<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Lichtgenügend

Wohl und Wehe der Foto-Hi-Tech.

"Ehre dem Photographen! Denn er kann nichts dafür!“ Wilhelm Busch

Eigentlich hätte ich nicht schreiben dürfen. Ich hätte auf der photokina in Köln sein sollen, die vergangene Woche stattgefunden hat.

Ich verzichtete erstmals auf sie, wie zuvor schon auf die Berliner Hi-Fi-Messe und die Frankfurter Automobilausstellung. Das sind großartige Events. Nur ich bin fad geworden. Ich mag den Rummel nicht mehr, die Masse, die Hast, das Geschiebe. Neuerdings stört mich auch, unablässig von schwitzenden Menschen überrannt zu werden, die mit ihren Prospekt-Plastiksackerln das Doppelte wiegen. Diese Besucher sind merkwürdig. Sie gehen ohne Genuss an die Sache, dafür mit Sammelwut und speed. Man sieht sie nur von hinten. Satanische Fersen.

Dazu kommt: Früher gab es viele Überraschungen. Heutzutage nur noch wenige. Geheimhaltung und Dezenz sind Begriffe der Vergangenheit. Internetforen und Fachmagazine sind meist um Wochen schneller als die exhibitions selbst. Das nimmt der Sache viel von ihrem Schmelz. Obwohl anderseits stimmt, dass es einen Unterschied macht, ob man über einen neuen Lautsprecher liest oder ihn live hört. Oder sich in ein experimental car setzen kann, um das künftige Interieur 2020 zu fühlen.

Und was die photokina betrifft, der ich am längsten treu blieb, bietet sie neben Kameras, Objektiven, Zubehör und Studio-Equipments immer auch den Endzweck jeder Fotografie, das Bild. Man sieht berückende Meisterwerke. Seit ich selbst mit Anspruch fotografiere, deprimieren mich freilich auch sie.

Noch vor wenigen photokinas (sie kommen alle zwei Jahre) ging es um die Vorherrschaft der analogen oder digitalen Fotografie. Dieses Duell ist entschieden, ohne mit dem Tod des Verlierers zu enden. Die analoge Fotografie mit Film wird als Edelnische überleben. Zu viele Weltmeister hängen daran. Alfred Seiland beispielsweise, Österreichs international gefragter Großformat-Botschafter. Er fotografierte unter anderem die besten Sujets der preisgekrönten Werbekampagne der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ("Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“). Der aktuell gehypte US-Porträtist Martin Schoeller lässt nicht von seinen analogen Mamiya-Mittelformatkameras.

Und Volker Hinz geht mit seiner alten Hasselblad in eine Künstlerpension, nachdem er am 31. Juli 2012 als letzter fest angestellter Redaktionsfotograf den "Stern“ verließ. Als er 1974 zur Illustrierten gekommen war, gab es noch zwanzig.

Der Hi-Tech-Fortschritt findet jetzt digital statt. Stark im Vormarsch: die EVIL-Kameras. EVIL steht für electronic viewfinder interchangeable lenses. Gewissermaßen: Spiegelreflexe ohne Spiegel, leicht und kompakt. Man nennt sie jetzt Systemkameras, was umnachtet ist: Alle Kameras außer den Kompakten mit Fixobjektiv sind dies. Dass nun auch Gigant Canon in dieses Segment einstieg, wertet das "fotoMagazin“ als Wasserzeichen der heurigen photokina.

Im Rückblick auf die miterlebten Fortschritte der Digitalfotografie erfasst mich ein Schwindelgefühl. Heute sind alle Digitalen lichtgenügend. Anfangs waren alle nichtgenügend im Vergleich zu Analogen. Sie entzückten allein durch die Sensation der filmlosen Umsetzung von Lux in Lichtbilder.

Die erste Großserien-Digitale, Olympus Camedia C-400L, bot 1996 in einem schmucklosen Plastikgehäuse mit 36-mm-Fixobjektiv (Kleinbildäquivalent) eine effektive Auflösung von 300.000 Pixeln. Das 80-Fache bietet heute die EVIL-Kamera Sony NEX 7 (24 MP), das 120-Fache die Profi-Spiegelreflex Nikon D-800 bei gleichzeitig dramatischer Verbesserung wichtiger Kriterien wie Rauschen und Dynamikumfang.

Paris, Notre-Dame, früher Nachmittag. In jähem Begreifen der typischen Handbewegung der Neuzeit sehe ich alle Touristen in einer Art Hitlergruß. Mit gestrecktem Arm und Blick auf den Monitor ihrer Kamera (meist Kompakte und Handys) versuchen sie, die 90 Meter hohe, frühgotische Ikone auf der Île de la Cité fotografisch zu erfassen.

Das ist nicht immer leicht. Man begreift allmählich den Wert kippbarer und schwenkbarer Monitore. Ihr Vorzug: endlich neue Perspektiven. Nicht immer nur aus Augenhöhe fotografieren, sondern auch überkopf oder ganz tief aus der Perspektive der Ratte.

Tipp: Wer sensible Worte zur heutigen Fotografie sucht, findet sie im aktuellen Heft von "profil Wissen“, einem profil-Quarterly, das schnell zum Erfolg wurde. David Staretz hat sie geschrieben. Man erkennt die Ausgabe an der Titelgeschichte "Wundermittel Bewegung“. Diese passt gut zum Thema dieser Kolumne. Erstklassige Digitalkameras bewegen dich drei Stunden pro Tag länger als frühere Analoge. Ihr Film, der Sensor, ist viele Filme auf einmal. Er kann den Spagat von ultrascharfen ISO 100 bis zu stimmungsvoll-körnigen ISO 12.500.

Wieder daheim, wieder Nachmittag wie in Paris. Die Sonne nähert sich den Häuptern des Stifts Klosterneuburg. Die Schatten der Pappeln der Donau-Haine werden länger. Das Licht ist dick. Man kann hineingreifen, wie der tschechische Großmeister Josef Sudek sagte. Schnell in die Stiefel und aufs Motorrad. Wäre doch gelacht, wenn man als Fotograf nicht ein Bild fände, das es noch nicht gab.

helmut.gansterer@profil.at