Hart oder herzlich? Papst Benedikt XVI. und die Zukunft der katholischen Kirche

Habemus Papam.“ Gut, das konnte man noch eine erwartete Aussage nennen. Dann: „Josephum.“ Da machte sich schon der heilige Augustinus bemerkbar: „Unruhig ist mein Herz …“ Aber möglich war immerhin auch noch José da Cruz Policarpo, Erzbischof von Lissabon. Oder gar der Brasilianer José Cardoso Sobrinho. Oder, aber das war jetzt schon sehr kühn kombiniert, sollte der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner mit seiner Vermutung richtig gelegen sein, dass es ein Chinese werden könnte? Der Bischof von Hongkong heißt Joseph Zen Ze-kiun. Der aus Chile stammende Kardinaldiakon Jorge Arturo Medina Estévez machte jetzt eine noch längere Pause, um den größten Auftritt seines Lebens vor hunderten Millionen Fernsehzuschauern auszukosten, und dann war es heraußen: „Ratzinger.“ Und der zweite Halbsatz von Augustinus gewann seinen Doppelsinn: „… bis es Ruhe findet in dir, o Herr.“

Denn der Name Ratzinger hatte an dieser Stelle für viele keine beruhigende Wirkung. Als Signal musste man ihn negativ deuten: wieder kein Papst aus der südlichen Erdhälfte, wo fast 60 Prozent der Katholikinnen und Katholiken leben. Und war der gewählte Name des Begründers der europäischen Mönchstradition nicht ein eurozentrisches Programm? Bedeutete der bisherige oberste Glaubenshüter als Papst nicht eine Fortsetzung der von vielen als unflexibel, unnötig streng, jedenfalls als wirklichkeitsfern empfundenen Lehrlinie? Hätte die katholische Kirche nicht dringend eine Aussöhnung mit ihren eigenen Theologen und Theologinnen notwendig statt eines Papstes, der die lateinamerikanische Befreiungstheologie geknickt und namhafte Theologen von Edward Schillebeeckx bis Eugen Drewermann, von Hans Küng bis Tissa Balasuriya gemaßregelt hat?

Salz der Erde. An den Lehr- und Moralaussagen wird sich unter Papst Benedikt XVI. nichts ändern, obwohl er in dem Interviewbuch „Salz der Erde“ schon 1996 bekannt hat, dass auch in diesem Bereich „ein Entwickeln durch weiteres Lernen und dadurch auch ein Korrigieren von Vorangegangenem durchaus möglich“ seien und dass es wichtig wäre, „nicht in einen finsteren Moralismus zu verfallen“. Trotzdem sollte man sich keinen Illusionen hingeben: Mit der Frauenordination wird es diesmal nichts, mit einer offiziellen Änderung der Linie in der Empfängnisregelung auch nicht, und am Pflichtzölibat wird der neue Pontifex gleichfalls festhalten. Er müsste sich sonst ja auch fragen lassen, warum er seine abweichende Meinung nicht schon seinerzeit Johannes Paul II. mitgeteilt habe.
Für ihn hatte er in den neunziger Jahren eine wahre Lehrsalve abgefeuert und die Theologen zu „schweigendem Gehorsam“ gegenüber dem Lehramt, die Beichtväter zur Wertung jedes „vorsätzlich unfruchtbar gemachten ehelichen Akts“ als „Sünde in sich“ verpflichtet; die Unweihbarkeit der Frauen zur „unfehlbaren Lehre“ erhoben und für immer mehr kirchliche Amtsträger Treueide eingeführt. Das Festhalten am Abtreibungsverbot ist unter Katholiken sicher konsensfähig, die Frage des Wiener Genetikers Markus Hengstschläger aber, der immerhin der Päpstlichen Akademie für das Leben angehört, warum die Kirche geborenes Leben nicht ähnlich leidenschaftlich wie ungeborenes verteidige, deswegen trotzdem noch nicht beantwortet.
Dass er sich vom „fortschrittlichen“ zum „sehr konservativen“ Theologen gewandelt habe, bestritt Ratzinger immer. Aber er gibt zu, dass ihn die 1968 versuchte „Instrumentalisierung des Glaubens durch Ideologien, die auch tyrannisch, brutal und grausam waren“, stark geprägt habe. Im Revoluzzerjahr der Studenten ist ihm an der Universität Tübingen klar geworden: „Wer hier Progressist bleiben wollte, musste seinen Charakter verkaufen.“

