Heimspiel Pop

Jenseits von „Starmania“ existiert kreatives Leben. Allem Austropop-Pessimismus zum Trotz formiert sich eine innovative Musikszene, die auch Chancen zum internationalen Durchbruch hat.

Eigentlich wollte Patrick Jurdic ja bloß zur „Starmania“-Party ins Moulin Rouge. Dass das so kompliziert werden könnte, hatte er eigentlich nicht angenommen. Doch während sich drinnen die Siegerin der ORF-Castingshow, die 16-jährige Tirolerin Nadine Beiler feiern ließ, bekam es Jurdic draußen mit einem Rudel doch recht ignoranter Türsteher zu tun. Ihnen war wohl nicht bewusst, wen sie vor sich hatten. Einen waschechten Ex-Star­maniac nämlich (in der zweiten „Starmania“-Staffel im Herbst 2003 schied Jurdic gleich als erster Kandidat aus) und ­einen ebenso waschechten Teeniepopstar obendrein: Nach seinem ORF-Debakel versuchte sich der dreisprachig aufgewachsene Wiener in der kroatischen Casting­show „Hrvatski Idol“, gewann diese und gilt seither in Kroatien und Tschechien als veritables Popsternchen. Manchmal nehmen Popstarkarrieren eben seltsame Wege.

Welchen Weg Nadine Beilers Karriere nimmt, werden die nächsten Monate zeigen. Am 16. Februar erscheint ihre Debüt-Single „Alles, was du willst“, am Album wird noch gefeilt, das große Tingeln durch die Mehrzweckhallen und Festzelte des Landes steht kurz bevor. Immerhin: Dass die Berufspessimisten Recht behalten, die der 16-Jährigen eher das Michael-Tschuggnall-Schicksal als die große Chris­tina-Stürmer-Laufbahn prophezeien, ist zuletzt zumindest einen Hauch unwahrscheinlicher geworden.

Neues Selbstbewusstsein. Denn in dem Land, das Pop jahrzehntelang nur aus der Ferne (und höchstens einmal aus der nostalgieschwangeren Dolezal-Rossacher-Perspektive) erlebt hat, regt sich etwas. Junge österreichische Bands wie die Wiener Powerpopper Zweitfrau rund um die charismatische Sängerin Diana Lueger reüssieren mit Plattenverträgen in Deutschland, zwei steirische Teenager namens Michelle Luttenberger und Chrissi Klug (die sich als Band naheliegenderweise Luttenberger Klug nennen) spielen vor zigtausend Menschen auf der Berliner Fußball-WM-Fanmeile, und auch in den hiesigen Charts finden sich mit Gruppen wie SheSays und Mondscheiner wieder heimische Bands. Was diese bisweilen nicht minder erstaunt als ihr Publikum.

Die Wiener Mondscheiner, die noch bis vor Kurzem eher in provinziellen Konzertkellern als im Ö3-Wecker zu Hause waren, mögen dem urplötzlichen Erfolg jedenfalls noch gar nicht recht trauen: „In großer Demut starren wir auf die Zahlen, die da Woche für Woche eintrudeln.“ Dennoch ist es unübersehbar: Ein neues Selbstbewusstsein geht um in der österreichischen Popszene, und es hat beileibe nicht nur mit dem Erfolg der Christina Stürmer zu tun.
„Es ist tatsächlich ein Ruck zu spüren“, meint deren Manager Bernd Rengelshausen. „Man merkt, dass die Anstrengungen, etwas zu verändern, Früchte tragen.“ Peter Rantasa, Chef des Music Information Center Austria (mica), sieht das ganz ähnlich und hat auch einen ersten Erklärungsansatz parat: „Dieses neue Selbstbewusstsein ist unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass wir langsam aus der ewigen Austropop-Diskussion herausfinden. Es wird von den Jungen mittlerweile nicht mehr als peinlich und rückständig empfunden, österreichischen Pop zu machen.“

