<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Krisen-Knigge

Anweisungen fürs Leben in schattigen Tagen.

„Augen auf und durch“ Tobias Moretti, Lebensmotto

Wenn unsere Ahnen Recht haben, liegt eine schöne Zeit vor uns. Das Schicksal schenkt uns eine Krise. Diese wird wie jede Krise eine katharsis sein, eine Reinigung bis auf den Grund. Sie wird vieles heilen, was krank war in ihrer Zeit.

Ich höre das nicht ungern, registriere aber zunächst eher unbegeistert die Krisenängste fast aller. Beispielsweise die Angst vor Jobverlust. Oder vor einer so genannten Änderungskündigung, dem ersten Kaufkraftverlust eines Lebens, das bisher nur Kaufkraftzuwächse kannte. Was auch für Führungskräfte gilt. Ihnen wird nun weltweit empfohlen, ihre nominellen Einkommen für lange Zeit einzufrieren und ihren erfolgsabhängigen Einkommensteil (Bonus) zu halbieren, als symbolischen Beitrag von oben. Dieses Symbol soll befrieden. Es soll Klassenkämpfe, Revolutionen und Bürgerkriege verhindern, die auch heute noch denkbar sind. Unsere Zivilisation ist dünn. Immer noch gleicht sie einer Milchhaut auf dem Magma eines Vulkans.

Die Empfehlung auf Verzicht von obszön hohen Einkommen ist besonders für Banker gedacht, denen die Hauptschuld an der Krise zugeschrieben wird. Und noch schärfer für Investmentbanker und Vermögensberater, die aus der Welt der elegants fielen. Sie genießen im Volk ­derzeit das Image von vergoldeten Engerlingen.

Viele BürgerInnen haben im Vorfeld der Krise beträchtliche Teile ihrer Ersparnisse verloren, durch Kursverluste ihrer Aktien und Fonds und perverser Anlagederivate. Diese Erspar­nisse waren ursprünglich gedacht, künftige Krisen für die eigene Familie abzufedern. Wir haben es mit der neuen Form einer Krise zu tun, die sich von jenen Immunkräften ernährt, die man gegen sie im Wege des Konsumverzichts erwarb. Die Komplexität der Lage ist einzigartig. Sie fordert ein neues Denken. Der Kabarett-Satz „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“, den wir lange liebten, muss wieder umgedreht werden, für zwei oder drei Jahre. Für diese Zeit brauchen wir einen Krisen-Knigge.

Politiker-Knigge 1: An der WU (für Politiker: Wirtschaftsuniversität) lernte ich nicht nur historische Buchhaltungs­regeln („first in, first out“), sondern auch das kluge ­Managementdogma „first things first“. Dieses hieße momentan, alle staatlich genehmigten Krisen-Zisternenwässer (vulgo Marie, Kohle, Geld) blitzartig zu jenen Unternehmen zu leiten, die dürsten. Hier liegt eine Chance der Politiker und Banker, sich in unserer Achtung zurückzurunden.

Politiker-Knigge 2: Ich ersuche die neue Unterrichtsminister-­Majestät, alle Schulbücher umschreiben zu lassen. Dort ­sollte fortan zu lesen sein, dass (a) Gewinn kein Verbrechen ist und (b) auch gesunde Unternehmen Fremdkapital ­brauchen, um im Weltmarkt zu bestehen. Ich nenne Ihnen zehn KollegInnen, die das glänzend darstellen können. ­Legen Sie vor den Schulbüchern noch eine leicht fassliche Version für Politiker auf, mit Bildern und einfachen ­Grafiken in zwei Farben. Das würde schon 2010 eine Verzinsung von 1000 Prozent bieten.

Unternehmer-Knigge: Trotz Krise weiterforschen, weiterausbilden und weiterinvestieren. Kapitaler Durst darf keine Ausrede sein. Verkaufen Sie Ihre Großeltern. Das kann nicht so schwer sein, daher gehen wir jetzt noch ein Stockwerk höher, um aus der Krise einen Gewinn zu erzielen, der die gesamte Gesellschaft umfasst.

Konsumenten-Knigge: Verkaufen Sie alles, was „billig, aber viel“ war, und ersetzen Sie es dynamisch durch „immer weniger von immer Besserem“. Kaufen Sie endlich das Beste nach Ihrem Geschmack. So halten Sie zwei Wirtschaftswelten in Schwung, die Antiquariate und Avantgardisten, und machen sich selber glücklich.

Pfaffen-Knigge: Weisen Sie in Zeiten von Kreditnot auf die Verheißungen, die ein Verkauf der Seele verspricht. Und ­darauf, dass der liebe Gott höhere Zinsen bietet als Luzifer. Rufen Sie die glänzende Idee des Ablasshandels in Erinnerung, die ein dahergelaufener Herr Luther erfolglos in Misskredit brachte.

Musiker-Knigge: Lieben Sie auch da die Begriffe Krise und Knappheit. Denken Sie an Milos Formans Entdeckung, dass Mozart auf dem Wiener Hof verworfen wurde, weil er zu viele Noten schrieb. Und hatte sein Feind Antonio Salieri nicht Recht? Hätten wir Mirella Freni in der Hochzeit des Figaro nicht gern kürzer gehört, um uns nicht zu vergessen?

Literaten-Knigge: Denken Sie daran, was unser nobelster ­Immigrant, Wystan Hugh Auden, alles nicht über den Wienerwald und die Wiener dichtete. Sie werden die Worte „Verzicht“ und „Entsagung“ lieben, die mit jeder Krise verbunden sind.

helmut.gansterer@profil.at