Helmut Elsner - Sein erstes Interview:
"Eine Verschwörung gegen mich!"

Helmut Elsners erstes Interview seit der Verhaftung: Wie der frühere Bawag-Generaldirektor nach dem Urteilsspruch mit Justiz, Politik, Medien und Wolfgang Flöttl abrechnet.

profil: Herr Elsner, der Bawag-Prozess ist nach fast einem Jahr zu Ende gegangen. Sie wurden nicht rechtskräftig zu neuneinhalb Jahren unbedingter Haft verurteilt. Was empfinden Sie dabei?
Elsner: Die Strafhöhe hat mich erschüttert. Neuneinhalb Jahre im Gefängnis zu bleiben, weil ein anderer Geld verspekuliert hat, halte ich für völlig überzogen. Neuneinhalb Jahre bedeuten für mich wahrscheinlich lebenslänglich. Und der, der das Schlamassel verursacht hat, soll ein paar Monate hinter Gitter und darf ungestört nach Hause fahren.

profil: Sie sind zuvor im Zusammenhang mit dem ominösen Plastiksackerl-Kredit an Hermann Gerharter wegen Untreue nicht rechtskräftig zu zweieinhalb Jahren unbedingter Haft verurteilt worden. Und das war nur ein Nebenschauplatz. Hat Ihr Anwalt Wolfgang Schubert Sie auf das nunmehrige Urteil vorbereitet?
Elsner: Natürlich, er hat mir das Risiko schon seit Monaten vor Augen gehalten. Ehrlich gesagt, war mir die Gefahr auch selbst bewusst. Alles hat ja unausweichlich auf eine Verurteilung hingedeutet. Ich habe angesichts der Zustände um meine Verhaftung und die Entführung vom französischen Krankenbett, wo ich mich, angeschlossen an medizinische Überwachungsgeräte, auf eine Operation vorbereitet habe, die dann eine Woche später dringend in Wien durchgeführt werden musste, mit keinem fairen Verfahren mehr gerechnet, in dem ich wirklich eine Chance haben würde. Der mediale Druck und die Vorverurteilung waren einfach zu groß. Man wollte mich hängen sehen. Das zeigt bereits das Gerharter-Urteil, gegen das Nichtigkeitsbeschwerde erhoben wird. Gerharter gab an, kein Geld gewollt zu haben, er habe es auch nicht gebraucht, ich hätte es ihm aufgedrängt. Und dies drei Wochen vor meiner Pensionierung, einem Mann, mit dem es keinen Privatkontakt gegeben hat. Wenn sich der Tathergang so abgespielt hätte, dann wäre statt einer Verurteilung wohl eher eine Psychiatrierung angebracht gewesen.

profil: Sie sitzen jetzt bereits rund eineinhalb Jahre in Untersuchungshaft. Was empfinden Sie beim Gedanken, noch Jahre weggesperrt zu bleiben?
Elsner: Ohnmacht. Dabei geht es mir vorrangig nicht einmal um mich. Ich will meiner Frau und meiner Familie in dieser schweren Zeit beistehen, das kann ich nicht. Kontakte zur Außenwelt fehlen mir, um die Probleme, die auf mir lasten, besprechen zu können. Stellen Sie sich vor, Sie erleben so einen Verhandlungstag bei Gericht und werden danach weggesperrt. Die zehn Minuten, die Sie nach der Verhandlung bekommen, um mit Ihrem Verteidiger zu sprechen, reichen niemals aus, um die Geschehnisse des Tages reflektieren zu können. Und ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Frau, die für mich wie eine Löwin kämpft. Sie fehlt mir sehr.

