"Hausbesetzer sind konservativ": Blixa Bargeld im Interview mit profil

Blixa Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten, über seine Abneigung gegen Punks, über die Sprache von Speisekarten und seine Freude an einem guten Mittagessen.

Interview: Karin Cerny

profil: Vor 20 Jahren meinte der Musiker Nick Cave über Sie, er habe noch nie jemanden gesehen, der so krank und zerstört aussehe. Gerade sind Sie 50 geworden. Wie haben Sie das überhaupt geschafft?
Bargeld: Ist das nicht sogar schon an die 30 Jahre her? Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe. Es gab damals tatsächlich Spekulationen darüber, wie lange ich es denn noch machen würde.

profil: Harte Drogen gehörten früher zu Ihrem Alltag?
Bargeld: Harte Drogen habe ich nie genommen – ich bin ja im Unterschied zu Nick Cave immer Heroin-Gegner gewesen. Ich habe hauptsächlich Amphetamine eingeworfen. Die sind allerdings gesundheitlich noch schlimmer. Im Prinzip kann man mit seiner täglichen Dosis Heroin alt werden, aber mit Speed geht das nicht.

profil: Haben Sie je einen Entzug gemacht?
Bargeld: Nein, die Drogen drifteten einfach weg. Irgendwann haben sie mich gelangweilt. Ich habe mich gar nicht großartig bemüht, clean zu werden.

profil: Kann man mit 50 überhaupt noch Punk sein?
Bargeld: Ich war ja nie einer! Die Punks sind doch die, die mir während unserer Auftritte Bierflaschen ins Gesicht geschmissen haben. Da kann ich doch nicht einer von denen sein!

profil: Sie haben sich damals schon Charles Baudelaire näher gefühlt als Sid Vicious?
Bargeld: Baudelaire ist ein gutes Beispiel, weil er ständig als Dandy bezeichnet wurde, selbst aber Dandys hasste. So ähnlich ist das bei mir mit den Punks auch. In Interviews heißt es oft: Ja früher, da waren Sie ein Punk – und heute sind Sie ein Bonvivant. Ich sage dann: Früher haben mich die Punks angegriffen, und heute tun sie so, als hätte ich einmal zu ihnen gehört.

profil: In Ihrem Buch „Europa kreuzweise“ kommt die Hausbesetzer-Szene gar nicht gut weg.
Bargeld: Ja, ich sage sehr deutlich: Hausbesetzer sind konservativ, jedenfalls fast immer. Ich lebte eine Zeit lang mit meinem Band-Kollegen Andrew Chudy in einem besetzten Haus. Wir sind permanent angeeckt.

profil: Inwiefern?
Bargeld: Alle Graffiti von Andrew wurden sofort feinsäuberlich mit weißer Farbe übermalt.

profil: Was hat Ihre Mitbewohner denn so provoziert?
Bargeld: Unsere Texte waren eher kryptisch. Sie lauteten etwa: „Nehmt Abschied!“ Ich glaube, das war den anderen nicht eindeutig politisch genug.

profil: Sie scheinen ungern Erwartungen zu erfüllen. Ihr Buch erzählt zwar von einer Europa-Tour der Einstürzenden Neubauten, spart dabei aber alles aus, was man erwarten würde: Sex, Drogen, sogar die Konzerte selbst.
Bargeld: Es ging mir nicht darum, ein Tour-Tagebuch zu schreiben. Ich wollte mit der Möglichkeit spielen, einen potenziell unendlichen Text zu produzieren, der die Bewegung einer Konzerttour ausdrückt. Eine Freundin hat mich dann über die kirchliche Litanei aufgeklärt und meinte, dass es sich um einen oralen Text handelt, der die Form der Anrufung habe. Mein Buch ist ein Loop ohne Ende und Anfang.

profil: Das Buch zur Wirtschaftskrise ist es definitiv nicht geworden. Sie beschreiben den Besuch teurer Sterne-Restaurants und kaufen Ihre Schuhe nur in Italien. Sind Sie etwa ein Schnösel geworden?
Bargeld: Ich habe eben das Talent, mich zwischen die Stühle zu setzen. Wenn man sich entscheidet, die Konzerte auszusparen, bleiben natürlich nur mehr Hotels, Restaurants und ein paar Museen übrig. Aber wenn ich eine Speisekarte zitiere, geht es mir nicht in erster Linie darum, was es dort zu essen gibt, sondern um die Sprache. Die erste Speisekarte liest sich doch wie ein Witz: Da sitzt man in einem 3-Sterne-Restaurant in Deutschland und versinkt in einem französisch-deutschen Sprachgewirr. Etwa 50 Prozent dessen, was in dem Buch steht, hat sowieso nie stattgefunden.

