<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Neu ins neue Jahr

Strenge Befehle für 2010.

„Der gute Vorsatz ist ein Fahrplan ohne Eisenbahn“ Gustav Knuth

Jedes Jahr fing mit einem Rückschritt an. Ab 2010 wollen wir klüger sein. Wir begreifen endlich, dass die so genannten guten Vorsätze für den Hugo sind. Sie sind immer Selbstbefehle. Man befiehlt also einem, den man herzlich liebt. Das ist schon akustisch lächerlich. Es klingt wie meine Liebste, wenn sie die Katzen zu besseren Manieren erziehen will: ein Zärtlichkeitsgewitter, das zur Verschlimmbesserung der aris­tocats führt. Alle Silvester-Vorsätze werden fein formuliert und führen ausnahmslos ins Gegenteil des Gewünschten. Ein Beispiel: das Körpergewicht. Wer sich vornimmt abzunehmen, wird nicht dünner, sondern noch molliger als alle Vorsatzlosen. Er nimmt, entzückt vom tapferen Plan, das prächtigste letzte Abendmahl zu sich – und schnalzt sich damit auf eine höhere Umlaufbahn seiner Fresssucht. Auch jene, die in den Spiegel hinein schwören, ab 2010 die ungeschützten One-Night-Stands mit rein­lichen BürgerInnen zu reduzieren, feiern diesen galaktischen Entschluss mit einem letzten, feier­lichen Besuch algerischer Freudenhäuser.

Fazit: Selbstbefehle sind sinnlos. Veränderung braucht altmodische Anweisungen von außen. In jedem Menschen, auch in Generaldirektoren, Generälen, Kardinälen und Kardiologen, steckt ein Kleinkind, das gerne gehorchte, wenn nur ­irgendwer etwas Kluges anschaffte. Leider sind die weisen Anschaffer praktisch ausgestorben. Eltern und Lehrer wagen es kaum noch, alte Werte an die Kinder weiterzugeben. Knieweiche Firmenchefs tragen dem Betriebsrat ihre neuen Ideen wie ein Wunschkonzert vor. Feige Politiker werfen in der Maske von Direkt-Demokraten dem ermüdeten Volk Themen zur Abstimmung vor, die selbst Experten überfordern.

Wir leben in der Epoche der Autoritäts-Armut. Gilt das fürs ganze römische Reich österreichischer Nation? Nein! Im galligen Wien gibt es ein feines Medium, das sich gegen den Dekadenztrend stemmt und das Ruder herumreißt. Es heißt profil. Dort sagt man den klugen Leserinnen und schönen Lesern gern, was sich gehört und was man zu tun habe. Speerspitze ist die Kulturredaktion. Jüngst nahm man dort wieder einen großen Schluck vom Zaubertrank.

In einer „Nacht der guten Weisungen“ (Rilke) formulierten Cerny, Grissemann, Hofer, Paterno und Schedlmayer den Idealeinstieg ins Jahr 2010. Ihre Vorschläge sind freundlich formuliert, aber als feiste Befehle gedacht. Als staatlich geprüfter Masochist habe ich zufrieden aufgeseufzt. Endlich Leute, die mir vorschreiben, wie ich ins neue Jahr zu gehen habe. Ich habe mir aus den zahllosen genialen, nur in Einzelfällen umnachteten Vorschlägen mein Idealprogramm ­gebastelt und dieses gleich als zwingenden Befehl an meine Großfamilie weitergereicht (die Summe aller Kulturvorschläge findet sich in profil Nr. 52a/2009). Ich betrete das Jahr 2010 also wie folgt: Erstens mit einem Klassiker von zeitloser Qualität, nämlich Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“, laut Sebastian Hofer „für Kinder bis 99. Verlagsagenten und andere Verbrecher nennen das jetzt: das Buch zum Film. Wir sagen: ein Buch fürs Leben.“

Zweitens mit einem Lustgewinn auf niedrigem Niveau. Beispielsweise ein TV-Nachmittag mit Harald Glööckler (sic), laut Wolfgang Paterno das „selbst ernannte Fashion-Genie des Verkaufssenders HSE 24, mit seiner Kollektion ‚Pompöös‘ ein Karl Lagerfeld für Einkommensschwache“. Drittens mit einem Geschenk für gute Freunde. Beispielsweise dem ersten Comic des Popkritikers Martin Büsser. Er heißt „Der Junge von nebenan“ (Verbrecher Verlag). Laut Karin Cerny so gezeichnet, „als hätte man selbst zum Stift gegriffen. Die Story zur politisierten BRD in den siebziger Jahren trifft auch so.“

E Viertens mit einem Geschenk für Lieblingsfeinde. Beispielsweise dem Büchl „Echtzeit“, laut Stefan Grissemann ein „Roman des Selbstverehrers Gabriel Barylli – veredelt jeden Giftgabentisch“. Fünftens mit Gratis-Kunst. Nina Schedlmayer empfiehlt dafür das Freiluftmuseum Niederösterreich: „Zwischen St. Valentin und Orth an der Donau kann man Kunst von Jenny Holzer, Isa Genzken, Heimo Zobernig und hunderten anderen zum Nulltarif besichtigen. Hinfahren muss man allerdings selber. Karte unter: www.publicart.at“

Tolle Ideen. Mit diesem Start kann 2010 nichts mehr schiefgehen. Und „der Start“, wie wir vom Kunstschaffenden Sebastian Vettel (Red Bull Racing Team) wissen, „ist das Allerwichtigste“. Ein Samurai bedankt sich bei den Kulturkönigen des profil: Domo arigato gozaimas. Nach Samurai-Art offeriere ich kleine Gegengeschenke als Ergänzung.

Büssers Pädagogik-Comic (siehe Punkt 3) muss unbedingt mit dem „feinen Schundheftl“ „MOFF“ unseres Langzeitfreundes Gerhard Haderer dualistisch ausgependelt werden. „MOFF“ ist der Beweis, dass überhaupt wieder mehr Schundheftln in unser Leben gehören (Abo via www.onlinemoff.at). So werden wir durch die Salzkruste der Überkorrekten, Grantscherben, Sauertöpfischen, antihedonistischen Mis­sionare und anderen Wichtigmacher ab 2010 wieder ans Licht brechen.

Gestern rief mir Bernhard Ludwig zu, es gebe eine neue Hoanzl-DVD-Collection ad „Österreichs Kabarettisten“. Wenn’s kein Schmäh war, ist es Good news vom Feinsten. Würde das Jahr 2010 bis zum Frühling retten. Die letzte, diesbezügliche Großtat von Georg Hoanzl trug mich einst als Arche Noah durch eine Sintflut von Melancholie. Happy New Year!

helmut.gansterer@profil.at