<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Flucht!

Anleitung zur Umschiffung des Krisenlärms.

Allmählich spürt man, wie substanzvernichtend die Marginalisierung von Zeichen-, Musik- und generell jedem Kunstunterricht sich auf die Befindlichkeit der Bevölkerung auswirkt.

Diese Kolumne hat zum Ziel, jenen LeserInnen zu helfen,die das Krisengeheul nicht mehr aushalten, abernoch keinen Fluchtweg gefunden haben. Ich verstehe ihrLeid. Selbst in meinem natürlichen Biotop, den Bauernwirtshäusernund Stadtbars, ist es unerträglich geworden.Die Heimeligkeit der bisherigen Gespräche ist gestört durchneue Vokabeln wie Subprime und Derivat und Supply &Demand-Drift. Schön war die Zeit, als man an den Wasserlöchernnur über Weinjahrgänge, entmenschte Politiker unddas Horrorthema von Albert Einstein sprach: „MancheFreunde durchdenken das wirklich Komplizierte, beispielsweisedas Wesen der Frau, ich begnüge mich mit der Relativitätstheorie.“Theoretisch könnte man sich vor dem öffentlichen Krisenschalldruckin die Medien versenken. Beispielsweise insFernsehen. Es gibt ja in jedem Wirtshaus eine Glotze. Selbstdas geistvoll geführte „Café Engländer“ in Wiens Innenstadtist durch einen widerwärtigen LCD-Bildschirm verhunztund praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Interessanterweisescheint niemanden aufzuregen, mit dem linkenOhr eine Theorie des Weltklasse-Künstlers und„Engländer“-Stammgastes Walter Pichler zu hören, mitdem rechten Ohr aber den ORF und dort naturgemäß alle30 Sekunden das Wort Krise. Und zwar nicht nur vomwohlgelittenen Kollegen Armin Wolf, der das darf.

Jede Tier-TV-Tante und Garten-TV-Tante spricht heuteneben der spannenden Bandwurm- & Schädlingskrise vonder allgemeinen Wirtschaftskrise. Selbst Sarah Wiener, dievielleicht gar kein Interesse an den feinen Unterschiedenvon Umsatz und Gewinn hat, flicht die Finanzkrise ein, umzu zeigen, dass sie weiß, was los ist. Ihre Rezepte freilich sindwenigstens noch elitär und führen wegen der hohen Rohstoffqualitätenin eine glückliche Armut. Widerlich sind hingegendie unzähligen Promi-Kochsendungen, wo so genannteProminente, die ausnahmslos abgesandelte Have-Beens sind, in unappetitlichster Manier zeitgerechteMönchs-Rezepte und Krisen-Menüs panschen, die nix kosten,aber auch nicht zum Derfressen sind, schon wegen der Optik.Der so genannte „Kotz-Zuschlag“ für Moderatoren, dendie mächtigen ORF-Betriebsräte typischerweise durchsetzten,als noch Könner wie Walter Eselböck und die Bacher-Liesl als Gäste auftraten und die Moderatoren heißhungrigüber „Hummer im Kaviarmantel an Safran-Trüffel-Püree“herfielen, ist nun erstmals sinnvoll.Gottlob entbieten Wiens große Cafés auch alle Tageszeitungen.Doch Weh und Ach. Auch dort ressortübergreifenddie Finanz-Krisen-Inflation, selbst im Sportteil. Genügtdort nicht die Doping-Krise? Oder die Krise des Fußballs,dessen österreichische Abart so ähnlich aussieht wiedie englische, aber in Zeitlupe gespielt werden muss, wassicheranstrengend ist?Die Flucht gelingt nur im Wege der Abschottung. Mannehme zur optischen Abschottung – auch alle Plakate imCafé und draußen auf der Straße rufen Krise in Kriegslettern– eine gute Sonnenbrille. Meine ist ideal. Thomas Musterhat sie mir geschenkt, aus seiner Modekollektion Toms. Sieschont perfekt die Augen. Seit ich sie trage, erwäge ich dieAnschaffung eines Blindenhunds.

Das Wichtigste und Beglückendste: die Abschottungdurch mobile Kopfhörer und klasse Audio-Produkte.Verbunden mit Geräten in beliebiger Kleinheit – vom winzigeniPod Shuffle zum zierlichen iPod Touch –, öffnet sichdie Welt der Hörspiele, Hörbücher und vor allem der hohenMusik. Ah, der Reichtum klassischer Musik. Das ist dieRettung, isn’t it? Jeder Amerikaner hält uns für Tänzer undGeiger. Wir haben der Welt begreiflich gemacht, dass alleacht Millionen ÖsterreicherInnen ab ovo täglich Mahler,Korngold und Bruckner hören und sie wie Mozart, Haydnund Schubert ins Abendgebet einschließen.Wir selbst wissen es besser. Wir sind darin ein rappenarschschwarzerSchatten von früher. Schuld sind die Schulpolitiker.Selbst als hauptberuflicher Wirtschaftsjournalistverachte ich deren jahrzehntelange Anbiederung an dieSachlichkeitsforderungen der Wirtschaft.Wobei moderne Unternehmer längst einen Rückbau desPragmatismus in den Grundschulen wünschen. Allmählichspürt man, wie substanzvernichtend die Marginalisierungvon Zeichen- und Musikunterricht und generell jedemKunstunterricht sich auf die Befindlichkeit der Bevölkerungauswirkt.

Der Höhepunkt der Verächtlichmachung des Kreativgeisteskam mit der Vorarlberger Ministerin ElisabethGehrer. Auch wenn ich ihr den Ehrenschutz einer Kulturpublizistik-Auszeichnung (OscArt 2004) zu danken habe,halte ich sie für eine Heimsuchung. Die finsterste Perle imCollier ihrer Hoppalas: noch eine Stunde weniger Deutsch,dafür eine Stunde Textverarbeitung. Sie kann niemals Wittgensteinstudiert haben. Und was den Sinn für klassischeMusik betrifft, glaubte sie wahrscheinlich an Samenflug,oder?Good News: Ich habe einen Idealweg gefunden, wie selbstschulisch im Stich gelassene Schweinsohren wie meine dieklassische Musik entdecken können. Zunächst als Flucht vorder Krise. Und dann als Hochenergie-Batterie, um die Krisebesser bekämpfen zu können. Genaueres dazu in vierzehnTagen. Ich schließe wie mein im Sommer 2008 verwichenerTernitzer Dorffreund, die ORF-Legende Günther Schifter:Be good. See you. Same time, same station, howdy.

helmut.gansterer@profil.at