<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Zurück zum Start

Die Wirtschaftswissenschafter fangen neu zu würfeln an.

„Fort mit Schaden“ Oma Gansterer

Lange Zeit glaubte ich, meine Großelterngeneration sei die letzte gewesen, die noch halbwegs bei Sinnen war. Heute weiß ich es. Einsichtige Nationalökonomen wissen es auch. Sie begreifen: Ihre Wissenschaft, die einst als die ­nobelste galt, ist im Arsch. Sie hat aus Affenliebe zur mathematischen Statistik ihre einstigen Qualitäten verloren: das Philosophische, das Literarisch-Erzählende, den Hausverstand.
In fahriger Unsicherheit gräbt man nun Werke der Vorfahren aus, um dort zu suchen, was heute fehlt. Ich finde diese Suche schlecht und gut. Schlecht, wenn man wie auf Schrottplätzen Einzelteile sucht, um billig zu reparieren. Gut, wenn man den Geist der Vergangenheit sucht. Diese Suche kann zum Vergnügen werden. Viele der Klassiker sind glänzend geschrieben. Sie liegen literarisch über den meisten heutigen Werken. Wer in Amerika und England, den Hochburgen der Volkswirtschaftslehre, ­reüssieren wollte, durfte kein unverständliches Fußnotenkonvolut liefern. Die Angelsachsen verachteten den schreiberischen Hochmut der kontinentaleuropäischen Wissenschafter. Deren Versuch, durch eitle Formulierung das verständnislos glotzende Volk fernzuhalten, wurde in Harvard und Oxford grob als „Hirnwixen“ und „Luftpudern“ verlacht.

Man sprach wirklich so darüber. Die frühen Nationalökonomen konnten zugleich pipifein und saugrob sein. Sie spreizten beim Tee den kleinen Finger und fluchten wie ­Matrosen. Damals zu 99 Prozent Männer, schadete ihnen auch fragwürdige Moral nicht. Man kann sich heute, in den fadesten Tagen der Menschheit, wo umfassende Korrektheit jede Frechheit verbietet, gar nicht mehr vorstellen, wie ­beliebt jene Denker waren, die über die Stränge schlugen.

Nehmen wir beispielsweise unseren Volkshelden Joseph A. Schumpeter. Er war an der Harvard University, der ältesten US-Eliteschule, schon beliebt, als er mit seiner Formulierung der „schöpferischen Zerstörung“ den amerikanischen Traum eines ewigen Schwungrads formulierte. Vergöttert wurde er erst, als seine Lebensziele publik wurden. Stammleser kennen sie schon aus früheren „Good News“-Kolumnen. Ich wiederhole sie hier behaglich für die vielen neuen profil-Leser. Schumpeter: „Ich wollte zeit­lebens nur dreierlei werden. Erstens der beste Liebhaber von Wien. Zweitens der beste Reiter Europas. Drittens der beste Ökonom der Welt. Leider blieb ich zu Pferde hinter meinen ­Erwartungen.“

Das Stöbern in alten Werken und Weisheiten macht Freude. Auch die deutschsprachigen Nationalökonomen schrieben verständlich, teilweise brillant. Sie waren dazu ­gezwungen. Der Ruhm eines Volkswirtschafters entschied sich in England (London, Oxford, Cambridge) und in den USA. Das wussten die deutschen Glühbirnen wie Sombart, Lederer und Stackelberg und die heute recht modern wirkenden „Ordoliberalen“ wie Eucken und Röpke. Das wussten vor allem auch unsere Ahnen der so genannten „Wiener Schule“. Ihnen verdanken wir neben Sigmund Freud in ­angelsächsischen Ländern den Ruf eines kleinen, hoch­musikalischen Landes mit verblüffend scharfem Geistesprofil. Es wird also Zeit, die Herrschaften Ludwig von Mises, Carl Menger, Joseph A. Schumpeter und Friedrich August von Hayek in Erinnerung zu rufen.

Bildungsösterreicher sollten sie wieder lesen. Auch wenn es kein reines Vergnügen ist. Man findet Lichter und Schatten. Hayek beispielsweise, der zwei Wochen vor dem geplanten „trend“-Interview starb, macht als Extrem-Liberaler heute wenig Freude, ist aber nicht gänzlich weg vom Fenster und im Detail fantastisch. Und Schumpeters größtes Hoppala blieb länger ein Geheimnis als Günter Grass’ Nazi-Vergangenheit. Bis heute blieb unbekannt, dass der große Reiter den Sozialismus einst für lebensfähiger hielt als die Wettbewerbsgesellschaft. Ich habe das Beweisbuch neben dem Notebook liegen. Auf dem passend-knallroten Einband des UTB/Francke Verlags lesen wir den Titel: „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“.

Ich bin dafür, dass wir profil-LeserInnen, egal ob mit oder ohne Hilfe der zeitgenössischen Professoren, die Nationalökonomie neu erfinden. Wir lesen die Klassiker und bauen aus den sinnvollen Modulen eine neue Makro-Wirtschafts-Welt. Mein Beitrag: Ich überwinde mein Talent zum Müßiggang. Noch heute werde ich anfangen, „Helmut ­Gansterers Kanon der Klassiker“ für profil-online zusammenzustellen. Im Idealfall steht er schon dort, wenn diese ­Kolumne die LeserInnen erreicht. Unsere Online-Künstler werden ein Leerfeld einrichten. Dort möge man Buchtitel ergänzen, die ich vergaß. Vielleicht schaffen die Grafiker in dieser kurzen Zeit auch einen Pool, in den man weise Botschaften zu zwei Fragen werfen kann, die m. E. die moderne Volkswirtschaft prägen werden:

Frage 1: Wie helfen wir sinnvoll den Jugendlichen, denen es erstmals in der Nachkriegsgeschichte schlechter geht als den Eltern, ohne Österreichs glänzende Position als Nummer sieben der 200 Erdstaaten zu gefährden?
Frage 2 (zur Hälfte Sci-Fi): Ist eine Welt ohne Arbeit denkbar? Und wäre ein Grundentgelt für alle ein sinnvoller erster Schritt? Ich könnte mir vorstellen, dass die Antworten von Spezialisten des profil-Teams für Coverstorys genützt werden. Ich ziehe mich höflich in die Vergangenheit zurück und überlege, ob Luca Paciolis „Algebra des Kapitals“ in das Fach Kanon fällt oder in das Fach Kabarett.

helmut.gansterer@profil.at