profil: Sie haben sich bis zuletzt nicht schuldig bekannt. Dagegen haben sowohl Ihr früherer Vorstandskollege Johann Zwettler als auch Ex-Aufsichtsratspräsident Günter Weninger und Wolfgang Flöttl zu einzelnen Anklagepunkten Teilgeständnisse abgelegt. Das hat deren Position gestärkt, die Ihre aber geschwächt. Warum sind Sie bei Ihrer Haltung ge­blieben?
Elsner: Mir wurde während des Verfahrens mehrfach dringend nahegelegt, ein Geständnis abzulegen. Ich habe diese Versuche, mich umzustimmen, durchaus auch so verstanden, dass ich mit meiner Freilassung rechnen könne, wenn ich zumindest ein Teilgeständnis ablegte. In Wahrheit befinde ich mich bis heute in Beugehaft. Ich war mein Leben lang geradlinig und habe niemals aus taktischen Überlegungen meine Überzeugung über Bord geworfen, so auch hier nicht. In meinem Schlusswort habe ich eine ganz klare Position eingenommen: Aus heutiger, also retrospektiver Sicht, sind ganz klar Fehler passiert, auch mir. Ich würde heute auch sagen, dass wir durch die Verluste überfordert waren und unseren Rücktritt anbieten hätten sollen. Wir hatten kein ausreichendes Krisenmanagement für eine solche Situation. Aber es entsprach nicht meinem Wesen, zu flüchten und die Problemlösung jemandem anderen zu überlassen. Lieber habe ich die Ärmel aufgekrempelt und versucht, die Schwierigkeiten selbst zu überwinden. Wie ich im Verfahren gelernt habe, kommt es aber im Strafrecht nicht auf ­diese Ex-post-Betrachtung an, sondern auf einen Blick vom Standpunkt des Handelnden in der jeweiligen Situation. Und aus dieser Sicht habe ich immer versucht, das Beste für die Bank zu machen. Das schließt Untreue aus.

profil: Ihre mitangeklagten Ex-Vorstandskollegen haben es im Prozessverlauf durchaus geschickt verstanden, die eigene Verantwortung in der so genannten Karibik-Affäre kleinzureden. Im Rückblick wirkt es so, als seien die Spekulationsgeschäfte zwischen 1998 und 2000 nur eine Sache zwischen Ihnen und Wolfgang Flöttl gewesen …
Elsner: Das liegt in der Natur der Sache, weil die Hauptkommunikation zwischen mir als Vorstandsvorsitzendem und Herrn Flöttl so stattgefunden hat wie zuvor zwischen ihm und dem früheren Vorstandsvorsitzenden Walter Flöttl. Die anderen Vorstände wurden von mir aber informiert. Und wesentliche Verträge, wie jene zu den Unibonds, wurden von allen anderen Vorständen unterschrieben. Ich habe keinerlei Entscheidung ohne Vorstandsbeschluss getroffen. Natürlich war ich in den Sitzungen der Bankgremien der Wortführer, auch wenn ich Informationen anderer Vorstandsbereiche referiert habe, das war in der Bawag einfach historisch bedingt. Und die Feigheit anderer Angeklagter, die Verantwortung abzuschieben, sehe ich auch aus dem Blickwinkel ihrer großen Angst vor einer Haftstrafe. Diese Angst wurde in über 100 Verhandlungstagen jeden Tag geschürt, wenn sie mitbekommen haben, wie ich unter Begleitung von Justiz­wachebeamten in den Gerichtssaal gebracht worden bin. Und auch die öffentliche Fokussierung auf mich hat es ihnen leicht gemacht, sich hinter mir zu verstecken. Ich stehe zu dem, was ich mitgetragen habe, andere offenbar nicht.

profil: Johann Zwettler hat anlässlich seines Teilgeständnisses im November des Vorjahres wörtlich gemeint: „Obwohl ich das erkannt habe, bin ich nicht aufgestanden und habe nicht die Stopptaste gedrückt. Mein Motto war: Augen zu und durch.“ Darauf hat sich Richterin Claudia Bandion-Ortner auch bei der Urteilsverkündung bezogen. Warum haben nicht zumindest Sie die Stopptaste gedrückt?
Elsner: Ich habe das schon versucht zu erklären. Wir wollten den Karren wieder selbst aus dem Dreck ziehen, da konnten wir die Pferde nicht ausspannen. Aus heutiger Sicht wäre es aber natürlich klüger gewesen, die Pferde zu wechseln. Aber Flöttl hat uns 1998 glaubhaft versichert, der Verlust wäre Folge der Wirtschafts­krise des Oktober 1998 gewesen. Das erschien uns plausibel, weil ja auch andere massive Verluste erlitten haben, ohne alles auf eine Karte gesetzt zu haben, wie die LTCM oder Georges Soros und zahlreiche Investmentbanken. Zeitungsberichte rund um die Welt belegen das. Und auch das Verlustaudit von Arthur Andersen bot dafür keinen Hinweis, dass nicht ein wirtschaftliches Unwetter, sondern alleine Flöttls neue und extreme Risikoausrichtung ab August 1998 für den Verlust verantwortlich war. Und er hat der Bawag über zehn Jahre hindurch ohne einen einzigen Verlust gutes Geld gebracht.