Papa Ratzi. Dazu muss man freilich vermerken, dass seine strikte Linie in der Glaubens- und Sittendisziplin aus seinem scharfen Intellekt und nicht aus einem verhärteten Herzen kommt. Der weißhaarige Mann mit dem klaren Blick und der sanften Stimme ist im Umgang freundlich, nie aufbrausend, kann herzhaft lachen, trinkt eher ein Glas Bier als Wein, manchmal sogar einen Wodka, aber selbst im heimatlichen Bayern oft nur Mineralwasser.
Zu den wirklichen Hinterhältigkeiten der medialen Behandlung gehören die Entgleisungen britischer Boulevardblätter, die ihn auf ihren Titelseiten als „Gottes Rottweiler“ („Daily Mirror“) vorstellten und ihm einen Weg „Von der Hitlerjugend zum Papa Ratzi“ („Sun“) anhängten. Er entstammt einer ausgewiesenen Antinazi-Familie in einem bekannt regimekritischen Winkel Bayerns, musste 1941 wie
alle Seminaristen der HJ beitreten, machte sich aber bald wieder davon. Man wundert sich höchstens, warum ihm nicht auch angelastet wird, dass sein Geburtsort Marktl nur 30 Kilometer von Braunau entfernt ist.
Also gut: kein Reformer, kein Ex-Nazi, was dann? Sicher keine Verlegenheitslösung, sicher in seiner eigenen Sicht kein Übergangspapst. Als solcher hätte er sich nicht so willig ans Ziel geleiten lassen, wie es diesmal der Fall gewesen sein musste. Viel deutet im Nachhinein darauf hin, dass noch zu Lebzeiten des von seiner schweren Krankheit gezeichneten Amtsvorgängers, vermutlich sogar im Einvernehmen mit ihm, bereits gegen Ende 2004 die ersten Weichen gestellt wurden. Monate hindurch konnten Kardinäle Meinungen austauschen, Argumente wägen – und Joseph Ratzinger selbst sich gewissenhaft vorbereiten. Natürlich wussten alle 115 Papstwähler, als sie das Konklave betraten, welchen Namen sie sich „im Falle, dass …“ zulegen würden, aber Ratzinger ging dabei sicher besonders überlegt vor. Mit dem Namen Benedikt XVI. konnte er an Benedikt XV. (1914–1922) erinnern, der sich intensiv, wenn auch vergeblich für den Frieden und dann auch für eine gerechte Nachkriegsordnung eingesetzt hatte. Aber noch mehr dachte er vielleicht doch an Benedikt von Nursia, den Paul VI. als Patron Europas proklamiert hatte. Der Papst aber ist Patriarch des Abendlandes. Das könnte sich noch einmal in einem überraschenden Sinn als bedeutungsvoll erweisen.

Geschichtsbewusst. In einem Vortrag vor der Ökumenischen Akademie in Graz hat der Fundamentaltheologe Ratzinger 1976 die Auffassung vertreten, dass „nicht heute christlich unmöglich sein kann, was ein Jahrtausend lang möglich war“, und dass daher der Vatikan von den orthodoxen Kirchen „nicht mehr an Primatslehre fordern kann, als auch im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt worden ist“. Damals aber war der Papst kein absoluter Alleinherrscher in der Kirche, sondern als Bischof von Rom der Patriarch des Abendlandes, und dieser hatte einen Ehrenvorrang unter allen Patriarchen inne, nicht viel mehr. Wenn sich heute ein Papst auf eine Art Patriarchenfunktion zurückzöge, würde davon eine ungeheure Wirkung ausgehen.
Eine Dezentralisierung vatikanischer Befugnisse wird seit Jahren von namhaften Kardinälen und Bischöfen, Theologen und Kirchenrechtlern, Klerus- und Laienorganisationen gefordert. Jeder Unternehmensberater würde heute nicht mit der Empfehlung zögern, einen riesigen Konzern in überschaubare Bereiche zu gliedern, um ihn besser zusammenhalten zu können. Das gilt auch für die politische Integration. Die Europäische Union hätte ohne gleichzeitige Regionalisierung keine Überlebenschance. Einheitsstaaten wie Großbritannien, Frankreich und Italien legen sich aus dem gleichen Grund föderale Strukturen zu, die sich in Bundesstaaten bewährt haben. Auch die katholische Kirche mit mehr als einer Milliarde Mitgliedern wäre stärker, nicht schwächer, wenn ihre Diözesen mehr zu reden hätten. Ob Papst Benedikt ihnen das zugestehen wird, ist fraglich, wenn man sich erinnert, wie er zusammen mit Johannes Paul II. die gesamte deutsche Bischofskonferenz in der Frage der Schwangerenkonfliktberatung in die Knie zwang. Aber vielleicht setzt er einen ersten Schritt mit der vielfach angeregten Wiederbelebung des Patriarchatsmodells.

