<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Zopf und Kahl

Die Krise ist gut für die Frisur.

„Friseurgespräche sind der Haare wegen da“ Karl Kraus

Karl Kraus war kein netter Mann. Er war eitel, verschroben, unangenehm. Für eine klasse Formulierung nahm er billigend in Kauf, Mitmenschen tödlich zu verletzen. Das genannte Zitat ist logisch ein Ausdruck seiner Verachtung. Friseurgespräche hielt er für das Allerletzte. Vielleicht war er Urheber eines wichtigen Wiener Ausdrucks, der in Downtown Vienna „für die Haare“ heißt, in Meidling und Favoriten „fia d’ Hoa“. Unseren deutschen LeserInnen mag das Synonym „Für Arsch und Friedrich“ näher sein. Es geht im Prinzip um Sinnfreies.

Ich würde mich seiner Auffassung schon aus Feigheit nicht anschließen. Man soll sich Friseure nicht zum Feind machen. Niemand kann dich so entstellen wie ein beleidigter Coiffeur. Auch Fairness spielt eine Rolle. Mein Friseur auf dem Land ist ein erstklassiger Menschenkenner. Ich habe viel an praktischer Psychologie von ihm gelernt, nebenbei alles über Wasserskifahren auf Ziegelteichen.

Und was in Wien den mit Recht legendären Haarschneidermeister Erich Joham, Boss von Er-Ich (= Erich), betrifft, darf man sich darunter einen nobelpreiswürdigen Soziologen vorstellen. Kaum einer, der Gesellschaftsveränderungen so scharfsinnig erkennt wie er und so witzig darüber spricht. Er beherrscht auch die rare Artistik der Selbstironie, die haarscharf an kokette Bescheidenheit streift. Mir liegen Beweise vor, dass der Weltklasseplauderer Erich Joham auch lesen und schreiben kann.

Manchmal denke ich trotz allem gern an jenen Satz von Karl Kraus. Beispielsweise, wenn aus der Weiberabteilung der Friseure Wortfetzen überschwappen. Wenn Prosecco-geölte Stimmen wohlhabender Damen verkünden, was wirklich zählt auf dieser Welt. Wenn die Molligen die dunklen Stofffarben der Saison verteidigen, die Hageren die hellen. Und sich dann jenen Kundinnen zuwenden, die gerade nicht da sind: „Die arme Marie-Therese zieht deutlich den rechten Fuß nach, ihr Freund ist entschieden zu schwer für sie.“

Die Männerabteilung eines jeden Friseurs ist hingegen ein Hort des Friedens, der Umsicht und Weltrettung. Seit zirka zehn Haarschnitten lernte ich dort alles über die Krise. Über die miesen Finanzmanager, die abgenabelten, kredithungrigen Kleinunternehmer, die zahnlosen Politiker – und über die interessanten Verbesserungen aller Charaktere unter dem Druck der relativen Verarmung. Die Geizigen seien zwar noch geiziger als zuvor, aber grosso modo gebe es ­einen Ruck ins bessere Charakterfach. Man registriert Abschichtungen des Dekadenz-Fetts, das sich in 60 Jahren eines Nachkriegswohlstands angesetzt hat. Optimisten erwarten sogar eine Erstarkung des geistigen Immunsystems, eine Wiedergewinnung früherer Frustrationstoleranz.

Manche Freunde, so sagte mir Erich, seufzen dieser Tage krisebefriedigt. Sie wälzen sich glücklich in Leid und Entsagung. So, als hätte Goethe Recht gehabt, als er schrieb: „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.“

Recht spät begriff ich: Friseursalons sind à la Grillparzer eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält. Sogar im dinglichen Sinne, in Form der Frisuren. Frauen entdecken den Zopf wieder, als Zeichen versunken geglaubter Sittsamkeit. Als Hinweis auf eigene Gemüsebeete, Entstaubung der Nähmaschine, Absage an convenience food und Rückkehr zu suboptimalen Missionarsstellungen, sie unten, er oben. Sehr beliebt nun auch die Entfernung des Zierkamms unter der Nackentolle der straffen Business-Frisur. Das offene Haar als Signal von Frauen, die sich ihrer Mannbarkeit entsinnen und in der Krise gern einen Mann „erkennen“ wollen, zwecks Überwindung derselben.

Auch die Männer werfen in der Krise jede Dekadenz-Haartracht ab. Die Mülltonnen sind voller Toupets. Selbst Ratten übergeben sich. Der Kahlkopf ist angesagt. Er weist auch auf höchstes Testosteronniveau. Die heutige Revolution geht nicht vom Volk, sondern vom Friseur aus.

Erinnerung an Lech, noch tote Saison. Bald würde das „Philosophicum Lech“ für erstes Leben sorgen. Es ­wurde vom glänzenden Bürgermeister Ludwig Muxel und dem Schriftsteller Michael Köhl­meier erfunden. Ich reite als österreichischer „Tractatus“-Juror ein. Aus der Schweiz kommt Ursula Pia Jauch, aus Deutschland der Schiller-Biograf Rüdiger Safranski. Ich reise mit dem Event-Boss, Philosophen und Uni-Vizedekan Konrad Paul Liessmann, fortan Der Liessmann genannt. So wie die Hörbiger und der Heltau braucht er keine Vor­namen mehr. Österreich zeichnet seine Besten durch Weglassung aus.

Liessmann ist Oberhaupt des einzigen Kulturevents in der armseligen Krise, der seine Sieger nicht mit Plastikpokalen beleidigt, sondern dank eines anonymen Sponsors mit echter Kohle ehrt, 25.000 Euro. Franz Schuh hat diese heuer anmutig-kritisch entgegengenommen. Lesetipps: „Die Theorie der Unbildung“ (Liessmann) und „Memoiren – Ein Interview gegen mich selbst“ (Schuh).

helmut.gansterer@profil.at