Heimatkunde: Die Star-Steirer

Seit Arnold Schwarzenegger seine Kandidatur für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien bekannt gegeben hat, ist endgültig klar: Die Steirer sind immer schwer unterschätzt worden. Bestandsaufnahme eines Bundeslandes, in dem einige der abenteuerlichsten Karrieren Österreichs ihren Anfang genommen haben.

Köflacher Bauer: "Wouhea beistn tou?"
Obersteirischer Bauer: "Neit fa to."
Köflacher Bauer: "Sou schaust a aus, tou bleita troutl."
Obersteirischer Bauer: "Hoiti Papm, du westschtairische Oaschsau!"
Steirischer Wirtshausdialog aus dem Buch "Aus dem Leben Hödlmosers" von Reinhard P. Gruber

An manchen Tagen gibt es kein Entrinnen. Dienstag der Vorwoche, kurz nach 16.30 Uhr: Der Steirer Thomas Muster hat beim Tennisturnier in Graz soeben den ersten Satz gewonnen. In der Pause zeigt ORF 1 eine Werbeeinschaltung für "Total Recall", einen alten Film des Steirers Arnold Schwarzenegger. Umschalten auf ORF 2 hilft auch nicht. Dort läuft gerade eine Parlamentsdebatte, am Wort ist der Steirer Werner Kogler.

Das Steirische wuchert üppig im heißen Sommer 2003. Während die Wiener auf Urlaub sind, die Tiroler und Kärntner ihre Touristen päppeln, die Burgenländer in der Buschenschank sitzen und dem Rest Österreichs für jegliche Aktivität schlicht zu heiß ist, machen sich die Steirer in den Schlagzeilen breit:
Arnold Schwarzenegger (aus Thal bei Graz) gibt seine Kandidatur für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien bekannt und macht außerdem mit "Terminator 3" die internationalen Kinos unsicher; Magna-Chef Frank Stronach (Weiz) angelt nach der Voest und ist Hauptthema im oberösterreichischen Wahlkampf; Tennisidol Thomas Muster (Leibnitz) spielt nach vier Jahren Pause erstmals wieder, und erstmals seit ebenso langer Zeit ist ein Tennisstadion in Österreich wieder voll; schon seit Wochen gibt es Vorberichte über die riesige Party, die Red-Bull-Erfinder Dietrich Mateschitz (St. Marein) bei den Salzburger Festspielen am 22. August anlässlich der Eröffnung seines eigenen Flugzeughangars schmeißen wird. Für die internationale Prominenz unter den Gästen hat sich Mateschitz etwas Besonderes einfallen lassen: ein Helikopter-Streichquartett von Karlheinz Stockhausen, das irgendwie die griechische Schöpfungsgeschichte intonieren möchte.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen hätte die "Kleine Zeitung" keinen besseren Termin für ihre "Steirerwahl" finden können. Gesucht werden derzeit die wichtigsten Steirer aller Zeiten. Und anders als das ZDF, das für eine ähnliche Veranstaltung jüngst Wolfgang Amadeus Mozart gekidnappt und zum Deutschen erklärt hat, kommen die Steirer blendend mit dem eigenen Material aus. "Die Steiermark strotzt nämlich selbst vor großen Töchtern und Söhnen", findet die "Kleine".

Noch vor wenigen Monaten wäre man versucht gewesen, diese Feststellung als provinzielle Prahlerei zu betrachten. Aber seit die potentesten Steirer sozusagen konzertiert auftreten, kann Rest-Österreich das Phänomen nicht mehr übersehen. Sogar Wolf Martin, Verseschmied der "Kronen Zeitung" und praktizierender Misanthrop, verspürt angesichts der steirischen Omnipräsenz so etwas wie Sympathie in sich keimen: "Man witzelt gerne über diese / anstatt dass man mit Stolz sie priese", reimte er am vergangenen Freitag, "ich aber sage Lob und Dank / dem Arnie und dem Stronach Frank."

Das Bundesland hinter dem Semmering, früher geschmäht als Heimstatt der prächtigsten Kröpfe, wurde offensichtlich jahrelang schwer unterschätzt. Mitunter auch von den Steirern selbst: Reinhard P. Gruber, Autor des steirischen Klassikers "Aus dem Leben Hödlmosers", hat seine Landsleute einst in sechs Typen klassifiziert: die Feld-, Wald-, Fluss-, Berg-, Stein- und Weinsteirer. Grubers Beobachtungen entgangen sind die mindestens so gut gedeihenden Star-Steirer.