Verlorenes Jahrzehnt. Bis vor Kurzem war das noch wesentlich anders. Die neunziger Jahre, das verlorene Jahrzehnt des österreichischen Mainstream-Pop, hatten tiefe Spuren hinterlassen. Die Großtaten des Austropop lagen ewig zurück, die maßgeblichen Musikunternehmen winkten schon beim Gedanken an hiesige Popmusik gelangweilt ab, und auch medial war mit dem Umbau von Ö3 zum international orientierten Formatradio eine tragende Säule weggebrochen. Spätestens um die Jahrtausendwende war Österreich zum Pop-Entwicklungsland verkommen. Eine Studie des an der Wiener Musikuniversität angesiedelten Forschungsinstituts Mediacult stufte Österreich gar als popkulturelles „Kategorie D“-Land ein, das mangels nennenswerter Musikproduktion bald jegliche eigenständige Populärkultur verlieren würde.
Was nicht heißt, dass Pop in Österreich eine vernachlässigbare Größe wäre. Zuletzt setzte die Branche jährlich rund 230 Millionen Euro um, und ein Tonträgerverkauf von 2,7 Stück pro Jahr und Einwohner klingt mickrig, liegt aber doch deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Eine Studie zur österreichischen Musikwirtschaft, die der Wirtschaftsprofessor Fritz Scheuch im Jahr 2000 verfass­te, kam gar zu dem Schluss, dass die heimische Musikindustrie inklusive aller angeschlossenen Branchen über 2,1 Milliarden Euro umsetzt, rund 42.500 Arbeitsplätze sichert und eine Wertschöpfung erzielt, die jener der Hotels, Pensionen und Gasthöfe des Landes entspricht.
„Die Studie hat gezeigt, dass Popmusikförderung nicht nur als Kultur-, sondern sehr wohl auch als Wirtschaftsförderung zu verstehen ist“, sagt Harry Fuchs, Geschäftsführer des Österreichischen Musikfonds. „Damit ist die Popmusikförderung auch für die Wirtschaftspolitik zum Thema geworden.“ Und tatsächlich: Wirtschaftsfördertöpfe werden in zunehmendem Maße auch Musikschaffenden zugänglich gemacht, zusätzlich wurde im Juni 2005 der Österreichische Musikfonds gegründet, der Musikproduktionen jährlich mit insgesamt 600.000 Euro subventioniert. Das sind im Vergleich zu den staatlichen Theater- oder Filmsubventionen zwar Peanuts, dennoch liest sich die Liste der Geförderten wie das Who’s who der neuen heimischen Chartpop-Szene: Mondscheiner, Zweitfrau, Luttenberger Klug – sie alle haben von der neuen Förderlust des Staates profitiert. Und natürlich: vom Erfolg der Christina Stürmer.

