<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Buch-Haltung

Über den Unterbau der Geistesgesellschaft.

„Bildung kommt von Bildschirm. Wenn es von Buch käme, hieße es Buchung“ Dieter Hildebrandt

Es fehlte nicht viel, und die Buchhändlerin wäre mir um den Hals gefallen. Es komme selten vor, sagte sie, dass in Weimar ein Ausländer den Laden beträte und zehn Bücher kaufe, und keins davon sei von Goethe, Schiller, Herder oder Nietzsche verfasst worden oder handle als so genannte ­Sekundärliteratur von den üblichen Verdächtigen der Klas­siker-Stadt.

Ich war nahe daran, sie zu berichtigen. Denn in der Einkaufstasche, die nun meinen Reiseproviant an literarischen Grundnahrungsmitteln enthielt, befand sich auch ein Bändchen mit Texten von Anton Pawlowitsch Tschechow. Er schmückte einst das Gästebuch des Weimarer Hotels „Russischer Hof“, in dem ich abgestiegen war: „Wenn ich hätte frieren wollen, hätte ich gleich in Moskau bleiben können.“

Ich unterließ diesen Hinweis. Mir fehlt schon lange die Tapferkeit, Frauen zu berichtigen. Außerdem fühle ich mich in der Umgebung von Buchhändlerinnen besonders wohl. Erstens sind sie klug und belesen, was sich über kurz oder lang auch in äußerer Schönheit zeigt, einer von innen wirkenden Durchleuchtung, verbunden mit einem wachen Sinn für ­schicke Brillen an langen Goldkettchen.

Zweitens vermitteln Buchhändlerinnen das tröstliche Gefühl, ihr Geschäft werde nie zugrunde gehen. Nur ihre männlichen Berufskollegen sind konkursgefährdet. Frauen können mit einer „großen Zahl kleiner Summen“ (die Gewinn-Margen sind verzweifelt knapp) besser umgehen. Warum dies so ist, erklärte mir einst Konrad Lorenz. Er sagte sinngemäß: „Frauen wirken in Gelddingen engherzig. Das liegt daran, dass sie’s sind. Selbst reiche Frauen zahlen ungern mit Banknoten, sondern entrichten den Kaufpreis stöhnend aus dem Münzfach ihrer Brieftasche, ein Trennungsschmerz nach dem anderen. Sie sind seit jeher als Brutschutz darauf programmiert, das Geld zusammenzuhalten und vor den aufhauerischen Männern in Sicherheit zu bringen.“

Drittens sind Buchhändlerinnen toleranter, wenn es um den literarischen Geschmack ihrer Kunden geht. Man darf dort auch den natürlichen Bedarf nach Kitsch decken. Ihre männlichen Kollegen zeigen oft väterliche Strenge. Unvergesslich der strafende Blick, als ich einst bei einem alten, verwichenen Buchhändler zugleich Bernard-Henri Lévys „Sartre“-Biografie und die entzückende Venedig-Romanze „Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ (Fruttero & Lucentini) auf die Budel legte.

Jede Buchhandlung, die zugrunde geht, ist ein Stich ins Herz; jeder Einzelfall ein Riesenverlust. Zumal der Beruf „Buchhändler“ zu den drei wichtigsten Berufungen zählt, ­neben ­Barkeeper und Lehrer. Die Barkeeper retten die Seelen, die Lehrer den Bildungsgeist, die guten Buchhän­dlerInnen beides. ­

Mir ist jede Idee recht, dem Buch zu helfen. Auch jene, im Wiener Zentralbereich Graben/Stephansplatz/Kärnter Straße „Rosen für die Wiener Leserschaft“ zu verteilen, als Anregung für „einen erlesenen Welttag des Buchs“. Als Buch­autor gefragt, ob ich mittun würde, sagte ich begeistert zu und anderntags wieder ab, da ich für Magazin-Arbeiten ins Ausland befohlen wurde. Ich hätte gern gehört, was Straßenpassanten zum Thema „Lesen“ zu sagen haben. Auch wenn erfahrungsgemäß mit mancher Enttäuschung, zuweilen auch mit Entsetzen zu rechnen ist.

Enttäuschung 1: Das Konkurrenz-Medium „Fernsehen“ raubt viel Lesezeit. Good News: Der Rubikon scheint überschritten, die Kurve flacht ab. Bad News: Das wesentliche Argument für „Weniger TV – mehr Buch“ ist nie durchgedrungen. Ich nenne es hier zur gefälligen Weitergabe: „TV hat seine Vorzüge, ist aber wesentlich ein passivierendes Medium. Es schläfert buchstäblich ein. Grund: Alles wird fixfertig geboten, die Bilder, die Gesichter, die action, die Stimmen. Die eigene Fantasie bleibt ungefragt. Das Hirn, das nach Arbeit seufzt, ist arbeitslos. Gerade umgekehrt die Wirkung der Bücher. Schon wenige Seiten erfrischen für Stunden.“

Enttäuschung 2: Speziell Unternehmer und Manager glauben, fürs Lesen zu wenig Zeit zu haben. Sie nehmen Literatur als Luxus fürs Wochenende und den Urlaub wahr. Zu viele haben nie begriffen, dass eine Stunde Belletristik sogar Zeit spart, da sie den geistigen Wirkungsgrad erhöht und, wie jede Pause, die Kräfte neu bündelt.

Enttäuschung 3: Jeder will das ewige Leben, aber nicht jeder nimmt die einzige Medizin dafür. Gute Romane erlauben im Wege der Versenkung und Identifikation, in einem Leben tausend Leben zu leben.

Leider gibt es nur wenige Hilfen auf dem Weg zur Lese-Lust. Es hilft gewiss, wenn im Elternhaus viel gelesen wurde, wie generell die sorgfältige Auswahl der eigenen Eltern als Erfolgsfaktor Nr. 1 gelten muss. Da aber die heutigen Väter und Mütter, auch schon die Großeltern, zu TV-Couch-Potatoes wurden, ist man auf sich selbst zurückgeworfen. Entweder hat man die Disziplin, sein Hirn aus dem flachen TV-Standby-Modus zu wecken und auf Buch-Betriebstemperatur zu bringen, oder man hat sie nicht. Man entscheidet selbst. Good News: Schon zwei, drei Kurzromane oder Novellen reichen, um wieder in jene Lese-Sucht gerettet zu werden, die man vielleicht als Kind schon gekannt hat. Tipp: Die idealen Einstiegsdrogen findet man nicht über das Internet, sondern über die leibhaftigen BuchhändlerInnen.

Für Fortgeschrittene, die wissen wollen, wie ein vollendeter Büchernarr tickt, empfehle ich die Geständnisse eines ­Autors, der mit dem Roman „Der Name der Rose“ weltberühmt wurde. Umberto Eco: „Die Kunst des Bücherliebens“, Verlag Hanser, München 2009, 193 Seiten, 17,90 Euro.

helmut.gansterer@profil.at