<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Reich und schön grün

Höflicher Existenz-Tipp für arbeitslose Manager.

„In jedem Beruf fügt sich manchmal alles in eins“
Bergbauer und Schauspieler Tobias Moretti

Man muss die Grünen loben. Verglichen mit ihren Anfängen, wurden sie Geistesriesen. Die törichten linearen Zukunftsmodelle von früher tauschten sie gegen kluge zyklische. Und seit das Körndlfressen aus ihren Zehn Geboten gestrichen wurde, sind viele Grüne auch nicht mehr hässlich. Außerdem wurden sie ökonomisch reifer. Nur noch radikale Splittergruppen sind grundsätzlich gegen jedes Bauprojekt.

Vor allem sorgte der Sieg des grünen Umweltgedankens, den sich jetzt alle Parteien auf die Fahne schreiben, für ­etwas Großartiges, das uns mit Zuversicht in die Zukunft blicken lässt: Die Wirtschaft darf noch einmal von vorn beginnen. Das war früher nur nach Weltkriegszerstörungen möglich. Heute dürfen wir jedes der rund zehn Milliarden Einzelprodukte (Schätzung des Autors1)) in Richtung Energie & ­Sauberkeit neu durchdenken. Und mit besseren, neuen Produkten die schmutzigen, alten Produkte ersetzen. Mit baldiger, segensreicher Wirkung auf die Umwelt, die Unternehmerbilanzen, den Arbeitsmarkt und die Perspektiven der Jugend.

Gemessen an dieser Chance, passiert noch erbärmlich wenig. Den stärksten Anfang machten drei Wirtschafts­vektoren, die von Laien als gestrig eingestuft werden: die Auto­industrie, die Landwirtschaft, der Handel. Hier eine Kurzanalyse.

Erstens: die Motorindustrie (Autos, Motorräder, Mopeds), der Illusionisten schon hundertmal den Tod prophezeiten. Sie zeigt gerade jetzt ihr extremes Talent als Immergrün. Sie hat den Vorteil, von allen „Altprodukten“ jene ­anzubieten, die der Jugend so wichtig blieben wie die elek­tronischen Star-Produkte der Neuzeit: Handys, Computer, TV-Geräte und Spielkonsolen. Demgemäß versammeln sich in der Motorindustrie die höchsten Mitarbeiterintelligenzen und aufwändigsten Forschungsprojekte. Die letzten Jahre bewiesen die Kapazität der Branche. Man reagierte sensibel aufs Gründenken. Keine Schraube blieb an ihrem Platz. Die Spritverbräuche und CO2-Emissionen sanken durch verfeinerte Otto- & Dieseltechnologie, schein-simple Start-Stopp-Automatiken und smarte Reifen um 30 Prozent. ­Zusätzlich wird mit einem Bündel alternativer Antriebstechniken, die Elektromotoren nützen, um neue Vorherrschaft gerungen.

Dem Konsumenten der neuen Konzepte bleibt allerdings nur das Wohlgefühl, mit den neuen Produkten die Umwelt zu schonen. Der Grad der staatlichen Abzockung bleibt konstant. Kein Finanzminister kann seine Bilanzschlag­löcher ohne die Motorisierten auffüllen. Derzeit genügt es noch, die Steuern an die Preise der Ölscheichs zu binden, die ihre davonschwimmenden Felle zu immer höheren ­Preisen verkaufen. Später werden die Finanzminister neue Fantasie entwickeln müssen.

Ich habe ihnen diese Arbeit abgenommen. Ich erfand die Ampere-Abgabe, den Akku-Aderlass, die Ohm-Obligation, die Volt-Verbraucherabgabe und das einkommensabhän­gige Elektroantriebsäquivalent. Die schwarzen und roten Anwälte der Motorisierten, ÖAMTC und ARBÖ, werden auch künftig viel zu tun haben, ihre Schützlinge vor steuerbedingter Verarmung zu schützen. So viel zum ersten und wichtigsten neuen Wirtschaftsfaktor, der alten Motorindustrie.

Zweitens: die modernen Nahrungsmittel-Landwirte mit ihrem Trend zu „Bio“. Vor zwei Jahren reiste ich im Auftrag von profil, „trend“ und „Kleine Zeitung“ durch die Bio-Szene der Steiermark. Parallel testete ich für die „autorevue“ die zwei stärksten Toyota-Hybride, den großen SUV und die Luxuslimousine LH 600. Fazit: Bio ist vital unterwegs. Bio ist weiter verbreitet, als man glaubt. Unter anderen fand ich einen Ex-Kollegen, die Radiolegende Dieter Dorner, mit seinem erstklassigen Bio-Wein.

Drittens: Bio, so erkannte ich auf dieser Reise, heißt nicht nur neue Produktion, sondern auch neuer Handel. Dieser wird von Nationalökonomieprofessoren immer noch als ­Sekundär-Stufe vorgetragen, ist heute aber gleichwertig ­neben die Primär-Stufe Produktion zu stellen. Bezüglich Grün-Lebensmittel war entscheidend, dass sich Handels­giganten wie Spar und Billa dazu bekannten, eine zweite, preislich höher liegende Bio-Linie anzubieten. Die Kunden belohnten das Risiko. Das Umsatz-Gewinn-Verhältnis stieg.

Alles in allem darf von good news gesprochen werden. Vieles Grüne dient schon heute einer höheren Gesundheit. Und Weiteres erwartet uns ums nächste Eck.

Immer strebend bemüht, nützlich zu sein, erfand ich einen neuen Beruf. Er wird ab morgen gesucht und hoch bezahlt werden: der Grüngestalter. Einer, der alte Produkte in zeitgemäße Produkte verwandelt. Mein Tipp gilt vorrangig für die vielen, arbeitslosen Manager um die 50. Mein Zuruf: Bewerben Sie sich nicht länger als Führungskraft! Werden Sie endlich Unternehmer! Gründen Sie mit Ihrem Talent für Menschenführung und Organisation die Firma Green Grass. Sammeln Sie ein kleines Team von Denkern, Designern, Energietechnikern und PC-3D-Zeichnern um sich.
Sobald Sie zwei in Design und Energieverbrauch ver­altete Produkte auf NEU und GRÜN getrimmt haben, sind Sie nicht mehr arbeitslos, sondern steinreich.

helmut.gansterer@profil.at