Hans Dichand und seine 'Krone'

Hans Dichand, Herausgeber der „Kronen Zeitung“, scheint der mächtigste Mann der Republik zu sein, jedenfalls glauben das die meisten Politiker. Dem designierten SPÖ-Chef Werner Faymann kann das nur recht sein.

Der 87-jährige Hans Dichand, der nun schon ein halbes Jahrhundert lang die Blattlinie der „Kronen Zeitung“ bestimmt, jeden Tag im Aufzug in die obere Etage seines Pressehauses hochfährt, genießt und schweigt. Kein Wort war vergangene Woche von ihm zu hören, kein Eintrag findet sich in seinem Weblog, das er, wie ein Internetfreak, seit ein paar Monaten betreibt. Nicht einmal die häufig vorgebrachte, kokette Bemerkung, nichts läge ihm an irdischen Gütern, er streichle „am liebsten seinen Hund“, kam über seine Lippen.

Seit einer Woche sind Dichand und seine „Kronen Zeitung“ wieder in aller Munde. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und der designierte neue Vorsitzende der SPÖ, Werner Faymann, haben mittels eines offenen Briefes an den „Sehr geehrten Herausgeber“ zur Überraschung ihrer Genossen eine populistische Kehrtwende in der Europapolitik verkündet. Dichand, dem dies ein Herzensanliegen ist, nahm das wohlwollend zur Kenntnis und ehrte das Duo als „neue Freunde“. Hans Dichand hat im Laufe seines bewegten Journalistenlebens immer wieder behauptet, er sei „nur ein Journalist“ und als solcher befände er sich doch immer nur „im Vorhof der Macht“. Die Frage, die sich sogleich daran knüpft: Wo halten sich eigentlich die Politiker auf? – Sie antichambrieren bei der „Krone“ mit wenigen Ausnahmen.

Vor zwölf Jahren hatte profil für die Titelgeschichte „Wer hat Angst vor Hans D.?“ Politiker verschiedenster Couleur nach ihrem Verhältnis zu Hans Dichand und der politischen Bedeutung der „Kronen Zeitung“ befragt. Anlass war eine Debatte über ein zukünftiges Medienkartellrecht und ein Gesetz gewesen, das auf Wunsch Dichands bereits geändert worden war. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, ein Mann von Witz und Wirklichkeitssinn, sagte damals, er sei „doch nicht verrückt“, darüber zu reden. Jedenfalls habe er mordsmäßigen Respekt für eine Zeitung, die „den Massengeschmack auf eine so vielfältige Weise trifft“. Ob man auch gegen die „Krone“ Politik machen könne, wisse er nicht, sagte Häupl damals. Heute sagt Häupl lieber gar nichts. Der damalige Nationalratspräsident und heutige Bundespräsident Heinz Fischer sagte 1996 als Einziger, er habe „keine Angst vor der ‚Krone‘“. Der frühere Mediensprecher der ÖVP, Helmut Kukacka, meinte in verblüffender Offenheit: „Man hat Angst vor der ‚Krone‘. Also arrangiert man sich.“ Der damalige Mediensprecher der ÖVP, Wilhelm Molterer, hatte gerade eine regelmäßige Kolumne in der „Krone“ laufen und konnte das nicht bestätigen.