Tolles Personal. In den unterschiedlichsten Fachgebieten hat das Land bemerkenswertes Personal hervorgebracht: Klaus Maria Brandauer, geboren in Bad Aussee, gehört zur sehr kleinen Zahl österreichischer Schauspieler, die auch international gefragt sind; Nikolaus Harnoncourt, ein Ururenkel des legendären Erzherzogs Johann, genießt als Dirigent Weltruhm; Maria Schaumayer war als Präsidentin der Oesterreichischen Nationalbank die erste Frau, die es im männlich dominierten Finanzsektor zu einem Spitzenjob brachte; Hans Dichand ist als Gründer und langjähriger Chefredakteur der "Kronen Zeitung " einer der mächtigsten Medien-Bosse im Land. Und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz war Mitte der achtziger Jahre ziemlich einsam in seiner Überzeugung, dass ein überteuertes, picksüßes Safterl ein Renner werden könnte. Mittlerweile ist der Beweis erbracht: Mateschitz steht mit einem geschätzten Privatvermögen von einer Milliarde Dollar als einziger Österreicher auf der "Forbes"- Liste der Superreichen.

Nicht zu vergessen auf den weniger bekannten, aber nicht minder leistungsstarken Robert Rosskogler aus Krieglach. Der Besitzer eines Harmonika-Geschäfts hält seit 1982 mit 14 Stunden und 37 Minuten den Weltrekord im Dauerjodeln. 2000 legte er noch einen Weltrekord im Alleinunterhalten drauf. 24 Stunden lang musizierte Rosskogler mit verschiedensten Instrumenten, erzählte Witze und gab Zauberkunststücke zum Besten. "Leider gab es damals eine Beschränkung auf 24 Stunden ", erzählt er, "sonst hätte ich noch weitergemacht. "

Das Kernöl? Der Schilcher? Die Bewohner von Österreichs zweitgrößtem Bundesland sind offenbar in großer Zahl zu besonderen Leistungen imstande. Woran das liegt, kann derzeit - da die Forschung auf diesem Gebiet erst langsam in Schwung kommt - nur gemutma ßt werden. Als Laie verdächtigt man zunächst die im Land dominierenden Lebensmittel: Ist es das Kernöl, das in manchen Gebieten der Steiermark in der Nahrungskette gleich nach der Muttermilch steht? Oder ist es vielleicht der Schilcher, jener nur in der Steiermark gekelterte Weißwein, für dessen Abgang internationale Önologen bis heute nach einem passenden Adjektiv suchen?

Beides muss als eher unwahrscheinlich gelten. Schließlich werden Kernöl und Schilcher auch an Touristen verfüttert. Und es ist kein Fall bekannt, in dem ein Urlaub in der Steiermark zu einem nennenswerten Karrieresprung geführt hätte.

Aufklärung ist am ehesten von den Steirern selbst zu erwarten, die schließlich wissen müssten, warum sie so außerordentlich gut sind. Bemerkenswertestes Ergebnis nach einer kleinen Umfrage: Kaum ein Steirer ist über die Frage als solche verwundert - und das beantwortet sie wohl schon zum Teil. "Das ist ein Thema, das mich seit Jahren beschäftigt", erklärt etwa der ehemalige VP-Landesrat Gerhard Hirschmann, ehe er sich erbötig macht, die Liste der Erfolgs-Steirer noch um ein paar Namen zu ergänzen.

Hirschmanns jahrelanges Grübeln hat sich aber ausgezahlt, er kann eine Theorie präsentieren: Zum einen sei die Steiermark so eine Art Melting Pot aus germanischen, slawischen und romanischen Einflüssen - ein Umstand, der die Kreativität beflügelt habe, findet Hirschmann. "Außerdem ist der Hang zum Jammern, den man den Österreichern und da vor allem den Ostösterreichern nachsagt, in der Steiermark sicher am schwächsten ausgeprägt."

Landeshauptmann Waltraud Klasnic, die erste und wohl auch noch für sehr lange Zeit einzige Frau in diesem Amt, ergänzt die Analyse und verweist auf die mitunter äußerst düstere Wirtschaftslage in ihrer Heimat: "Es ist Teil unserer Geschichte, dass wir uns mehr plagen müssen als andere." Und wer sich so abrackert, wird halt irgendwann belohnt.

