<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Wienliebe

Eine aufgefrischte Beziehung.

„Wien ist anders“ Ein Slogan, der reifte

Befriedigung ist mathematisch darstellbar, sagt Kabarettist Bernhard Ludwig. Man dividiere das Erwartete durchs Erhaltene. Wer nichts erwartet, ist demgemäß dauerbefriedigt. Der vergangene Donnerstag bestätigte diese Theorie. Ich ­betrat ihn erwartungsfrei, eher mürrisch, da ich viele Termine hatte und jeden Termin, auch den schönsten, als Fremd­bestimmung verabscheue. Doch siehe, ich fiel dann von einem Entzücken ins andere, in „quasisexuelle Befriedigung“, wie Herr Ludwig sagen würde. Die Stadt Wien zeigte wieder, was sie kann. Die relativ größte Hauptstadt aller namhaften Länder (1,7 Millionen Einwohner bei österreichweit acht Millionen) ist auch die zauberischste. Nun schon zum zweiten Mal (Mercer-Studie vom Mai 2010) hat sie Zürich als „lebenswerteste Stadt“ übertroffen. Selbst der Theatermann Peymann, dem man hierorts öfter in den Süden des Körpers trat als ­irgendwo anders sonst, schließt sich diesem Urteil an.

Ein Teil des Wiener Reizes liegt in einem paso doble ­begründet, einer Art Wechselschritt der Bevölkerung und ihrer Berühmtheiten: Die Berühmten und Berüchtigten ­leben hier öffentlich und werden für diese Tapferkeit mit Nichtbelästigung belohnt. Genauer gesagt: mit der Idealform ­eines Benehmens, in dem sich entzücktes Erkennen und diskrete Scheu fürsorglich mischen.

Ein authentisches, wenngleich älteres Beispiel zur Illus­tration: Im Hotel Bristol, im kleinen Salon, der Lobby, die Bar und Restaurant trennt, fand ich mich Seite an Seite mit Richard Burton. Wir saßen mit dem Rücken zum Trubel und auch sonst wie Zwillinge, da wir die gleiche Zeitung ­(„Herald Tribune“) lasen und den gleichen Drink (Highland Single Malt) tranken. Dass es auch beiderseits ein Oban war, erfuhr ich von Mr. Burton. Meine wienerische Geste, das Glas zu heben, Erkennen und Bewunderung und keinen weiteren Kontaktwunsch zu zeigen, entzückte ihn derart, dass er von sich aus das Gespräch suchte. Wir sprachen dann über eine Schlüsselrolle seiner Karriere: „Der Spion, der aus der Kälte kam“. Elizabeth Taylor kam in unserer Plauderei nicht vor.

Kehren wir zurück zum eingangs genannten, glücklichen Donnerstag. Die erste Termin-Adresse: „Café Drechsler“ am Naschmarkt. Ich war seit Jahren nicht da gewesen, sah aber gleich, dass alles beim Alten geblieben war. Nach dem keimfreien, OP-sauberen und leeren Nichtrauchersaal summte und brummte es. Köstliche Rauchschwaden schenkten dem Genre-Bild ein Leonardo-sfumato. Wo ich früher mit Maler-Freunden wie Franz Ringel im Zwiegespräch die Welt gerettet hatte, saß nun Robert Menasse im Zwie­gespräch mit sich selbst. Flüchtige Begrüßung. Danach, aus meiner Mafioso-Ecke mit Rückendeckung und freiem Blick auf die Eingangstür, musterte ich Menasse mit segnender Zuneigung: glänzender Romancier, glänzender Rhetoriker, ­einer der besten Botschafter Österreichs. Gleich darauf begeisterte mich Wichtigeres, die neuen „Drechsler“-Herrentoiletten. Nach feinfühligem Umbau zeigen sie nun beinahe die Ausmaße (wenn auch nicht den Marmor) der Toiletten in Londons Savoy-Hotel, die schon Graham Greene schätzte.

Auftritt meines Steuerberaters Erwin, dessen Familienname aus Gründen der Wettbewerbs-Hygiene ungenannt bleibt. Auch er zeigt, dass wir in Wien sind. Er ist qualitäts-zickig. Er verlangt Füllfeder-Signaturen für Bücher, die er verschenken will. Wahrscheinlich kein Zufall, dass am Tisch zur Linken eine fesche Studentin ihr Montblanc-Meisterstück wie eine Machete durch juristische Texte schlägt. Wien ist im Kampf „Anolog versus Digital“ noch angenehm bisexuell.

Wir haben das „Drechsler“ nun verlassen und betreten, um einem Vortrag beizuwohnen, das Novomatic-­Gebäude, das jahrzehntelang das Verkehrsbüro war, unweit vom „Goldenen Krauthappel“ der Secession. Auch dies ein Highlight dieses Donnerstags. Keine Bauikone Wiens wurde je so perfekt restauriert. Und in den Chefetagen von Novomatic finden wir Kunstwerke, die auch Secessions-Architekt Joseph Maria Olbrich gefallen hätten. Nur ist dies eigentlich das Verdienst von Niederösterreichern. Es gehört demgemäß in eine spätere Kolumne namens „NÖ-Liebe“.

Als Inbegriffe der guten Wien-Vektoren sind die Bürgermeister dieser Stadt auffällig geworden, moderne Sozialdemokraten mit bürgerlich-realistischem Sinn für Autorität, Sicherheit und Ökonomie, heute Michael Häupl in idealer Nachfolge von Helmut Zilk. Die wenigen Veltliner-Achteln, die ich zufällig, ohne Terminvereinbarung, mit Häupl beim „Bauer-Gustl“, in der Imperial-Bar und im „MAK-Café“ trank, sind in guter Erinnerung. Sie waren eine tour d’horizon mit einem hochgebildeten Mann, der erstaunlich entspannt seiner Arbeit nachgeht. So genannte Insider erzählten mir, seine Frustrationstoleranz habe im Wege der Abnützung ­gelitten. Falls dies wahr ist, sind seine Reserven an Selbstironie umso beachtlicher.

Dies sind aber elitäre Fragen, so wie meine Sicht der Stadt generell nicht die eines unglücklich abgerutschten Penners ist, sondern die eines dankbaren Fremden, der einst mit Minderwertigkeitskomplexen an die Tür klopfte und liebevoll eingelassen wurde. Wer eine künstlerisch wertvolle Ergänzung der Lichter und Schatten von Wien wünscht, wird bei Musikanten fündig. Meine Favorites: Wolfgang Ambros, Roland Neuwirth, Willi Resetarits und Ernst Molden (CD-Tipp: „Ohne di“). Mein momentaner Ideal-Wiener heißt Georg Hoanzl. Er ist vielen Weltklassekabarettisten geschäftlich verbunden, geht aber, beispielsweise bei der 2011-Premiere von Marecek–Hackl im „Simpl“, mit einem Büro-Mäppchen durchs Publikum, als sei er ein Billeteur oder Lohndiener.

helmut.gansterer@profil.at