Einer seiner Berater erachtet es heute als Risikofall, dass Molterer, vor Kurzem erst, einen Termin bei Dichand hatte sausen lassen. Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel genießt den Ruf eines Widerstandskämpfers, weil er im Jahr 2000 gegen den erklärten Willen der „Krone“ und eine Reihe von drohenden Titelblättern eine Regierung mit der FPÖ bildete. Heutzutage sind selbst Politiker, die Gusenbauer und Faymann wegen ihres Kotaus vor der „Krone“ kritisieren, in eigener Sache wesentlich vorsichtiger. Aus den Reihen der ÖVP-Minister hört man, dass die konservative Außenministerin Ursula Plassnik nicht die Einzige war, der Dichand ein unmoralisches Angebot – gute Presse für Anti-EU-Haltung – unterbreitete. Doch außer Plassnik wagt sich keiner an die Öffentlichkeit. Auch die Außenminis­terin handelte wohl mehr aus der Not heraus als aus einer aufklärerischen Mission. Dichand hatte zuvor in der „Krone“ ein vertrauliches Gespräch mit Plassnik in einer Art und Weise wiedergegeben, die Plassnik als starrsinnige, eitle Bürokratin und vor allem als beleidigte Leberwurst dastehen ließ. Politiker, Journalisten und Verleger sind naturgemäß ineinandergekettet, voneinander abhängig und, wenn sie ihre Rollen ernst nehmen, bisweilen ineinander verkeilt und einander hassend. In Österreich, wo jahrzehntelang jede Zeitung der einen oder der anderen Partei nahestand, hob sich die „Kronen Zeitung“ bei ihrer Gründung wohltuend ab, gab alsbald aber nicht nur dem Volksmund, sondern auch dem Pöbel Recht. Bis heute hat sich in keiner Partei ein respektvolles Verhältnis zu kritischem Journalismus durchgesetzt. Zumutungen seitens der Politik gerichtet an Chefredakteure und Journalisten sind an der Tagesordnung. Da wird schon mal mit dem Zaunpfahl der Presseförderung gewunken. Hans Dichand ist seinem System treu geblieben. Es gelingt ihm allerdings, den Spieß zeitweise umzudrehen. Die „Kronen Zeitung“ ist – gemessen an der Einwoh­nerzahl Österreichs – die größte Zeitung der Welt, 40 Prozent der Österreicher lesen die „Krone“ und erfreuen sich am Massengeschmack, aber auch an den persönlichen Eigenheiten des Herausgebers.

Die Europafrage ist eine solche Marotte des „Krone“-Herrn. Wenn Dichand etwas am Herzen liegt, dann marschiert die Redaktion im Gleichschritt, und gestandene Mannsbilder fürchten sich. Vor der Abstimmung Österreichs über den Beitritt zur Europäischen Union pilgerten deshalb alle namhaften Politiker des Landes zu Hans Dichand, um ihn von der Notwendigkeit des Beitritts zu überzeugen, genauer gesagt, sie flehten ihn an mitzumachen, ohne die „Krone“, so lautete die Überzeugung, sei die Abstimmung verloren. Dichand zeigte sich gnädig.

Urlaubs-/Weihnachtsgeld. Zehn Tage vor der Volksabstimmung warb die „Krone“ mit skurrilen Schlagzeilen: „Auch in EU keine Ausländerflut“ – „EU-Nein bedroht Urlaubs- und Weihnachtsgeld der Österreicher“ – „Kriminalität in EU besser zu bekämpfen. Auch Drogen- und Menschenhandel“ und schließlich, zwei Tage vor der Abstimmung: „EU rettet uns vor Angreifern – 400 Millionen Menschen kämen uns zu Hilfe“. Dichand war bemüht, die Geister, die er jahrelang beschworen hatte, wieder einzufangen. Wenige Monate nach dem Beitritt war freilich alles wieder anders und die EU an jeglicher Misere schuld. Dichands Freundschaft zum freiheitlichen Senkrechtstarter Jörg Haider, dessen Aufstieg nicht von der Gunst Dichands zu trennen ist, tat das keinen Abbruch. Haider blieb bei seiner Ablehnug der EU. Dichand erklärte dies damit, dass Haider in Wirklichkeit auch für die EU sei, wenn man ihn nur ließe. Erst die Ausgrenzung mache ihn zum Gegner. Nach dem Muster von Dichand und Haider, dem Alten und dem Jungen, dem Gönner und dem Jungtalent ergaben sich später auch andere Paarungen – die zu Finanzminister Karl-Heinz Grasser etwa. Keiner konnte bisher aber eine derart exklusive Beziehung zu Dichand aufbauen wie Werner Faymann.