Bischofsmacht. Ein Patriarch als eine Art „Vizepapst“ für Afrika, einer oder zwei für Asien, einer für Nord-, einer für Südamerika, einer für Ozeanien – das schüfe große Möglichkeiten für eine kontinentbezogene Inkulturation des Glaubens, aber auch für eine Entschärfung der Reformproblematik durch regionale Experimente. Wenn sich Benedikt XVI. als Patriarch von Europa vor allem als Koordinator verstünde und wichtige Fragen nicht ohne Rücksprache mit seinen Kollegen entschiede, wären nicht nur alle katholischen Bischöfe darüber glücklich, sondern auch die Repräsentanten der anderen christlichen Kirchen. Die Bereitschaft, dem Bischof von Rom eine gewisse Sprecherfunktion der Christenheit zuzugestehen, ist in anderen Kirchen größer, als man glaubt. Benedikt XVI. wird dieses Ziel noch nicht erreichen. Aber eine Patriarchatsstruktur wäre ein großer erster Schritt in diese Richtung. (Nicht zuletzt auch dann, wenn allen ein besserer Name als „Patriarch“, also „Vaterherrscher“, einfiele.)
Die erste Predigt des neuen Papstes war einer Einladung an die anderen christlichen Kirchen und an alle Religionen der Erde gewidmet. (In geschliffenem Latein – und der Papst wirkte nicht übernächtig, wie es hieß. Wann hatte er sie geschrieben? Vielleicht schon in den Osterferien?) Ein neues Konzil ist in diesem Pontifikat nicht drinnen. Aber wenn sich Benedikt XVI. vorgenommen haben sollte, Schritte zur Dezentralisierung seiner Kirche und damit auch zu einer Kurienreform sowie Initiativen in der Ökumene zu setzen, dann könnte man sogar auf ein spannendes Pontifikat hoffen. Für die Wiederherstellung der „vollen und sichtbaren Einheit der Christen“ wolle er sich unermüdlich einsetzen, versprach der Papst und gab zu verstehen, dass die Etappe der brüderlichen Umarmungen und gemeinsamen Gebete überholt werden müsse: „Konkrete Taten sind notwendig.“

Konservativer Putsch? Es mag schon sein, dass die meisten der Eminenzen, Exzellenzen und Monsignori im Vatikan, die vielleicht schon vor Monaten die Ratzinger-Lokomotive auf Schienen stellten, an solche Absichten ihres Kandidaten nicht im Entferntesten gedacht haben. Ihnen schwebte vielleicht eher vor, was ein Kommentator als „konservativen Putsch“ zugunsten eines Übergangspapstes zu erkennen glaubte, welcher der Kirche eine gewisse Atempause verschaffen sollte. Da aber wieder kannten sie weder die Welt gut genug, die keine Verschnaufpausen mehr zulässt, noch ihren freundlichen Bayern. Für ein Aussitzen einer kurzen Amtsperiode hätte sich „Giuseppe“, wie ihn sein älterer Bruder nennt, das Ganze vermutlich nicht angetan.
Georg Ratzinger, der 81-jährige Bruder des Papstes, Chorleiter der Regensburger Domspatzen, konnte sein ehrliches Erstaunen über den Karrieresprung seines um drei Jahre jüngeren Bruders nicht verbergen. „Bei dem Alter!“, murmelte er. „Und bei seiner angegriffenen Gesundheit!“ Davon hatte man bisher kaum etwas gehört. Die „Neue Zürcher“ schrieb von zwei Schlaganfällen.

Kirchenträume. Hätte Bruder Giuseppe wirklich Appetit darauf gehabt, einmal als Papst erinnert zu werden, unter dem nichts passiert, aber auch nichts weitergegangen ist? Oder hat Benedikt XVI. bei seinem ersten Erscheinen auf der päpstlichen Benediktionsloggia deswegen so gelöst, ja fast verschmitzt gelächelt, weil er sich „Ihr werdet euch noch wundern!“ dachte?
Vielleicht sind das auch nur ausufernde Kirchenträume, aber mit einem fantasielosen Pontifikat will man den machtbewussten Bayern einfach nicht in Verbindung bringen. Wenn es aber doch so wäre, dass Papst Benedikt nur im streng reglementierten Zusammenhalten der Herde seine Erfüllung sähe, dann bliebe der großen Schar der Enttäuschten nur übrig, sich ein Interview vorzuspielen, das im Bayerischen Fernsehen am 15. April 1997, am 16. April 1998 und am 27. Jänner 1999 ausgestrahlt worden ist. Da sagte Kardinal Joseph Ratzinger auf die Frage, ob denn wirklich der Gottesgeist alle Konklave-Entscheidungen träfe, wörtlich: „Ich würde nicht sagen in dem Sinn, dass der Heilige Geist den jeweiligen Papst heraussucht, denn da gibt es zu viele Gegenbeweise (…) Wohl aber lässt er nur das zu, was die Sache nicht total zerstören kann.“

Von Hubert Feichtelbauer