Hart. Aber herzlich?

Oliver Pink über Österreichs neue Außenministerin Ursula Plassnik, Wolfgang Schüssels gar nicht so kühle Blonde.

So viel Lob war ihr fast schon unangenehm. „Der Vertrauensvorschuss steht Ihnen zu“, säuselte SP-Vorsitzender Alfred Gusenbauer Richtung Regierungsbank. Sein außenpolitischer Sprecher Peter Schieder schob eine „herzliche Gratulation“ nach. Und Grünen-Chef Alexander Van der Bellen schwelgte Donnerstag vergangener Woche im Parlament gar in „besten Erinnerungen“ an die frühere Kabinettschefin des Kanzlers: Von allen Regierungsumbildungen sei das die bisher einzig gelungene.

Ursula Plassnik, stets auf Understatement bedacht, versuchte ihre Freude mit verschmitztem Schmunzeln zu überspielen.

Wohlwollen bei der Opposition, Frohlocken in der Regierungsriege, und bald, bei ihren ersten Dienstreisen, werden sich auch die ausländischen Berichterstatter dankbar der Kärntnerin annehmen.

Ursula Plassnik ist Europas wohl aparteste Außenministerin. Auf jeden Fall die größte: 1,90 Meter misst sie – kein Medium konnte sich in den letzten Tagen diesen Hinweis verkneifen. Ihre Körpergröße war für sie stets Handicap und Ansporn zugleich. Aufgrund ihrer äußeren Erscheinung habe man immer vorausgesetzt, dass sie stark sei, sich durchsetzen könne, mehr zu leisten imstande sein müsse als andere, erzählte Plassnik einmal. Sie hielt dem Erwartungsdruck stand: Ursula Plassnik war eine ausgezeichnete Schülerin, schloss ihr Jusstudium im Alter von 21 Jahren ab, machte Karriere im diplomatischen Dienst. Nun ist die 48-Jährige Ministerin.

Eine Politikerin im klassischen Sinne war Plassnik nie. Parteiapparate sind ihr fremd, erst vorige Woche trat sie der ÖVP bei. Ursula Plassnik ist eine liberale Bürgerliche, eigentlich aber relativ unpolitisch – ein Frauentyp, wie die Volkspartei ihn sich wünscht, um Modernität zu mimen. Nicht zufällig hatte man vorvergangenen Sonntag die christdemokratische Bürgermeisterin von Athen, Dora Bakoyannis, zum VP-Kongress nach Alpbach geladen: Sie ist ebenfalls groß gewachsen, modern, urban und karrierebewusst.

Dabei wurde Plassnik keinesfalls in einem ÖVP-Biotop sozialisiert. Ihre „roten Wurzeln“ versteckt sie heute gerne. Die Eltern, beide Lehrer in Klagenfurt, waren Sozialdemokraten. Als sie zum Studium nach Wien kam, bezog sie ein rotes Studentenheim. Im Außenamt galt sie als politisch neutral, im Zweifel jedoch der linken Reichshälfte zugehörig. In erster Ehe – sie hielt nur acht Monate – war Plassnik mit dem SP-nahen Parlamentsdirektor Georg Posch verheiratet.

Im Privaten war Plassnik bislang wenig Fortüne beschieden: Auch ihre zweite Ehe, mit dem Schweizer Gerard Stoudmann, dem früheren Leiter des OSZE-Büros in Warschau, dauerte nicht lange – Anfang 2003 wurde sie geschieden.

Ursula Plassniks „Lebensmensch“ ist ohnehin ein anderer: Wolfgang Schüssel. Beruflich, nicht privat. Obwohl ihr die deutsche Klatsch-Gazette „Gala“ im Februar 2000 eine Affäre mit dem Kanzler andichten wollte. Auch „ein Liebesnest“ war bereits ausgemacht worden. Schüssel hatte jedoch lediglich die Wohnung seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter geerbt.

Im Sich-gegenseitig-Necken übertreffen Schüssel und Plassnik allerdings sogar manche Teenager-Schäkerei.