Schon 1994 , als Faymann noch Chef der Mietervereinigung war, war der Jung­sozialist erstaunlich häufig Objekt der Berichterstattung. Er stand „Krone“-Lesern exklusiv mit Tricks und Tipps gegen Hausherren zur Verfügung. Den ersten Kontakt zu Dichand hatte angeblich Wolfgang Jansky hergestellt, ein Jungsozialist aus Faymanns SPÖ-Bezirk, der später an der Seite Faymanns aufstieg. Jansky, Lebensgefährte der neuen SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Doris Bures, ist Geschäftsführer der U-Bahn-Zeitung „Heute“, die von Dichands Schwiegertochter Eva Dichand herausgegeben wird.

1994 übernahm Faymann das Wohnbaureferat in der Wiener Stadtregierung und wurde Hausherr über 220.000 Gemeindebau- und 100.000 Genossenschaftswohnungen, der größte Auftraggeber im Wohnungsneubau. Eine Million Euro standen dem Stadtrat jährlich allein zur Bewerbung von Wohnprojekten der Gemeinde Wien zur Verfügung. In diesen Jahren stieß man in der „Krone“ nahezu täglich auf Faymann-Fotos und nette Geschichten über den Jungstadtrat. Entweder im redaktionellen Teil der Krone oder auf einer der hinteren Doppelseiten, Werbeflächen, die – im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten – im Layout nicht von den Politikseiten zu unterscheiden waren. Die Geschäfte zu beiderseitigem Nutzen überdauerten die Zeiten. Unter dem Titel „Sie fragen, der Minister antwortet“ plaudert Infrastrukturminister Faymann heute wöchentlich über die ÖBB, das Ende des Dampfzeitalters oder Laptops im Zug. Faymann nennt das „Medienkooperation“.

In seinem ersten Ministerjahr gab Faymann, laut einer Anfragebeantwortung an die Grünen, 1,3 Millionen Euro für Öffentlichkeitsarbeit aus. Das Ende der Aktion „Licht am Tag“ bewarb sein Ressort nach Unterlagen der Grünen mit Inseraten um rund 400.000 Euro. Der Löwenanteil davon soll an „Krone“, „Österreich“ und die von Eva Dichand geführte Gratiszeitung „Heute“ gegangen sein. Den Grünen liegt auch eine Auftragsbestätigung der Asfinag vor, wonach eine 20.000-Euro-Einschaltung in einem Magazin auf höchsten Wunsch, „lt. Hr. Faymann“, erfolgt sei. Böse Gerüchte, Faymann habe in den vergangenen Tagen in verschiedenen Chefredaktionen guten Wind für seine bevorstehende Kanzlerkür eingefordert und bei Zuwiderhandlung mit einem Abzug der Inserate gedroht, sind jedenfalls im Umlauf.

„Krone“-Liebling. Faymann ist ein beinharter Machtpolitiker. Er weiß wohl, dass unter allen Mitteln, eine Sache zu bezahlen, sich das Zahlen nachträglich oft als das ­Billigste herausstellt. So ist die Achse zu ­Dichand auf solidem Grund gebaut. Fay­mann kann es sich schon leisten, an Dichand Forderungen zu stellen. Mitarbeiter der „Krone“ berichten von Szenen, in denen „Krone“-Journalisten von Dichand senior in der Anwesenheit Faymanns heruntergeputzt worden seien, weil sie ein unvorteilhaftes Foto von Faymann ausgewählt hatten. Dichand und Faymann gingen in den vergangenen Jahren öfter gemeinsam auf Reisen, nach Venedig oder zu etruskischen Ausgrabungen in der Toskana. Ein ehemaliger Weggefährte Dichands beschreibt das Verhältnis zwischen den beiden „in den Anfangszeiten wie Eliza Doolittle zu Professor Higgins“. Vergangene Woche eröffnete Dichand seine Kolumne mit dem Satz „Onkel Hans regiert die Republik“. Onkel Hans, so pflegt ihn Faymann zu nennen.