profil: Haben Sie und Ihre Vorstandskollegen gewusst, was mit den Wolfgang Flöttl übertragenen Bawag-Geldern geschieht?
Elsner: Aus heutiger Sicht muss man wohl einräumen, dass weder meine Kollegen noch ich wirklich durchschaut haben, was Flöttl mit dem Geld macht. Eine Ausnahme ist natürlich die Yen-Option, deren wesentliche Parameter von uns ja vorgegeben worden sind. Wenn ich mir heute die zigtausenden Seiten an Kontoauszügen der Broker ansehe, dann hätten wir auch damit nichts anfangen können, weil uns für die Beurteilung das Know-how fehlte. Nochmals: Wir haben das, anders als heute, nicht kritisch gesehen, weil das Finanzministerium im Bescheid 1994 ausdrücklich für zulässig erklärt hat, Risikoauswahl und Risikomanagement einer externen Stelle zu überlassen. Es wurde nur eine Prüfung durch die Interne Revision angeordnet, die bis 1998 auch jährlich stattgefunden hat.

profil: So komplex die Verträge mit Wolfgang Flöttl ausgestaltet gewesen sein mögen. Die Genesis der Karibik-Geschäfte ist schnell erzählt: Die Bawag hat Flöttl zwischen 1998 und 2000 immer wieder Gelder überantwortet, die er ausnahmslos verspekulierte. Am Ende sollen es mehr als 1,5 Milliarden Euro gewesen sein …
Elsner: Was die Neuinvestitionen 1998 anbelangt, habe ich mich bereits erklärt. 1998 war der erste Totalverlust realisiert. Wir hätten ihn dem Aufsichtsrat in einer Sitzung offenlegen können. Präsident Weninger hatte die Sorge, dass die Information an die Presse rausgeht, weil der Aufsichtsrat notorisch undicht war, was auch zahlreiche Mitglieder des Aufsichtsrats in der Hauptverhandlung bestätigt haben. Nach unseren schrecklichen Erfahrungen des Jahres 1994, wo die Bawag wegen der Vater-Sohn-Geschäfte medial geprügelt wurde und schon ein massiver Run auf die Bank eingesetzt hat, der nur durch die sofortige Rückführung der Gelder eingedämmt werden konnte, hatten wir die Angst, dass die Bawag großen Schaden erleidet oder sogar untergeht. Ausgehend von den Erfahrungen des Jahres 2006 hat der Sachverständige Keppert für die Jahre 1998 und 2000 von einer realen Konkursgefahr gesprochen, wenn die Verluste öffentlich geworden wären. Und mit der Paketlösung des Jahres 1998 hatten wir – auch nach den Gutachten – die realistische Möglichkeit, durch die Sicherheitenverwertung den Verlust 1998 zu reduzieren. Darauf geht das Urteil mit keinem Wort ein. Dass die Optik aus heutiger Sicht alles andere als ideal ist, weiß ich. Auch hier muss man aber die Sicht der Jahre 1998 bis 2000 anwenden und nicht den Rückblick.

profil: Aber irgendwer muss nun einmal für die Verluste einstehen …
Elsner: Die Antwort muss man auf drei Bereiche aufteilen. Erstens: Ich war in der Zeit Vorstandsvorsitzender und trage daher die, wenn man so will, bankpolitische Verantwortung. Die zweite Seite betrifft die Haftungsfrage, die in eigenen Zivilverfahren geklärt wird. Und drittens die Frage der strafrechtlichen Verantwortung. Hier kommt es vor allem auf Schädigungsvorsatz an, den ich nicht hatte. Wir wollten die Verluste wettmachen und nicht neue verursachen.

