Hat Bush doch Recht?

Irak-Kriegs-Kritiker müssen angesichts der Ereignisse im Libanon nachdenklich werden.

Wenn die Demonstranten in Beirut jetzt berichten, sie hätten sich nicht zuletzt von den irakischen Wahlen inspirieren lassen, dann stellt sich eine grundlegende Frage: Haben die Kriegskritiker, die Feinde der Politik von George W. Bush, sich geirrt? Und haben die neokonservativen Strategen, die davon träumten, den Irak zum „Leuchtturm der Demokratie“ für die arabische Welt zu machen, nicht doch Recht behalten?

Zunächst einmal gilt: Die „Neocons“ und Bush haben sich abenteuerlich blamiert. Natürlich wurden die US-Truppen am Euphrat und Tigris nicht als Befreier empfangen, wie man in Washington angenommen hatte. Unbestritten ist auch, dass die offiziellen Kriegsgründe – die Welt vor Saddam und seinen Massenvernichtungswaffen zu bewahren – erstunken und erlogen waren. Und das blutige Chaos im Nachkriegs-Irak dokumentiert täglich das Scheitern der martialischen Politik von Bush.

Dennoch sollten auch die Kriegsgegner nachdenklich werden. Viele von ihnen haben sich ebenfalls geirrt – das zeigen die vergangenen Wochen. Manche Kriegskritik basierte auf der Grundannahme, der Waffengang würde nicht nur den Irak in einen Bürgerkrieg stürzen, sondern auch die ganze Region destabilisieren. Anarchie und Fundamentalismus wären die Folge. Kein Zweifel: Der Irak ist nicht befriedet. Doch trotz erbitterter Bemühungen der Terrorgruppen haben sich die verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen nicht gegeneinander aufhetzen lassen. Und trotz massiver Todesdrohungen sind die Iraker stolz zu den Urnen geschritten.

Vielfach steckt hinter den pessimistischen Analysen der Amerika-Kritiker ein unbewusstes Vorurteil: Die Araber dort unten sind nicht reif für Demokratie. Auch die Entwicklung der antisyrischen Volksbewegung im Libanon hat viele überrascht: Man hätte gemeint, eine Destabilisierung der politischen Situation würde diesen Vielvölkerstaat in jenen Bürgerkrieg zurückfallen lassen, der schon von 1975 bis 1990 gewütet hat. Irrtum: Bisher zumindest stellt sich die libanesische Nation – Moslems und Christen – recht einheitlich gegen die syrischen Besatzer und fordert gemeinsam Unabhängigkeit und Souveränität. Auch sonst bewegt sich offenbar einiges im Nahen Osten. Und es handelt sich keineswegs nur um fundamentalistischen Furor.

Als Ronald Reagan 1987 in Berlin von Gorbatschow forderte: „Reißen Sie die Mauer nieder“, fanden das die Europäer abgeschmackt und naiv. Zwei Jahre später fiel die Mauer. Als bloße Propaganda taten viele Bush-Kritiker die US-Rhetorik von „freedom and democracy“ für die arabische Welt ab. Aber offensichtlich wirkt auch in dieser Region, allem Amerika-Hass zum Trotz, diese einfache Formel, wenn sie die Gefühle und Ambitionen von Millionen frustrierter Menschen ausdrückt. Das sollten jene Amerika-Kritiker bedenken, die aus einer pessimistischen Weltsicht heraus immer wieder angstvoll an der schlechten Stabilität festhalten wollen.

Offenbar ist die arabische Welt tatsächlich reif für eine demokratische Umwälzung. Und da sollte Europa nicht abseits stehen, sondern tatkräftig mithelfen. Vor allem sollte man aber Bush und Co beim Wort nehmen und sie fragen: Hätten sie nicht schon längst die Demokratisierung Ägyptens mit der Drohung vorantreiben können, die US-Gelder für Mubarak (zwei Milliarden Dollar im Jahr) zu streichen, wenn der Autokrat am Nil nicht sein Regime liberalisiert? Und warum ist das US-Budget für die finanzielle Unterstützung der arabischen Demokratisierung so minimal, verglichen mit den gigantischen Kosten eines nicht enden wollenden Irak-Kriegs?