In ihrer Zeit als Kabinettschefin diente Plassnik Schüssel bedingungslos loyal. Sie entschied, wer Zutritt ins Metternich-Zimmer hatte, welche Unterlagen dem Regierungschef vorgelegt wurden, und hielt ihm lästige Journalisten vom Leib. Kritische Frager strafte sie bei Interviews mit grimmigem Blick. Die Ingeborg-Bachmann-Liebhaberin fungierte sogar als Vor-Leserin: Bücher, die ihr wichtig erschienen, empfahl sie Schüssel zur Lektüre.

Nur in Koalitionsangelegenheiten teilte sie nicht immer dessen Neigung: Im Jahr 2000 war Plassnik gegen Schwarz-Blau und für Rot-Schwarz. Mit den Blauen tat sie sich schwer. „Sie hat uns nie wirklich mögen“, resümiert ein Freiheitlicher.

2002 hätte sich Plassnik Schwarz-Grün gewünscht. Mit Alexander Van der Bellen soll sie in den zähen Verhandlungsnächten ausgezeichnet harmoniert haben.

Weniger angetan von Ursula Plassnik war Wolfgang Schüssels langjähriger Pressessprecher Florian Krenkel. Während der heiklen Sanktionszeit hatte Plassnik von Krenkel zugesagte Interviewtermine – auch mit Journalisten renommierter ausländischer Medien – kurzerhand storniert. „Plassnik hat Krenkel immer wieder den Hauptdarsteller entzogen“, formulierte Josef Kalina, Pressesprecher von Alt-Kanzler Viktor Klima, im ORF-„Report“ treffend.
Krenkel, ganz Gentleman, war dieser Tage übrigens für niemanden erreichbar.

Hinter verschlossenen Türen wird freilich auch im Außenamt geätzt.
„Ihr Fanklub im Ministerium passt auf eine Zündholzschachtel“, so ein Beamter. Sie sei ein „sozialer Autist“ und schneide Kollegen, die sie nicht für wichtig erachte, meinen andere.

Ursula Plassnik ist eine vielschichtige Persönlichkeit: tough und sensibel, im Beruflichen zielstrebig und mitunter schroff, privat herzlich und humorvoll. Zu ihrem Freundeskreis zählen die Grüne Madeleine Petrovic („Mit ihr kann man Pferde stehlen“), Bundestheater-General Georg Springer, Kaplan Franz Xaver Brandmayr, einer der führenden Proponenten der Seligsprechung Kaiser Karls, und EU-Botschafter Gregor Woschnagg.

Society-Events meidet sie zwar, dem Savoir-vivre mit Aristo-Touch ist die frankophile Kärntnerin aber überaus zugetan. Dass sie sich mit Gulasch und Bier jovial unters Volk mischt, wie dies ihre Vorgängerin Benita Ferrero-Waldner getan hat, kann man sich bei Plassnik eher nicht vorstellen. Bei aller Offenheit – das Etikett „elitär“ passt ganz gut zu ihr. Was in der Welt der Diplomatie ja nicht von Nachteil ist.

Ihre Abneigung gegenüber der „Journaille“ versucht Plassnik derzeit abzulegen. Ganz so liegt ihr, die früher lieber im Hintergrund die Fäden zog, das Leben im Licht der Öffentlichkeit aber noch nicht. Ihr erster Auftritt im Parlament geriet ein wenig hölzern: Plassnik las vom – mit allerlei Plattitüden („Der Friede in der Welt beginnt zu Hause“) gespickten – Blatt, verhaspelte und versprach sich („Österreich ist vom Zentrum in die Mitte gerückt“). Auch das nicht ganz gewichene Kärntner Idiom stört noch ein wenig den Sprachfluss.

Im Vergleich zur Jungfernrede von Landsfrau Karin Miklautsch im Juni hielt sie sich jedoch passabel. Die Justizministerin war Plassnik Donnerstag im Hohen Haus zum ersten Mal begegnet. Während sich Miklautsch schüchtern an Plassnik heranpirschte, tat diese ihrerseits einen forschen Schritt auf die Freiheitliche zu, herzte sie und drückte ihr zwei Küsschen auf die Wangen.

Karin Miklautsch sah dermaßen beglückt drein, als wäre sie gerade geadelt worden.