<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Die Drei

Über Riedl, Ringel und Watzlawick.

"Exzellenz zeigt sich in der Qualität der Erinnerung"
Gerhard Bronner

Diese Kolumne handelt von drei Österreichern. Ich schreibe über sie, weil sie mir gerade abgehen, rein persönlich. Man vergönnt sich ja sonst keinen Luxus. Nebenbei sind die Drei auch gute Gleitmittel für kleine Botschaften.
Die deutlich unterscheidbaren Geistesgrößen Rupert Riedl, Erwin Ringel und der Exil-Österreicher Paul Watzlawick hatten zweierlei gemeinsam. Alle starben unverzüglich, nachdem ich ihnen als Moderator gedient hatte. Und sie zeigten in ihren Vorträgen eine unbändige Lust, das Publikum mit dem ersten Satz in ein Schweigen zu stürzen.

Der Kommunikations-Vordenker Paul Watzlawick, um dessen wiederholtes Auftreten in der Heimat sich die Wiener Ärztekammer verdient machte, wählte wie die beiden anderen Wissenschafter einen apodiktisch klaren, allerdings milden Einstiegssatz: „Wir machen vieles falsch und könnten alles richtig machen.“ Er hatte im kalifornischen Palo Alto gelernt, seine Botschaften mit Zuversicht zu würzen. Ringel und Riedl setzten auf schärfere Beigaben.

Erwin Ringel, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, in den USA „Mr. Suicide“ genannt, eröffnete den Vortrag im Prunksaal des Casinos Baden mit seiner schneidend hohen Singstimme wie folgt: „Das Interessante, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist eigentlich nicht, warum sich so viele Menschen umbringen, sondern warum so viele nicht.“ Das war schon gut, wurde aber von Verhaltensforscher Rupert Riedl im Neuen Rathaus von Linz überboten: „Liebe Festgäste, unser Unglück fing an, als wir aufhörten, die Dummen zu schlachten.“

Die Wirkung dieses Satzes bleibt unvergessen. In Linz wuchs eine Stille wie zuletzt vor dem Urknall. Bürgermeister Franz Dobusch, in seinem Büro jenseits der Donau, verhoffte wie ein Jagdhund, der Unheil wittert. Und die 400 HörerInnen im Vortragssaal waren nicht zu sehen. So wie ich banden sie ihre Schnürsenkel neu. Keiner wollte von ­Rupert Riedl gesehen und selektiert werden.

Bei Abruf detaillierter Erinnerungen verband die Drei noch mehr. Sie waren nicht wirklich begeistert vom Zustand der menschlichen Evolution, im Speziellen den Machtfaktoren Politik und Medien. Watzlawick sah überall Verwirklicher seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“. Ringel hörte die Neurosen-Quelle Verdrängung sprudeln. Und Riedl vermisste an grantigen Tagen gar die Überlegenheit des Menschen über das Tier.

Die drei Herren sorgten auch dafür, dass ihre Meinung weltweit gehört wurde. Als Kommunikatoren waren sie vierfach überdurchschnittlich.
Erstens waren sie extrem selbstbewusst, notfalls arrogant und präpotent, jedenfalls kräftig genug, ihre merkens-würdige, zuweilen merkwürdige Meinung zu vertreten. Und zwar nicht am Stammtisch eines Bauernwirtshauses, wo dies jeder kann, sondern in der Welt der Wissenschaften. Naive stellen sich diese gern als Himmel vor, in dem Engel der Objektivität & Wahrhaftigkeit einander umflattern. Alle Wissenschaften, auch die Theologie, sind aber Höllen eines Nachbarschaftsneides, gegen den Othellos Eifersucht wie eine entrückte Zen-Übung wirkt.

Zweitens waren die Drei frühe Pioniere der Verständlichkeit. Vor ihnen war im deutschsprachigen Raum die Wissenschaftlichkeit an Unverständlichkeit gebunden. Als in den USA längst jeder Wissenschafter verlacht wurde, der sich Mitbürgern mit Maturaniveau nicht mitteilen konnte, wurden in Deutschland, der Schweiz und Österreich noch Glühbirnen verehrt, die sich hinter Fachjargons, entlegenen Synonyma (Wörter mit gleicher Bedeutung, die man seit den Kaisern nicht mehr hörte) und tausend Fußnoten versteckten.

Dazu kam drittens und viertens, dass Riedl, Ringel und Watzlawick zugleich glänzend schrieben und glänzend sprachen, beides mit unverwechselbarem Sound. Diese Doppelfähigkeit war allerdings ein Geschenk. Sie kann im Gegensatz zur Verständlichkeit nicht eingefordert werden. Die Theorie, Liebe zur Sprache müsse sich zugleich schriftlich und mündlich abbilden, erwies sich als unhaltbar. Erfahrene BuchverlegerInnen wie Schaffelhofer, Steiner, Molden und Mazakarini erzählen von glänzenden Rhetorikern, die kein Buch schreiben konnten; und von glänzenden Autoren, die niemals aus eigenen Werken lasen.

Wenn man die fünf Axiome von Watzlawicks Kommunikationstheorie hernimmt und Riedls Anspruch an natürlich-logische Prozesse und Ringels Anspruch an Seelenkunde, wird klar, warum diese drei großen Österreicher neue Regierungen meist als Kinderspielplatz sahen. Jeder neue Minister erfindet sein Spielzeug neu. Statt die 95 Prozent an Routine und Budget, die festgelegt sind, blindlings den Spitzenbeamten der Ressorts zu überlassen. Die österreichischen Sektionschefs und Hofräte werden weltweit bewundert. Man pilgert nach Wien, um die Erleuchtung der Effizienz zu empfangen.

Jeder neue Minister könnte, wenn er wollte, sofort mit Themenführerschaft brillieren. Das heißt: Er/sie könnte mit großen, kleinen und notfalls winzigen konkreten Ideen die Presse in Atem halten und die Konkurrenz zur Verzweiflung treiben. So wie es Jörg Haider gemacht hätte, wäre er je ganz nach oben gekommen, und vor ihm Hannes Androsch. Faymann & Pröll sind derzeit ganz gut in ihrer cheflichen, gnadenlosen Friedfertigkeit. Das kommt grosso modo gut an. Sie brauchen aber ein paar Minister, die halbwegs so sind, wie Riedl, Ringel und Watzlawick einst waren: notfalls arrogant und präpotent, jedenfalls selbstbewusst und kreativ.

helmut.gansterer@profil.at