<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Pascals Lehre

Wie viel persönliches Glück ist in Krisen machbar?

„Das Leben ist einfach ein verdammtes Ding nach dem anderen“ Bloor Schleppey

Ein französisches Multi-Genie, der Mathematiker, Literat, Erfinder und Philosoph Blaise Pascal, glaubte, den Hauptgrund des Unglücks zu kennen: unsere Unfähigkeit, brav im stillen Kämmerlein zu verharren. Statt in Frieden mit uns selbst zu leben, träten wir töricht in die Gesellschaft hinaus. Dies führe, sagte Pascal sinngemäß, zur Zerstreuung des geistigen Konzentrats. Man infiziere sich mit fremdem Blödsinn. Den Kopf voll Schrott und die Seele voll Kummer, sei man bald außerstande, große Werke zu schaffen. Diesen Teil der Pascal’schen Lehre verwarf ich bisher als typische Genie-Neurose, vergleichbar den faulen Äpfeln von Friedrich Schiller. Ohne ihren Geruch fiel Schiller kein Räuber ein.

Dieser Tage erkannte ich: Es wird Zeit, Pascal nicht nur in seinen objektiven Leistungen (zum Beispiel als Vater des Binär-Codes und damit Vorvater unseres Computers) zu verehren, sondern auch seine Kammer-Kantate zu rühmen. Erst heute begreife ich die Würde seines Lobs der Einsamkeit. Die Mitbürger sind im Zuge der globalen Finanzkrise unerträglich geworden. Sie kennen nur noch ein Thema. Außer meiner kreativen und stillen Liebsten will ich keine Menschen mehr hören. Den Urlaub nützte ich, um ein schmales Amsterdamer Speicherhaus zu mieten. Im letzten Stock drehte ich zweimal den Schlüssel um und warf ihn in die Gracht. Post und Lebensmittel werden mit dem Giebelkran hochgezogen. Und sollte mir ein Einheimischer etwas zurufen, verstünde ich ihn nicht. Mein Holländisch, wie auch mein Mandarin und Hindi, bräuchte dazu eine Auffrischung, die ich gottlob vernachlässigte. Nun lebe ich zweisam-einsam in meiner Kammer, ohne Schlüssel, ohne Außen­welt, eine Rettung.

Dass ich Konvertit im Sinne Pascals wurde, hat seine Ursache in der erwähnten Finanzkrise. Sie dominiert die Befindlichkeit der Gesellschaft wie ein in die Badewanne gerutschter Elefant. Das ist objektiv verständlich. Seit den siebziger Jahren hatten wir nichts Vergleichbares. Viele erleben die Krise als erste Endzeitstimmung ihres Lebens. Es gibt kein anderes Thema mehr. Mit der Folge, dass nun auch die geistige Evolution schleift. Diese ist zwingend an Fortschrittsoptimismus und thematisch Neues gebunden. Was wirklich weiterbringt, ist Begeisterung und Mischkost. Ängstliche Trennkost bremst jedes Fortkommen.

Die Finanzkrise ist nicht nur Hauptthema. Sie fließt schon in die Begrüßung ein. „Noch änderungsgekündigt oder schon arbeitslos?“ ist eine der aktuellen, rundgelutschten Grußvarianten, die nerven. Selbst eine versunkene Lieblingsformel der Jammerer, die keine Eigenverantwortung gelten lassen, erlebt eine Wiedergeburt: „Wie es mir geht? Wie die anderen wollen.“ Das Kernthema Krise belebt aber auch nicht mehr. Es ist vorerst alles gesagt. Alle Argumente zur Krise rotieren wie rostige Gewichte um eine müde Achse. Und neue Themen werden nicht zugelassen, schon gar nichts Frohes. Wer lächelt, ist ein Verräter der Staatstrauer. Das heitere Neujahrskonzert im Musikvereinssaal, das die Österreich Werbung gratis verzehnfacht und auch unter Daniel Barenboim nicht deprimierte, wurde von Liebhabern der Finsternis schon als „Tanz auf dem Vulkan“ bezeichnet. Ein Elend der Einstellung, das Optimisten zur Vereinsamung zwingt. Daher mein Tipp: ein paar Wochen Amsterdam, Giebelkran, letzter Stock. Um noch schnell eine Kritik an den Übelsten loszuwerden, den Verdunkelungsverfestigern: Das sind jene, die nur im Schatten zu höchster Form auflaufen, weil sie im Licht nichts weiterbringen und das Leben nur als „ein verdammtes Ding nach dem anderen sehen“. Sie gleichen sizilianischen Klageweibern: Wer am Friedhof lauter heult, hat gewonnen.

Gar nichts Positives im Sinne des programmatischen Kolumnentitels? Kein Good News? Doch, schon. Einiges davon war in der Kolumne „Wien und die Krise“ (profil 2/09) zu lesen. Hier drei Theoreme zu einer waghalsigen Theorie, wie das derzeit Dunkle in ein neues Licht führen könnte, das heller ist als zuvor.

Theorem 1: Die Nationalökonomie kriegt durch die Krise einen Kick. Ordo-Theoretiker wie Eucken, Nachfrage-Theoretiker wie Keynes, Innovations-Theoretiker wie Schumpeter und Angebots-Theoretiker wie Friedman werden zu einem eifersuchtsfreien, ganzheitlichen Typus verflochten. Mit besonderer Berücksichtigung so genannter Hausverstands-Theoretiker wie Nobelpreisträger Paul Krugman, der die Immobilienkrise voraussagte.

Theorem 2: Man wird die Natur des Geldes, der Geldhäuser und der globalen Geldflüsse von der Wurzel her nochmals durchleuchten und die Wegweiser in neuer Strenge festsetzen. Auch hier darf nun Hausverstand über eitlen Akademismus gehen. Ein Schwerpunkt wird in „Verständlichkeit für viele“ liegen. „Verständlichkeit für alle“ geht leider nicht. Es gibt nach jüngster Erfahrung sogar Banker, die das Geld als einzige Ware, die mit sich selbst bezahlt wird, nicht begreifen. Theorem 3: Ein neuer Politikertyp wird unüblich vorsorglich die ökonomische Zeit nach der Krise im Auge haben, dazu noch die höheren Ziele des Menschseins. Er wird die Krise als „Fenster zum All“ nützen. Er wird Forschung & Bildung & Kunst in einem unvergesslichen Gewaltakt liften. So weit die Theoreme einer waghalsigen Theorie.

helmut.gansterer@profil.at