<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Fernostfreuden

Was man dort lernen kann – und was nicht.

Im März-profil Nr. 11 trug diese Kolumne den Titel „Besuchen Sie doch Japan“. Ich empfahl allen Sesshaften eine Reise dorthin. Sie koste zwar viel, verzinse sich aber zehnmal höher als jedes windige Wertpapier. Die erste Reaktion kam von Klaus Albrecht Schröder. Der Albertina-Chef meldete Bedenken an. Wir beide sollten, schrieb er, gewisse Enttäuschungen, die er auf seiner jüngsten Japan-Reise erlebte, diskutieren.

Dies wird demnächst geschehen. Zunächst freute mich, dass er enttäuscht wurde. Erstens, weil Enttäuschungen wortanalytisch Ent-Täuschungen sind, also klüger machen. Zweitens, weil mich kleine Leiden von Freunden erfrischen. Ich stellte mir gerne vor, wie der große Blonde unter kleinen Schwarzhaarigen in Tokios Ginza stand und verdrossen dreinschaute. Drittens verheißen Schröders Enttäuschungen neue Einsichten.

Dieser Mann, mit dem mich Kunstliebe und gewachsene Sympathie verbinden, ist immer glänzend vorbereitet, beinahe ein Streber. Es ist daher auszuschließen, dass er mit den üblichen Erschrockenheiten schlecht präparierter Touristen zurückkam. Undenkbar, dass er erst in Japan die verrotteten politischen Parteien oder die Existenz von Yakuza-„Mafiosos“ begriff; dass ihn die Fröhlichkeit rund ums A-bomb memorial in Hiroshima verstörte oder dass er, wie jüngst ein Tiroler, Hokkaido verfluchte: „Den Arsch kann ich mir auch in St. Anton am Arlberg abfrieren.“ Weiters undenkbar, dass Schröder die Enttäuschungen naiver Geschäftsleute erlitt. Er wusste gewiss, dass mit Japanern nicht leicht zu verhandeln ist. Immer noch schotten sie ihr Territorium mit feinen Hindernissen ab. Und dass „hai“ nicht einfach „ja“ heißt und keineswegs als Absegnung eines Geschäftskontrakts verstanden werden darf, ist mittlerweile common sense.
Kurzum: Schröders Enttäuschungen werden von neuer, sensibler Qualität sein. Beinahe fürchte ich sie. Sie könnten meine Affenliebe zu den bereisten Fernostländern gefährden, inklusive Rotchina („China“), Nationalchina („Taiwan“), Südkorea, der kleinen Tigerstaaten und Indonesien. Ehe ich dieses Risiko eingehe, möchte ich eine positive Erfahrung weitergeben: Es lohnt sich, alles Interessante aus Fernost aufzugreifen, für sich zu probieren, das Beste zu bewahren und das individuell Unpassende abzuweisen. Aus Platzgründen verzichte ich dabei auf die spannende Welt der Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Kleiden, Wohnen), zumal diese einschlägigen Fernostanregungen in guten Büchern nachlesbar sind.
Ästhetik und Geist. Hier lautet mein Tipp Nr. 1: Studieren Sie die Werke japanischer Traditionskünste wie sumi-e (Tuschemalerei) und ukiyo-e (Holzschnitt). Spontane Impression: Einfachheit, Noblesse, Ruhe im Sujet, tiefer Friede durch weite Weißräume, Anregung der Fantasie durch SchwarzWeiß, Anregung des Geistes durch Gleichzeitigkeit von Bild und schöner Schrift.

Meine Prognose: So werden bald die Printmedien von morgen aussehen. Warum sollten gerade sie dem Gesetz der zyklischen Entwicklung entkommen? Das Grelle, Kurzatmige, Schrille, Kitschbunte und Blitzlichtflüchtige von heute ist nahe am Höhepunkt. Die Köpfe der Leser schwellen schon. Die heiße Luft pumpt sie auf und färbt sie rot. Die Nerven liegen schon blank. Immer schnellere Null-News und immer weniger Info-Tiefe machten zunächst süchtig und machen jetzt immer nervöser. Bald kommt es zu Nerveninfarkt und Sauerstoffschuld.

Ehe eine Geisteskrankheit ausbricht, wird sich der Instinkt wehren und neue Medien verlangen. Wohl den Medien-Mogulen und Verlegern, die dann noch einen Sender, einen Online-Titel, eine Tageszeitung und ein Magazin besitzen, die glaubwürdig das Neue vertreten können, weil sie den klassischen Journalismus nie verlassen haben.

Fleiß und Kopie. Tipp Nr. 2: Den Meister zunächst zu ­ko­pieren und dann mit Fleiß zu verfeinern war die Grundlage aller großen Mal-Schulen Europas und Asiens. In Fernost wurde dieses Habit auf die Industrie übertragen. Mit teilweise glänzenden Resultaten. Der Mazda „Miata“ MX-5 wurde zum Welterfolg, sein Vorbild Lotus Elan ging zugrunde. Idealformel für europäische Jungunternehmer: ­Bewahrung der eigenen Kreativität, Erlernung des asiatischen Talents der Verfeinerung und des amerikanischen ­Talents für Marketing. Hätte die EU-Company Philips ­diese ­Dreifaltigkeit beherrscht, wäre sie heute der größte Konzern der Welt.

Irdische Esoterik. Tipp Nr. 3. Viele große Geister haben Fernöstliches probiert, darunter Buddhismus und Zen. Sie probierten den Weg als Ziel und den weglosen Weg. Sie haben das Schlechte verworfen, das Gute bewahrt. Über das Schlechte und Gute informiert demnächst eine eigene Kolumne. Unter anderem werde ich berichten, wie Zen-Lehrer und Zen-Literatur meine Ergebnisse als Bogenschütze veränderten.
Um diese Kolumne nützlich zu beenden, möchte ich Feng-Shui als fernöstliche Weisheit hervorheben. Ich verlachte sie einst. Heute schätze ich sie. Ich habe nach ihrer Anleitung fast alles weggeschmissen, was ich besaß. So durfte ich in sauberer Umgebung noch einmal von vorne beginnen.

Ich schreibe nun in einem leeren Zimmer, an einem klösterlichen Schreibpult, schräg aus der Ecke heraus, in der die Energien gebündelt sind. Mein Geist ist befriedet durch das Plätschern eines Indoor-Brunnens von Max Gangl. Ich schreibe zwar nicht mehr und nicht besser als früher. Aber ich bin jetzt nicht mehr unglücklich, wenn ich Unsinn schreibe.

helmut.gansterer@profil.at