Kratzen, beißen, spucken. Tatsächlich beruhen sehr viele typisch steirische Karrieren weniger auf glücklichen Zufällen oder genialen Masterplänen als auf unbedingtem Wollen und harter Arbeit. Walter Schachner etwa, einer der aktuell erfolgreichsten Fußballtrainer in Österreich, gilt nicht nur als talentiert, sondern vor allem als ungeheuer ehrgeizig. Legendär ist seine Schoko-Tabelle, mit der er in der vergangenen Saison bewies, dass die Wiener Austria unter seiner Führung mehr Punkte gemacht hat als unter dem deutschen Star- Trainer Christoph Daum.

Von ähnlicher Persönlichkeitsstruktur ist Thomas Muster, bis dato der einzige Österreicher, der es an die Spitze der Tennis- Weltrangliste schaffte. Muster war nie ein spielerischer Schöngeist. Den Erfolg verdankt er zu einem sehr großen Teil seinem besonders intensiven Training und dem unbändigen Siegeswillen. "Kratzen, beißen, spucken und niemals aufgeben", erklärte er einmal recht anschaulich sein Erfolgsrezept. Steirerbluat ist bekanntlich kein Himbeersaft.

Noch mehr anstrengen musste sich Arnold Schwarzenegger, Sohn eines Polizisten, der seine Erfolge fast ausschließlich totalem Körpereinsatz verdankt. Schon mit 15 Jahren begann er, Gewichte zu stemmen. Vier Jahre und zahlreiche Ampullen mit anabolen Steroiden später wird er zum ersten Mal "Mister Universe". Bis 1980 schafft er dieses Kunststück noch weitere fünfmal. Seine Muskeln begründen auch die anschlie ßende Filmkarriere. Schwarzenegger ist unter anderem "Conan, der Barbar" und "Terminator", verdient viele Millionen Dollar und wird zur Hollywood-Ikone. Das alles "mit dem furchtbarsten Akzent seit Henry Kissinger", wie das USMagazin "Newsweek" vergangene Woche schrieb.

Gouverneur Arnie? Sollte Schwarzenegger wirklich, wie die Umfragen verheißen, Gouverneur von Kalifornien werden, wäre das der krönende Abschluss einer Laufbahn, die eigentlich nur aus Unmöglichkeiten besteht.

Kleiner Schönheitsfleck für die auf ihren berühmten Sohn so stolzen Steirer: Richtig groß geworden ist Arnie in Amerika. Wäre er daheim geblieben, hätte er bestenfalls eine Karriere als kräftiger Gendarm anstreben können. "Wer es zu etwas bringen wollte, war ja fast zum Auswandern gezwungen", resümiert Emil Breisacher, Präsident der Akademie Graz und Mitbegründer des Forum Stadtpark.

In der Tat war das Leben als Steirer über viele Generationen hinweg ein ziemlich mühsames. Jahrzehntelang teilte sich das Land mit dem Burgenland die ärmsten Regionen Österreichs. Seit ein paar Jahren läuft es zwar deutlich besser, aber der Durchschnittsverdienst der Steirer liegt nach wie vor unter dem österreichischen Schnitt.

Andererseits gab es auch in den magersten Zeiten stets eine relativ breite Schicht von Wohlhabenden und sehr Reichen - die Adelsfamilien, Groß- grundbesitzer und das Grazer Großbürgertum. "Auf so ein Spannungsverhältnis kann man mit Resignation oder Kampf reagieren. Und die Steirer sind gar nicht resignativ", analysiert der steirische Bundesrat und Hobby-Historiker Herwig Hösele.

Land der Selbstmörder. Dass die Steirer aber sehr wohl zum Extremen neigen, beweisen ein paar weniger glorreiche Fakten: Das Land verzeichnet die österreichweit mit Abstand höchste Zahl an Selbstmorden. Und die zwei größten Verbrecher der letzten Jahrzehnte waren ebenfalls Steirer - Briefbomber Franz Fuchs und Serienmörder Jack Unterweger.

