<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Wien und die Krise

Lockerungsübungen.

„Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit – aber beim Universum bin ich noch nicht ganz sicher“ Albert Einstein

Einsteins gute Taten kennt jeder. Aber keine Sau interessiert sich für meine. Also nenne ich hier aus freien Stücken meine feinsten Erfindungen. Ich beschränke mich auf je eine Erfindung in fünf Bereichen. Den Politikern schenkte ich die Lösung, wie wir vom glänzenden 7. Platz unter 200 Staaten endlich die Nr. 1 werden könnten: „Die besten Kindergärten & Volksschulen der Welt, und eine Forschungsquote von fünf Prozent.“ In 15 Jahren wären wir vollautomatisch Spitzenreiter. Alle Bundeskanzler haben mich dafür geherzt. Und keiner rührte ­ei­nen Finger. Jeder rechnete sich aus, dass in 15 Jahren ein anderer die Ernte des Beifalls einfahren würde. Den Unternehmern schenkte ich das Produkt-Motto: „Immer weniger von immer Besserem.“ Sie haben darauf gehört, aus zwei guten Gründen. Nur so bewahren wir unse­ren technologischen Vorsprung vor den Schwellenländern. Und die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, die mit diesem Motto logisch einhergeht, stützt den Fabrikationsfrieden, der für Österreich schon immer ein Standortvorteil war (null Streikstunden dank Sozialpartnerschaft).

Den Konsumenten schenkte ich die feinfühlige Investidee: „Verschleudern Sie das Geld Ihrer Erben.“ Vorteil 1: Ein lustiges Leben schon vor dem Tod. Vorteil 2: Befreiung der Kinder von der Gefahr der Dekadenz. Vorteil 3: Stützung der ­Inlandsnachfrage zum Wohle des Handels. Den aufstrebenden KünstlerInnen schenkte ich die Weisheit: „Zwischen dem Primitiven und Genial-Einfachen liegt die Mühsal der Berge.“ Effekt: null. Jeder und jede verlangt schon für die unreifen Erstlingswerke ein weltweites ­Medienecho.

Den Reisenden schenkte ich meinen zweiteiligen Tipp zur geistigen Eroberung fremder Städte. Erstens: Legen Sie die intellektuelle Verachtung für Sightseeing-Busse ab. Sie bieten mit höchstem Wirkungsgrad das Hervorstechende der Städte. Zweitens: Laufen Sie nicht mit den Einheimischen mit. Das bringt nichts. Die Relativgeschwindigkeit ist null. Sie sehen immer die gleichen Leute. Setzen Sie sich lieber mit dem besten Rotwein des Landes auf die zentrale Café-Terrasse der Stadt. Mustern Sie behaglich die vorbeiströmenden Eingeborenen, die verschwitzt ihrer Arbeit nachgehen. Das lüftet das Gemüt und schenkt Impressionen, die das Verständnis für die fremde Stadt pölzen.

Vor fünf Jahren fing ich an, den eigenen Reisetipp auf mich und meine Lieblingsstadt zu übertragen, die ich nach zehn Weltreisen am schlechtesten kannte. Ich setzte mich in die Gärten der Wiener Hotels Sacher und Imperial und aller Wasserlöcher der volksnahen Bürgermeister Helmut Zilk und Michael Häupl. Nach dieser Grundübung weitete ich die Entdeckungsarbeit auf alle Bezirke aus. Ich schaute und hörte 23 Arten von WienerInnen. Es war Lebensschule und Live-Kabarett, zirka tausendmal ergiebiger als Fernsehen. Ab 2008 gab es eine Funkstörung. Die aufgeschnappten Selbstgespräche und Dialoge waren wie vergiftet. Das fortwährend aufflammende Wort Krise oder Finanzkrise oder Globalfinanzkrise spukte hinein. Man fühlte sich bald wie am Sirk-Eck von Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“. Die Dialoge, die Kraus dort ansiedelte, wiesen auf kommendes Unheil. Sind sie auch jetzt ein Menetekel?

Manche glauben dies. Ich halte es für Unfug. Allerdings nimmt es den Wiener Spaziergängen viel von ihrem Schmelz. Derzeit fehlt jeder heitere Grant. Selbst die fröhlichsten Stadtstreicher wirken von negativer Hybris angesteckt. Beim Hans-Schmid-am-Pfarrplatz (früher: Mayer am Pfarrplatz) grummeln sie herum wie Beethoven, der dort taub die „Eroica“ fand. In Hietzing, zum Wienerwald hin, klangen die Straßengespräche früher nach Johann Strauß, jetzt eher nach Schuberts „Winterreise“. In Favoriten und Simmering ist die Straßensprache noch schärfer geworden. Man verurteilt dort die Banker so scharf wie einst Honoré de Balzac in seiner „Menschlichen Komödie“. Einzig in Transdanubien, jenseits der Donau, wo das Städtische ins Bäuerliche laviert, sind noch Bastionen der Gelassenheit zu finden. Im First-Class-Heurigen Wieninger in Stammersdorf lässt man ungeschwefelt einen großen Sohn der Stadt hochleben, Willi Resetarits, der sechzig wurde und hier seine zweite „Stubnblues“-CD zur Welt brachte. In der politisch namhaften Winzerfamilie Schwarzböck in Hagenbrunn überstrahlt das Familienglück das Weltärgernis. Beim Terrassenheurigen Trimmel in Lang­enzersdorf feiern optimistische Gäste ein Weihnachtsfest.

In Summe ist die Wiener Stimmung unterkühlt. Ich habe auch keinen schnellen wärmenden Tipp. Ich erinnere mich an keinen Kredit-Markt, der kurzfristig wie Sahara, Kalahari und Gobi aussah. Auch die jetzigen Bewässerungssysteme überzeugen noch nicht ganz. Es mag aber fürs persönliche Wohlbefinden sinnvoll sein, an die erstmals gemeinsamen Reformbestrebungen aller wichtigen Schaltstellen zu glauben. Vielleicht sogar darin eine umso sicherere Zukunft zu sehen. mAls Zwischenlösung empfehle ich zwei Lebensprinzipien meiner Großmutter väterlicherseits, die in Steinberg bei Oberpullendorf im Burgenland zur Welt kam. „Geschrien wird erst, wenn der Schmerz da ist“, sagte sie. Und: „Mit dem Schmerz kommt das Heilende.“ So gesehen könnte das große Wien durch das kleine Oberpullendorf auch in der Krisenangst das bleiben, was es ist: die sicherste und heiterste und lebenswerteste Metropole der Welt.

helmut.gansterer@profil.at