Hat die Börse immer Recht?

Wie gut sind die USA wirklich? Bis vor ein paar Tagen dominierten die pessimistischen Analysen.

Zu den vielen Huldigungen, die der Wirtschaft dargebracht werden, zählt auch der Satz: „Die Börse hat immer Recht.“ Wenn das stimmt, ist mit der Wirtschaft der USA seit Mittwoch alles in Ordnung. Die Wall Street ist wieder im Plus, die Börsen der Welt ziehen nach.

Anlass des Umschwungs – wenn er bis zum Erscheinen dieses Textes anhält – war die Entscheidung der US-Notenbank (FED), die Zinsen unverändert zu lassen. Der Kommentar, den sie dazu abgab, zerstreute zwar die Hoffnung, sie würde sie wenigstens beim nächsten Termin senken, um die Aktienmärkte zu stützen, aber er förderte die Hoffnung auf eine „weiche Landung“: Die Wirtschaft der USA, so die FED, wachse zwar langsamer, aber ihr Wachstum sei ungebrochen. Also könne und müsse sie sich darauf konzentrieren, die Inflation in Schach zu halten.
Beten wir, dass das stimmt.

Denn in den Tagen zuvor sind in denselben Zeitungen, in denen nun wieder Optimismus dominiert, eher herbe Texte erschienen. So heißt es etwa in einer „Anatomie der US-Häusermarktkrise“ der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Vielfach wird zwar versichert, die fundamentale Wirtschaftslage sei gar nicht so schlecht. Der Blick auf die Fakten sieht allerdings anders aus: In den USA sind sowohl die Konjunktur als auch die Unternehmensdaten allenfalls durchwachsen.“

Wenn ich die zugehörigen Analysen zusammenfasse, liest sich das etwa so:
Die Amerikaner leben seit Langem über ihre Verhältnisse. Überhöhte Aktienkurse und Hauspreise im Verein mit locker vergebenen Krediten haben sie ständig veranlasst, weit mehr zu importieren als zu exportieren. Auf diese Weise haben sie ein beispielloses Leistungsbilanzdefizit, also eine beispiellose Verschuldung, angehäuft.
Der frühere FED-Chef Alan Greenspan warnte zwar gelegentlich vor den Übertreibungen der Aktienkurse, aber er trat ihnen nie durch teureres Geld entgegen.

Stets ließen sich der hohen Verschuldung die Traumdaten der US-Wirtschaft entgegenhalten: Nie zuvor ist die Produktivität so gewachsen, entstanden so viele neue Jobs und blieb die Inflation dennoch so gering. Greenspan ersann dazu sogar eine eigene Theorie: Telekommunikation erlaube Wachstum ohne Teuerung.

Inzwischen müssen seine Behauptungen relativiert werden: Das Ausgangsniveau der USA war niedriger als etwa das Deutschlands. Die hohen Produktivitätszuwächse mehrerer Jahre wurden offiziell nach unten korrigiert. Und seit 1995 messen die USA anders: Wird die Leistung eines Geräts – etwa durch neue Speicherchips – um das Hundertfache gesteigert, wird es als hundertmal so wertvoll berechnet. Bei der Bemessung der Inflation kam das gleiche „hedonistische Prinzip“ in umgekehrter Richtung zur Anwendung: Die Geräte wurden als hundertfach verbilligt eingestuft.

Gleichzeitig wurde der Entwicklungsaufwand nicht mehr den Produktionskosten zugerechnet.

Was nach Abzug dieser schönenden Eingriffe von der die EU angeblich übertreffenden Produktivität noch bleibt, ist eine schwierige Frage. Vermutlich kaum so viel, dass es die so viel größere Verschuldung rechtfertigte.

1999 wie 2002, als taumelnde Hedgefonds den überbewerteten Aktienmarkt mit sich zu reißen drohten, machte Greenspan das Geld so billig, dass man nicht nur weiter in Aktien und Realitäten investieren, sondern auch weiter wie im Rausch konsumieren konnte.

Darauf basiert bis heute der Boom. Die USA verschuldeten sich noch weiter bei Japan und China. Diese Länder sitzen daher auf Dollar-Bergen. Zwar können sie sich nicht so rasch von der verfallenden US-Währung trennen, wie sie das wollten, weil der Dollar sonst ins Bodenlose stürzte, aber natürlich versuchen sie, sukzessive Dollars loszuwerden: So haben die Chinesen vor allem US-Realitäten gekauft und damit deren Preise hochgetrieben – die Japaner haben eher in Aktien investiert und so die Aktienkurse gestützt. Derzeit kaufen beide für immer schlechtere Dollars gute Euros, deren Kurs dadurch ständig steigt.

Ihre Lust, US-Unternehmen zu kaufen, hat sich stark verringert, seit die Schwächen der realen US-Wirtschaft sichtbar werden. „In den vergangenen Jahren hat der Anteil des Produktionsbereichs am US-Inlandsprodukt ständig abgenommen auf zuletzt gerade noch zehn Prozent. Wovon jedoch soll das Land leben und seine Defizite decken? Allein von Boeing, von den Banken oder gar von den Servicejobs der wie Pilze aus dem Boden geschossenen Schnellimbissrestaurants?“, fragt ein US-Kommentator.

Dass in Dollar notierende Aktien mit einem verfallenden Dollar ständig an Wert verlieren, macht US-Unternehmen für Investoren auch nicht gerade attraktiver. Sie werden also in Zukunft kaum mehr durch Auslandskapital gefördert werden – und das werden sie an ihren Kursen und damit ihren Kreditrichtlinien spüren.

Gleichzeitig schrumpft das beste Geschäft der gewaltigen US-Finanzindustrie: Geld ist nicht mehr so billig, dass sich damit, wie unter Greenspan, immer riskantere „Übernahmen“ finanzieren ließen. Nicht nur die Übernahme von Chrysler durch Cerberus ist gefährdet, sondern das ganze Übernahmegeschäft. Das aber bedeutet, dass der Finanzsektor in einer Phase, in der immer mehr Kredite faul werden könnten, dramatisch weniger verdient. Gleichzeitig werden die Aktienkurse nicht mehr durch „Übernahmen“ hochgetrieben, sondern Finanzinstitute könnten im Gegenteil Aktien abverkaufen müssen.

Die Börse hat tatsächlich immer Recht – fragt sich nur, ob schon auf kurze oder auf längere Sicht.