kinderbetreuung kommen. Mutterschaftsurlaub gilt bei meinen norwegischen Freundinnen zum Beispiel als „Mutterfalle“, weil sie praktisch gezwungen werden, ein Jahr nicht zu arbeiten. Wenn es aber sehr gute Kindergärten gibt, dann können Mütter auch arbeiten. Und Kinderbetreuung ist generell geschlechtsneutral. Ich glaube allerdings trotzdem, dass Frauen wohl auch in der Zukunft mehr Zeit mit ihren Kleinkindern verbringen werden. Weil es ihnen eben wichtiger ist. Und nur Frauen stillen können. Das ist eine Art biologische Wand.

profil: Nach dieser ersten Phase ist es aber eigentlich egal, ob die Mutter oder der Vater die Kinderbetreuung übernimmt.
Rosin: Natürlich. Zu gleichen Teilen wird die Kinderbetreuung in der Familie unter Umständen nie geteilt werden, weil das von beiden Eltern zu viel Zeit verlangt. Die Yahoo-Managerin Marissa Mayer ist noch eine Ausnahme als stillende Mutter in der Chefetage. Das wird sich aber ändern. Mayer ist mit einem Mann verheiratet, der flexible Arbeitszeiten hat. Solche Top-Managerinnen werden eben vielleicht eher mit Männern eine Partnerschaft eingehen, die selbst nicht so viel Wert auf die Chefetage legen. So kann die Familie der Zukunft aussehen. Einer der Partner bleibt verstärkt zu Hause, während der andere sich mehr auf seine Karriere konzentriert.

Hanna Rosin: Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen. Berlin Verlag, 360 Seiten, 19,99 Euro