<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Die neuen Leser

Sie rascheln schon hinter den Hügeln.

Pünktlich mit dem Millennium, das nicht den erhofften Sonnenaufgang eines neuen Jahrtausends brachte, sondern vorerst ein Schattenreich der Enttäuschungen, krochen wieder die Schwarzmaler aus ihren Höhlen. Diesmal waren es nicht nur die üblichen Verdächtigen, also rechtspopulistische Politiker, bösartige Greise und paranoide Wirtshausraunzer. Mit jedem Jahr des ersten Jahrzehnts drifteten auch immer mehr JournalistenkollegInnen und VerlegerInnen in die Ecke der Endzeitgestimmten. Das ist geschäftlich verständlich. Die Bilanzen des Traumjahrzehnts der 1980er-Jahre, da die Tageszeitungen allein mit Kleinanzeigen mehr verdienten als heute im Ganzen und Wirtschaftsmagazine wie „trend“ die Trächtigkeit von 400-plus-Seiten erreichten, wirken heute wie Trugbilder. Die Gehälter der nicht gefeuerten Journalisten sind nach einer Flutwelle von Änderungskündigungen in einem historischen Tief, von den Honoraren der Freiberufler, Fotografen und Zeichner zu schweigen, die echt im Arsch sind. Das Wort „Job Enrichment“ hat angesichts der Überlastung mancher Kollegen im Mittelbau, wo zugleich Schreibarbeit, Menschenführung und Organisation abverlangt wird, eine neue Farbe gewonnen. „Erschöpfung is my middle name“, sagte mir ein Ressortleiter mit wehem Witz. Die Journalisten-Restaurants und Kaffeehäuser rund um die Medien-Verlage, früher gravitätische Hochburgen des Tischtanzes und galaktischer Trinkgelder, sind heute von blickleeren Sodawasser-Schluckern bevölkert, die mit den aufgedrehten Händen von müden Maurern dasitzen. Black-outs und Burn-outs sind Routine, werden auch nur noch Black und Burn genannt.

In all diesen Punkten ist Melancholie nicht abwegig. Gleichwohl nervt jede nach außen getragene Jammerei als Verantwortungsdefizit. Die klassische job description für Journalisten verlangt, dass man punkto Zuversicht als Letzter von Bord geht. Man bewegt als Multiplikator viele andere Köpfe. Selbst unsereiner, der nur für drei Print-Magazine („trend“, profil, „autorevue“) arbeitet, erreicht netto (überdeckungsbereinigt) eine Million Leser; Kollegen im TV und in großen Tageszeitungen noch viel mehr. Schon aus Egoismus sollte man seine Kunden nicht in den Freitod treiben.

Um es gleich zu gestehen: Ich halte meinen Beruf für den drittwichtigsten, nach den Lehrern, die den Lehm namens Kind formen, und den Barkeepern, die als Profi-Zuhörer tausende Nervenkliniken ersetzen. Es ist auch ein schöner Beruf mit enormen Privilegien. Über Umfragen, die Journalisten als führende Unsympathler ausweisen, gleichauf mit Politikern und Rechtsanwälten, darf gelacht werden. Diese Zahlen spiegeln nur den Hiob-Effekt: der Überbringer schlechter Nachrichten wird bestraft. Das wirkliche Leben sieht anders aus. Wir werden respektvoll behandelt, zuweilen geherzt und geküsst und nicht immer nur aus „Angst vor der Macht“. Wir kriegen den besten Tisch und die schönste Kellnerin. Anders als viele Erzengel der Branche habe ich mich dagegen niemals unhöflich aufgelehnt. Kurzum: Dankbarkeit zum Beruf ist angesagt, bei aller Hetze neben der Hetz. Und da war noch gar nicht die Rede von echten Privilegien. Von einstigen Weltreisen auf Kosten der Verlage, mit Hotels nie unter Ritz-Plaza-Peninsula, ah, Tempi passati. Das Wichtigste aber, gültig auch für alle blutjungen Journalisten, die niemals fette Zeiten erlebten: Man ist täglich gezwungen, die natürliche Geistesträgheit zu überwinden. Die antrainierte ­Indolenz-Abwehr führt zwingend auch zur Liebe zum Buch.

Früher galt die Faustformel: Die Journalisten retten die Schriftsteller, die schnellen Medien das Buch. Das ist bis heute nicht falsch. Rezensionen und Background-Storys in „Presse“, „Kurier“, „Kleine Zeitung“ und profil liften die Auflage, in Deutschland gilt die „FAZ“ als explosiver ­Beschleuniger. Alle namhaften deutschen Sender wetteifern ums beste Literatur-Format. Absolut enttäuschend darin der ORF. Billiger könnte man dem Bildungsauftrag kaum nachkommen. Außerdem stellt das kreative Österreich per capita mehr Erfolgsautoren als Deutschland und die Schweiz ­zusammen. Um fair zu bleiben: Im ORF kümmern sich mehrere TV-Mehrzweck-Formate um Buchautoren, traditionell erstklassig ORF-Radio, Radio-Wien-Chefin Jasmin Dolati ­erfand jüngst den Literatur-Salon im Volkstheater.

Heute darf man die Faustformel spiegelbildlich ergänzen: Die Schriftsteller retten die Journalisten, die Bücher die schnellen Medien. Nach täglichen Berührungen mit dem Buchhandel wage ich die Aussage, dort fahre etwas ab und strebe steil bergauf. Ich erlebe Lesungen aus Sachbüchern (!) mit mehr Stehplätzen als Sitzplätzen. In kleinen Buchhandlungen wie Schubert, St. Pölten, finden sich fantastische ­Rudel von Alphabeten ein. In Großbuchhandlungen wie Thalia-Linz, Thalia-Wien, Moser-Graz und Morawa-Wien (dessen Geschäftsführer wirklich Georg Büchner heißt) erlebte ich Stadionstimmung. Die Wiener Lesung „Rund um die Burg“ platzt aus den Nähten. Sie hat zuweilen Derby-Charakter. Sie ist eine der erfolgreichsten kommunalen Innovationen der Medienwelt.1)

Fazit und Spekulation: Die Buchleser, ein riesiges Potenzial, sind nur mit Qualitätsjournalismus für die Print-Medien und deren Online-Formate zu gewinnen. Es gibt dafür keine amtlichen Kriterien. Nur deutliche Signale: Man verlangt Themenführerschaft über die News hinaus. Und die meisten Buchleser widert der Zeitungs-/Magazin-Trend zu Kurz-Konfettis an. Man hätte es lieber weniger bunt, dafür tiefer.n

helmut.gansterer@profil.at