Franz Strohsack, gelernter Werkzeugmacher aus Weiz, gehörte jedenfalls nicht zu den Privilegierten, als er sich 1958 aufmachte, um in Kanada sein Glück zu versuchen. Er hungerte sich durch die Anfangsjahre und legte schließlich unter dem leicht modifizierten Namen Frank Stronach einen gloriosen Aufstieg hin. Stronach ist heute bestimmender Aktionär des Autozulieferkonzerns Magna International und ein schwerreicher Mann. Wie genau er das gemacht hat, weiß niemand. Denn der silberhaarige, zur Besserwisserei neigende Senior wirkt so gar nicht wie ein brillanter Konzernherr.

Protektion unter Steirern. Vor rund zehn Jahren ist Stronach zurückgekommen, hat seiner Heimat ein paar schöne Fabriken geschenkt und den Fußballverein Austria Wien mit Geld zugeschüttet. Dass die unmittelbaren Landsleute in seinem Imperium bevorzugt werden, ist kein Geheimnis. Chef von Magna Europe in Oberwaltersdorf und damit gleichzeitig der bestverdienende Manager Österreichs ist der Steirer Sigi Wolf.

Wäre Stronach kein Steirer, sondern beispielsweise Salzburger oder Tiroler, "wüsste er gar nicht mehr, wo er herkommt ", mutmaßt Gerhard Hirschmann. "Wir sind wahrscheinlich die größten Patrioten unter den Österreichern."

Das passt gut zu den Klischees, die über die Steiermark sonst noch im Umlauf sind und die ein wenig nach dumpfer Provinz duften: Es heißt, dass die Steirer gerne zu viel trinken - wenn es sein muss, auch einen "Heckenklescher", wie der minderwertige, aber dennoch folgenschwere Wein genannt wird. Und man erzählt sich auch, die Steirer seien wilde Kerle, die für ihr Leben gern raufen.

Beides wird nicht völlig falsch sein. Was das Raufen betrifft, kann etwa ein steirischer Nationalratsabgeordneter als Zeuge seinen Onkel aufbieten, der in der Grazer Prosektur beschäftigt und in der Lage war, Mordopfer anhand ihrer Verletzungen dem jeweiligen Landesteil zuzuordnen. "Die Erschlagenen waren alle aus der Obersteiermark, die Erstochenen aus der Untersteiermark", berichtet der Politiker.

Ein guter Boden für Spinner. Aber rurale Traditionen dieses Typs definieren die Steiermark nur zu einem kleinen Teil. Obwohl seit jeher VP-regiert, ist das Land auch ein guter Boden für Querdenker, Revoluzzer und kreative Spinner aller Art. "Graz darf alles", der Leitspruch der Kulturhauptstadt 2003, passt ebenso gut für den Rest des Landes.

Die Kultur ist auch der einzige Bereich, in dem noch nie Mangel herrschte. Eine Zeit lang fand der Austropop fast ausschließlich jenseits des Semmerings statt, der steirische herbst gilt als Österreichs bedeutendste Avantgarde-Veranstaltung, die Literaturszene boomt, und Graz bekommt viel Lob als Kulturhauptstadt. Wer bisher bezweifelt hat, dass die Steirer zu allem fähig sind, muss nur ein Kabarettprogramm von Alf Poier besuchen. Der spindeldürre Fohnsdorfer mit den abstehenden Ohren hat einen derart absurden Humor, dass sein Publikum oft gar nicht genau weiß, worüber es gerade lacht.

Selten einen Grund zum Lachen hatten dagegen die heimischen Bundespolitiker, wenn sie es mit ihren steirischen Berufskollegen zu tun bekamen. Vor allem die mächtige Landes-VP hat sich immer wieder gerne mit den Wienern gematcht. Ein Höhepunkt in den langjährigen Scharmützeln war die Draken- Krise 1997, als Landeshauptmann Josef Krainer II. aus Protest gegen die geplante Stationierung der lauten Flugzeuge in Zeltweg einen Misstrauensantrag gegen VP-Verteidigungsminister Robert Lichal einbrachte und es kurzfristig nach einer richtigen Revolution aussah.

Von Josef Krainer I. wird sogar noch Unfeineres berichtet. Der Landesvater habe seinerzeit bei Wien-Besuchen gerne mal eine Blähung fahren lassen - und zwar nur, um dann zu schimpfen: "Hier stinkt's, ich fahr wieder."