Heiligenscheinwerfer im Wiener Atelier Simonis

Im Wiener Fotoatelier Simonis ließ sich Österreichs gesamte Polit- und Kunstprominenz der Nachkriegszeit ablichten. Fast wäre das Archiv verloren gegangen. Eine Ausstellung und ein Bildband dokumentieren nun die hohe Licht- und Retuschierkunst von Vater und Sohn Simonis.

Wenn Präsidententag war, herrschte in den sich insgesamt auf 400 Quadratmeter erstreckenden Räumlichkeiten in der Währinger Straße 12 im neunten Wiener Gemeindebezirk höchste Alarm­bereitschaft. Stunden zuvor war bereits die Straße ­abgesperrt worden, damit die Präsidentenlimousine ­ungestört zufahren konnte. Dutzende Assistenten wurden dann von Vater Julius oder Sohn Heinz Simonis weggescheucht, damit sie allein den hohen Besuch empfangen konnten.

Seit der Gründung der Zweiten Republik ließen sich die ersten Männer im Staat für die offiziellen Fotos, die Schulklassen und Amtsstuben zu zieren hatten, ausnahmslos im Fotoatelier Simonis ablichten. Das ästhetische Verständnis des Studios garantierte den prominenten Kunden die Aura der Erhabenheit und „eine Bildinszenierung, die zum Inbegriff der Schönheit als Phantasma beitrug“, wie der stellvertretende Leiter des Bildarchivs der Nationalbibliothek Uwe Schögl, der das Simonis-Archiv für seine Institution erwarb, konstatiert. „Julius Simonis hat sogar von einem Heiligenschein gesprochen, den er auf seine Klienten setzte.“

Fast wäre der Archivschatz
, der seit der Gründung des Ateliers 1917 eine Chronik der Eliten Österreichs präsentiert, vor einigen Jahren verloren gegangen. Schögl wurde 2005, nach der Schließung des Studios, vom Besitzer der Wiener Fotogalerie „Westlicht“, Peter Coeln, und dem Kunst- und Möbelhändler Christoph Stein auf den Nachlass aufmerksam gemacht.

Er fungiert auch als Kurator der im Juni in der Galerie Westlicht stattfindenden Simonis-Ausstellung und als Herausgeber des parallel erscheinenden Bildbands. „Die Berufsfotografie ist am Kunstmarkt nicht vertreten, aber wir haben den Entschluss, das Simonis-Archiv zu erwerben, sofort nach der ersten Sichtung gefasst“, so Schögl. In der Nationalbibliothek werden nun die tausenden Fotos und Negative wissenschaftlich bearbeitet, digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „Das Archiv präsentiert ein unschätzbares zeitgeschichtliches Dokument österreichischer Porträtfotografie und ein Spiegelbild einer von der Wiener Gesellschaft gewünschten Ästhetik. Es war im Nachkriegs-Österreich nahezu ein gesellschaftliches Muss, sich dort fotografieren zu lassen. Im Fahrwasser der Prominenz kam dann auch die breite Masse ins Studio – neben Brautpaaren waren Kinder, aber auch Haus­tiere beliebte Porträtobjekte.“ Der frühere Finanzminister und heutige Industrielle Hannes Androsch erinnert sich in dem Bildband an seine erste Sitzung bei ­Simonis: „Das war 1966, als ich Kandidat der SPÖ für den Nationalrat war, dessen jüngstes Mitglied ich ein Jahr später wurde. Mein beruflicher Werdegang ist mit Simonis-Fotos verbunden – dort herrschte immer höchste Professionalität. Es war ja eine Wiener Redensart, dass man es bei Simonis verstünde, aus jedem Affen einen Menschen zu machen. Ich wollte es immer so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Die Porträts des jungen Hannes Androsch wirken wie gemeißelt – ein ästhetischer Kunstkniff, der sich als gestalterisches Leitmotiv vor allem durch die Porträts der Machtinhaber zog und den „Julius und Heinz Simonis, inspiriert durch die Glamour-Fotografie des Hollywoods der vierziger und fünfziger Jahre, für ihre Zwecke adaptierten“, so Schögl.

Schöne Lügen.
Der Regisseur Robert Dornhelm, der nach seiner Emigration aus dem rumänischen Temesvar 1961 unweit des Ateliers mit seiner Familie wohnte, musste als Teenager immer wieder bei Simonis posieren: „Es lief dort auch mit Witz ab. ,Das Vogerl kommt gleich‘, sagte der Mann unter dem schwarzen Tuch. Das war wie eine Art Arztbesuch: Man setzte sich hin und posierte.“ Dornhelm, der damals bereits selbst fotografierte, empfand die Prozedur als lästig: „Man kann wohl vom Zelebrieren der großen Lüge sprechen – es war gerade die Lichtinszenierung, die verlogen war. Damit alles schön war, musste das Licht den Porträtierten von allen Seiten beleuchten. Das Licht evozierte eine künstliche Stilrichtung, die nicht die Ambition hatte, die Wahrheit wiederzugeben, sondern die Porträtierten möglichst vorteilhaft darzustellen.“