Koordinatenverschiebung. Denn dass die charmante Ex-Buchhändlerin aus Linz insgesamt rund 1,5 Millionen Platten verkaufen und im Vorjahr obendrein den wichtigsten Preis der deutschen Musikindus­trie, den Echo, gewinnen konnte, hat die Koordinaten in der deutschsprachigen Popwelt doch deutlich verschoben. In mehrerlei Hinsicht: Zum einen führte ihr Beispiel allen teilfrustrierten Probekeller-Popstars des Landes vor Augen, dass die große Karriere unter Umständen doch möglich ist, wenn man erstens ein wenig Glück und zweitens einen ziemlich langen Atem hat. „So wie im Sport ein Thomas Muster eine erfolgreiche Tenniswelle hinter sich herzieht, funktioniert es auch im Pop mit einer Christina Stürmer“, meint Universal-Geschäftsführer Hannes Eder, bei dessen Unternehmen Stürmers CDs erscheinen. „Dazu kommt aber auch, dass mit ihrem Erfolg in Deutschland die Bereitschaft der großen Labels, sich das Demo eines österreichischen Acts anzuhören, deutlich gestiegen ist.“ Vorbei die Zeiten, als Eder selbst die eigenen Kollegen eineinhalb Jahre lang beknien musste, bis diese auch nur daran dachten, Stürmer in Deutschland zu verlegen.
Dass sie es schließlich doch noch taten, ist freilich nicht allein Eders Hartnäckigkeit (sowie so manchen finanziellen Zugeständnissen) geschuldet – auch der Strukturwandel, der die Musikindustrie seit dem Aufkommen des Onlinevertriebs beutelt, hat dazu beigetragen. Gerade in Deutschland sind die großen Unternehmen, im Branchenjargon Majorlabels genannt, die sich zuvor damit begnügen konnten, die übliche Handvoll relevanter internationaler Stars zu vermarkten und mit zwei, drei lokalen Feigenblättern zu garnieren, zunehmend vom regionalen Musikschaffen abhängig. „Die Menschen sind nicht mehr gewillt, jeden Hype bedingungslos mitzumachen“, meint Walter Gröbchen, der lange Zeit als Berater für internationale Labels tätig war und nun in Wien und Berlin die Musikagentur Monkey leitet. „Wenn dann auch noch ein vermeintlich verlässlicher Quotenbringer wie Robbie Williams schwächelt, steigt die Abhängigkeit vom regionalen Repertoire.“
Dazu kommt, dass die Grenzen zwischen Mainstream und Underground zunehmend verschwimmen: Robbie hin, Madonna her – die Zeit der Megastars scheint vorerst vorbei. Auch in der Musikindustrie greift die Long-Tail-Struktur des Internethandels: Verkauften früher einige wenige Künstler sehr viele Platten, verkaufen heute sehr viele Künstler eher weniger Platten. So war die Nummer eins der amerikanischen Billboard-Charts Mitte Jänner schon für 60.000 verkaufte Alben zu haben – das ist, mit ein wenig Medienhype, auch für bessere Independentkünstler durchaus zu schaffen. Im gesamten Jahr 2006 hat kein einziger Popkünstler mehr als vier Millionen Alben verkauft – noch vor wenigen Jahren waren Verkaufszahlen in zweistelliger Millionenhöhe nicht selten. Das alte Geschäftsmodell der großen Plattenunternehmen, nach dem einige wenige Superstars den Betrieb finanzieren, gerät dadurch ins Wanken. Nur ein breites Portfolio verspricht heute noch nennenswerte Profite. Was, auf die heimische Szene umgelegt, für die Majorlabels eben auch Acts wie die aus der Wiener Alternativeszene stammenden (und trotz Chartserfolg nach wie vor dort wirkenden) Gitarrenpopper Mondscheiner oder das burgenländische Melancholiepop-Quartett Garish (das zum zehnjährigen Bandjubiläum Anfang März sein erstes Major-Album herausbringen wird) interessant werden lässt. Das bestätigt auch mica-Chef Peter Rantasa: „Die Nischen gewinnen an Bedeutung. Die Majors haben bemerkt, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als neue Künstler aufzubauen.“

Mainstream der Minderheiten. Mit den Nischen gewinnen freilich auch deren traditionelle Verwalter, die kleinen unabhängigen Plattenunternehmen, an Bedeutung. Die vormals mit voller, durchaus auch ideologisch getönter Verve verteidigten Mauern zwischen Majors und Independents werden im neuen Mainstream der Minderheiten zunehmend abgetragen, aus Konkurrenten werden Kooperationspartner. Klein Records etwa, neben Kruder & Dorfmeisters G-Stone eines der maßgeblichen Labels der Wiener elektronischen Musik, kooperiert seit zwei Jahren mit dem Branchenprimus Universal. Klein-Records-Geschäftsführer Christian Candid erklärt, warum: „Es hat sich gezeigt, dass Universal bereit ist, uns als Partner sehr ernst zu nehmen. Dadurch können wir die jeweiligen Stärken – unsere Vernetzung in der internationalen Szene, die starke Marktposition von Universal – zum beiderseitigen Nutzen ausspielen.“ Walter Gröbchen, dessen Label Monkey Music sich soeben vom Vertriebspartner Universal getrennt hat, bleibt trotzdem skeptisch: „Natürlich suchen die Majors günstige Möglichkeiten, Glaubwürdigkeit und eine Verankerung in der Szene zu erreichen. Leider vollzieht sich der Austausch in den meisten Fällen nicht auf Augenhöhe.“