profil: Stimmt die Geschichte, dass Leselampen in Tour-Bussen absolut unüblich sind?
Bargeld: Die stimmt. Jeder Tour-Bus quillt vor Elektronikgeräten über, aber Leselampen gibt es nicht. Die ganze Band empörte sich darüber, als wir unseren Bus sahen: Da konnte man nicht einmal lesen – es war viel zu dunkel. Man konnte die Lampen zwar so einschalten, dass sie blinkten, aber wir wollten im Bus ja nicht tanzen.

profil: Ihre Kollegen bei den Einstürzenden Neubauten interessieren sich nicht für teure Restaurants?
Bargeld: Nein, das ist eine persönliche Vorliebe. Zwei Stunden vor dem Auftritt kann ich nicht noch groß essen, ich brauche also ein gutes Mittagessen. Das geht den anderen nicht so. Aber sobald wir aus dem Bus steigen, geht ohnehin jeder seiner eigenen Wege. Man ist froh, wenn man ein bisschen Zeit für sich hat.

profil: Alex Kapranos, Sänger der schottischen Band Franz Ferdinand, meinte kürzlich, man finde auf der ganzen Welt kein ehrliches und lockeres Restaurant mit Michelin-Sternen.
Bargeld: Das stimmt doch nicht. Mein Ziel ist es ja nicht, möglichst locker unheimlich viel Essen in mich reinzustopfen. Wenn in einer Restaurantkritik steht, dass die Portionen viel zu klein seien, ist das für mich ein guter Grund, dort hinzugehen. Unangenehm sind in solchen Lokalen nur die Preise und das soziale Gefälle. Natürlich ist das Publikum guter Restaurants meist ein unglaubliches Gesocks.

profil: Der letzte Satz in Ihrem Buch lautet: „I love Europe.“ Ist das ernst gemeint?
Bargeld: Ich wusste von Anfang an, dass dies der letzte Satz sein würde. Ich lebe abwechselnd in Peking und in San Francisco, aber im Grunde fehlt mir da immer ein Teil von mir selbst. Erst wenn ich zurück nach Europa komme, merke ich das. Alle Orte, die ich in meinem Buch erwähne, stecken irgendwie in meinem Nervensystem.

profil: Wie viele Tage im Jahr sind Sie eigentlich unterwegs?
Bargeld: Als ich noch in Nick Caves Band The Bad Seeds aktiv war, waren es schon so 100 Tage im Jahr. Ich bin aus der Band nicht aus persönlichen Differenzen ausgestiegen, sondern weil ich meine Reisetätigkeit einschränken wollte. Zwei Bands, das war mir auf Dauer einfach zu viel. Jetzt habe ich auch noch eine Tochter, das ist ein Grund mehr, weniger zu reisen.

profil: Wie wird Ihre Lesereise ablaufen, die Sie ja auch nach Wien führen wird?
Bargeld: Wenn nicht gerade Ernst Jandl liest, mag ich Lesungen nicht besonders. Mir wär’s am liebsten, ich würde den ganzen Text auswendig lernen. Im Moment arbeite ich an einer technischen Lösung, um genau diesen Effekt herzustellen.

profil: Sie meinten einmal stolz, dass kein Mitglied der Einstürzenden Neubauten Tätowierungen habe. Hat sich das inzwischen geändert?
Bargeld: Ja, Alexander Hacke hat mittlerweile sogar mehrere Tattoos. Früher wurde das von einem ja schon fast erwartet: Ein Rockmusiker muss am ganzen Körper tätowiert sein. Inzwischen haben Tattoos ja überhaupt nichts Anrüchiges mehr. Heute fragt die brave Tochter mit 16: Mama, kann ich ein Tattoo haben? Jetzt gibt es also auch einen in unserer Band. Kann er ruhig machen – für mich ist das nichts.

profil: Der Extrem-Performer und Rockmusiker Henry Rollins hat jede Menge Tattoos. Als Sie vor ein paar Jahren in Wien an der Schule für Dichtung unterrichteten, besuchten Sie mit Ihrer Klasse ein Rollins-Konzert. Was kann man von diesem Mann lernen?
Bargeld: Henry ist ein Punk, aber er ist auch ein großer Dichter. Und er ist eine wandelnde Produktionsmaschine. Das Tollste an ihm aber ist seine Haltung. Nach dem Konzert sagte er zu meiner Klasse den schönen Satz: „Das Wichtigste ist die Wahrheit – sie wird dich immer beschützen.“ Das hat mich ziemlich beeindruckt.