Der Urheber des Foto-Mythos Julius Simonis stammte aus einer Kaffeehaus-Dynastie und gründete nach der Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt 1917 das erste Atelier in der Wallensteinstraße. Neben seiner hohen technischen Präzision und seiner Fähigkeit, wie ein Bildhauer die Gesichter seiner Kunden mit Kunstlicht zu meißeln, verstand er es, Kontakte mit der besten Wiener Gesellschaft zu knüpfen. Obwohl er schon 1919 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beigetreten war, posierten Politiker aller Couleurs vor seiner Kamera. Nur durch Simonis’ Verdienste um die Zunft und seine Pionierstellung in der Kunstlicht-Fotografie sollte das Atelier die NS-Diktatur ohne Schließung überleben. Zwar ließen sich bei Simonis keine NS-Bonzen ablichten, doch das Unternehmen hielt sich mit Ausweisfotos, Damenporträts für die Soldaten an der Front und Mutter-Kind-Bildern, die für den Mutterkult des Dritten Reichs typisch waren, über Wasser. Seine ungebrochen sozialdemokratische Haltung während des Hitler-Regimes öffnete Julius Simonis nach Kriegsende alle Tore. „Der 1960 verstorbene Simonis profitierte enorm von seiner SPÖ-Nähe“, so Schögl.

„Er war aber zusätzlich ein so genialer Netzwerker, dass alle anderen auch kamen.“ Im Atelier wurde auch Werbegeschichte geschrieben: Hier entstanden die fotografischen Vorlagen für das erste Wahl-­Fotoplakat des späteren Bundespräsidenten Adolf Schärf, hier machte der Filmstar O. W. Fischer die erste Personality-Werbung für eine Hutfirma.

Die Retusche wurde im Atelier, zu dessen Kunden die Glamour-Riege wie Marika Rökk, Heinz Conrads und die junge Schauspielerin Gertraud Jesserer ebenso zählten wie hohe kirchliche Würdenträger und – neben den Bundespräsidenten – Bundeskanzler, Wirtschaftsmagnaten und Industrielle, mit hohem Aufwand und Akribie betrieben. Schon dem SPÖ-Abgeordneten Bruno Kreisky ließ man, wie Retuschier-Markierungen auf Bildern aus dem Jahr 1956 dokumentieren, das beginnende Doppelkinn und die Falten wegzaubern. Star der Retuschierkunst war in der Hochblüte des Ateliers in den fünfziger und sechziger Jahren eine ungarische Varieté-Kunstpfeiferin, die das Nervenkostüm der Mitarbeiter durch acht- bis neunstündige Pfeifkonzerte strapazierte.

Nimbus für alle.
Heinz Simonis ging in seinen Verschönerungsmaßnahmen sogar noch weiter – er engagierte Maskenbildner, um den Gesichtern der Macht zur Makellosigkeit zu verhelfen. Später ließ er sich zum Visagisten ausbilden und legte bei gewichtiger Klientel gern selbst Hand an. „Den Rudolf Kirchschläger hat er zum Beispiel mit einer einheitlichen Creme überpudert“, erinnert sich Simonis’ ehemaliger Mitarbeiter Paul Wilke. „Besonders schwierig war es, den Übergang zum bereits schütteren Haar regelmäßig verlaufen zu lassen.“ Nur ganz selten waren die Porträtierten mit ihren verherrlichenden Darstellungen nicht zufrieden. Bundespräsident Adolf Schärf ließ sich von seinem Chauffeur ein zweites Mal in die Währinger Straße fahren, wie der Fotolehrling und spätere Szenefotograf Christian Skrein erzählt. Statt einer Begrüßung polterte Schärf nur: „Na, mach ma halt wieder einmal ein Foto!“ Selbst hohe Gäste wurden bei der Prozedur nicht verwöhnt. „Kaffee gab’s selbst für Bundespräsidenten nicht“, so Skrein. „Ich erinnere mich nur, dass der Simonis dem Schärf Wasser angeboten hat. Der hat darauf nur geantwortet: ,Ich trink kein Wasser.‘“

An schlechter Laune aus der „Einser“-Partie – das Studio 1 war den Prominenten vorbehalten – wurde Schärf nur noch von Hans Moser übertroffen. Für ein Plattencover posierte der Volksschauspieler 1964 bei Simonis. „Ich hatte den Eindruck, dass er von der ersten bis zur letzten Sekunde der Aufnahmen schlecht drauf war“, so Skrein. Es sollten die letzten Fotos der grantelnden Legende bleiben – wenige Wochen später starb Moser. Als Wiener Institution existierte das Fotoatelier bis ins Jahr 2005 – nach Heinz Simonis’ Tod 1985 wurde der Betrieb noch 20 Jahre lang auf kleiner Flamme weitergeführt – ganz im Sinne des verstorbenen Chefs, der sein künstlerisches Credo mit den Worten zu beschreiben pflegte: „Wer bei mir Nimbus will, der kriegt ihn auch.“