Kanzler Alfred Gusenbauer, der anfangs von der „Krone“ gern als „Gruselbauer“ bezeichnet wurde, bat schon im vergangenen Wahlkampf Faymann um Unterstützung, damit der bei Dichand ein gutes Wort für ihn einlege. Es gab dann auch ein paar nette Gusenbauers auf dem Titelbild, doch der wahre „Krone“-Liebling ist natürlich Faymann.
Für einen Politiker oder Manager, wenn es sich nicht gerade um einen Minis­ter oder Parteichef handelt, ist es gar nicht so einfach, von Dichand empfangen zu werden. Ein Fürsprecher ist günstig. Heutzutage pilgern sie ins Pressehaus. Früher hatte man sich – Bruno Kreisky, Anton Benya, Hannes Androsch, Walter Flöttl, Fred Sinowatz – in Dichands Anwesen am Attersee getroffen, in der Bristol Bar oder in einem der exklusiven Klubräume des Ringstraßenhotels verabredet. Der frühere SP-Kanzler Fred Sinowatz war sogar in Dichands Wiener Villa geladen. Während Altkanzler Sinowatz nur von Routinetreffen spricht und die grün-Politikerin Madeleine Petrovic stolz meint: „Ich rede mit dem Herrn Dichand sehr offen und habe den Eindruck, dass er allzu devote Leute nicht besonders schätzt“, haben andere sehr eindeutige Erfahrungen mit der Macht im Vorhof der „Krone“.

Unmoralische Angebote. Erhard Busek, ehemaliger VP-Vizekanzler, wurde eine positive Berichterstattung in Aussicht gestellt, wenn er „eine bestimmte Meinung in Asylanten- und Migrantenfragen einnehme“, sagt Busek. Auch Michael Graffs Funktion als ÖVP-Justizsprecher war Dichand ein Dorn im Auge. Graff war nämlich Anwalt von Dichands früherem Kompagnon und späterem Konkurrenten Kurt Falk. Der frühere Wiener VP-Vizebürgermeister Bernhard Görg schaffte es gemeinsam mit Josef Cap und Rudolf Scholten als „Minus-Mann“ auf eine „Krone“-Titelseite. Es sei besser, „politisch unterzugehen, als sich von einem Zeitungsherausgeber die Kandidaten vorschreiben zu lassen“, sagt Görg.

Unterrichtsminister Rudolf Scholten war Lieblingsfeind der „Krone“. Er glaubte, eine laufende Kampagne gegen ihn mit einem Mittagessen mit Dichand aus der Welt schaffen zu können. Genützt hat es nichts. Die antisemitischen Attacken („nach Israel auswandern“) setzten sich fort. Ebenso erging es Caspar Einem. Scholten wollte damals „lieber nichts“ über die „Krone“ sagen. Und auch heute lässt er sich entschuldigen. Vollkommen unerbittlich ist Dichand in der EU-Auseinandersetzung. Da war zuletzt alles möglich. Am 5. April dieses Jahres rückte das Blatt den Leserbrief einer Tirolerin ein, in dem diese den Bundespräsidenten „als nächster Vernichter Österreichs“ mit Adolf Hitler verglich. Heinz Fischers öffentliche Stellungnahme bei der Richterwoche, die Befugnisse des Nationalrates dürften „nicht taxfrei durch das Institut des Leserbriefes abgeschafft werden“, hat Dichand wohl maßlos geärgert. Fischer wiederum könnte von dunklen Ahnungen geplagt gewesen sein. Seine Warnung vor der Herrschaft der Leserbriefe verlautbarte er wenige Wochen vor dem Leserbrief seiner Genossen Gusenbauer und Faymann.

Von Marianne Enigl und Christa Zöchling