Neue Allianzen. Klar bleibt aber, bei aller strukturellen Veränderung: Der österreichische Markt ist definitiv zu klein, als dass es sich die unabhängigen Labels in ihrer Nische gemütlich machen könnten (auch wenn sie mit FM4 und gotv ein ausgesprochen fruchtbares mediales Umfeld vorfinden). „Gemessen am Gesamtmarkt ist Österreich für uns eine eher bescheidene Größe“, erklärt Candid. „Wir machen hier rund 15 Prozent unseres Tonträgerumsatzes, im Onlinegeschäft sogar weniger als fünf Prozent.“ So werden insbesondere im Exportbereich neue Allianzen gebildet. Just dieser Tage startet das Austrian Music Ambassador Network (AMAN), ein Zusammenschluss mehrerer Independent- und Majorlabels mit dem Ziel, für ausgewählte heimische Künstler internationales Lobbying zu betreiben. Parallel dazu forciert das mica mit einem eigenen Musik­exportprogramm die internationale Verbreitung österreichischer Popmusik. Derzeit arbeitet man etwa an gesamteuropäischen Rahmenverträgen, die auch österreichischen Musikschaffenden den Weg in den sich öffnenden chinesischen Online- und Klingeltonmarkt ebnen sollen.

Bei aller Aufbruchsstimmung bleibt trotzdem ein schaler Nachgeschmack: Auf dem österreichischen Markt spielen heimische Produktionen – trotz DJ Ötzi, Kiddy Contest und Christina Stürmer – nur eine Nebenrolle. Der Anteil am Gesamt­umsatz liegt seit Jahren stabil bei 15 Prozent. Aber auch hier gibt es Grund zu Optimismus, glaubt mica-Geschäftsführer Rantasa: „Österreich ist traditionell ein reiner Absatzmarkt für internationale Popmusik. Aber die Chancen stehen gut, dass sich hier etwas verändert.“ Diese doch etwas verwegene Einschätzung scheint insofern gerechtfertigt, als auch der ewige Reibebaum aller frustrierten Austropopper, Ö3, signalisiert hat, sich in Zukunft wieder verstärkt dem heimischen Popschaffen zuwenden zu wollen, wie auch Senderchef Georg Spatt im profil-Interview bestätigt (siehe Kasten).

Abgespeist. Bleibt die Schwachstelle Fernsehen. Abseits von „Starmania“ findet Pop im ORF praktisch nicht statt. Walter Gröbchen: „Es ist doch erstaunlich, dass Hansi Hinterseer und Anna Netrebko im Fernsehen massiv gefördert werden, aber jene Sparte, die doch fünfzig Prozent des Marktes ausmacht – nämlich der Pop­bereich –, im Bestfall noch mit Dolezal-Rossacher-Dokumentationen abgespeist wird.“ Sogar Christina Stürmer, immerhin ein ORF-Geschöpf, komme praktisch nur in den Werbeblöcken vor. „Das ist doch eine bizarre Situation, die für jemanden wie Hannes Eder auch ein massives ökonomisches Problem darstellt“, meint Gröbchen. Der Universal-Chef will das auch gar nicht verleugnen, verweist aber, in seiner Funktion als Berufsoptimist, auf das Bekenntnis der neuen ORF-Führung, sich wieder verstärkt dem jüngeren Publikum zuwenden zu wollen: „Bei Schlager, Volksmusik und Klassik funktioniert die Infrastruktur ja auch deshalb so gut, weil man den touristischen und also wirtschaftlichen Wert dieser Genres erkannt hat. Dass das mit Popmusik ganz ähnlich funktioniert, ist leider noch nicht in allen Köpfen drinnen. Aber es werden täglich ein paar mehr.“ Im kleinen Popmarkt Österreich muss eben auch in kleinen Schritten geplant werden.

Diana Lueger und ihrer Band Zweitfrau kann das mittlerweile egal sein. Sie kommen auch ohne ORF ins Fernsehen. Ihre aktuelle Single „Alles dreht sich“ wurde gerade als Titelmelodie für Bärbel Schäfers neue Sendung „Talk ohne Show“ gebucht. Ja, manchmal nehmen Popstarkarrieren wirklich seltsame Wege.

Von Sebastian Hofer