profil: Wenn Wolfgang Flöttl, wie Sie sagen, unter Missachtung wesentlicher Vertragspunkte die Gelder eigenmächtig veranlagt und in weiterer Folge verspekuliert hat – warum haben Sie ihn zu keiner Zeit angezeigt?
Elsner: Das ist einfach erklärt. 1998 hatten wir absolut keinen Verdacht. Der kam mir erst in der Hauptverhandlung. Warum aber der Staatsanwalt nicht wesentlich härter gegen Flöttl vorgegangen ist, bleibt eine der großen Fragen des Verfahrens. Heute hat die Richterin gesagt, sie könne Flöttl wegen der Unibonds nicht verurteilen, weil die Anklage dafür nichts hergebe. Uns kam der erste Verdacht im Jahr 2000 aufgrund des Geständnisses. Damals wurde eine Anzeige auch gemeinsam mit Präsident Weninger und den anderen Kollegen im Vorstand überlegt. Letztlich haben wir uns entschlossen, davon Abstand zu nehmen. Die Anzeige und damit der Verlust wäre, wie die Erfahrungen 2006 lehren, zwei Tage später in der Zeitung gestanden, womit die Sanierungsbemühungen mithilfe der ÖGB-Garantien gescheitert wären. Also haben wir uns wegen der erforderlichen Diskretion entschlossen, von einer Anzeige gegen Flöttl Abstand zu nehmen, um die Bawag nicht in die Luft zu sprengen. Heute hätte sie uns viel geholfen.

profil: Das mit Abstand größte Rätsel bleibt der Verbleib der Gelder. Haben Sie Flöttl jemals danach gefragt?
Elsner: Ja, natürlich hat mich der Geldverbleib interessiert.

profil: Und was hat er damals gesagt?
Elsner: 1998 habe ich bereits erklärt. Bei der Yen-Option haben sich unsere gemeinsamen Erwartungen nicht erfüllt, die Prämie ging deswegen verloren. Und bei den Unibonds deckte sich seine Erklärung mit dem Geständnis, dessen Inhalt er auch Weninger gegenüber im Vieraugengespräch wiederholte. Er hat gesagt, dass er die in den Verträgen vereinbarte Risikobegrenzung überschritten, alles auf eine Karte gesetzt und so alles verspielt habe.

profil: Heute weiß er all das offenbar nicht mehr so genau. Er war jedenfalls nicht in der Lage, die Zahlungsflüsse offenzulegen, weil seine gesamte Buchhaltung dieser ­Jahre verschwunden sein soll. Glauben Sie ihm das?
Elsner: Nein. Noch unverständlicher ist für mich aber auch hier die Reaktion des Staatsanwalts. Wieso haben bei allen Vorständen Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmen stattgefunden und bei Flöttl nicht? Wieso reiste der Staatsanwalt den Unterlagen Flöttls nach New York und Bratislava nach und ließ sich dort vom Flöttl-Anwalt zensurierte Unterlagen übergeben? Warum wurde mein ASVG-Pensionskonto geöffnet und beschlag­nahmt, wohingegen die Flöttl’schen Millionenkonten trotz mehrerer Beweisanträge unangetastet blieben? Und warum beschafft man sich nicht die Bilanzen der Flöttl-Gesellschaften? Solche und ähnliche Fragen sind im Verfahren zuhauf aufgetreten und unbeantwortet geblieben. Warum? Und dann höre ich heute in der Urteilsbegründung, die Kooperationsbereitschaft Flöttls wäre ein wesentlicher Milderungsgrund. Da kann ich nur lachen …

profil: Flöttl hat immer wieder beteuert, er sei nach Eintreten des Totalverlusts im Jahr 2000 pleite gewesen. Ist Ihnen bekannt, dass er nach Abbruch der Geschäftsbeziehungen zur Bawag Millionendeals mit der Meinl Bank tätigte und dabei immer wieder Sicherheiten aufzubieten imstande war?
Elsner: Nein, es gibt Gerüchte. Teilweise sind Zusammenhänge im Verfahren bekannt geworden und liefern weitere Mosaiksteine, die mich von einer Verschwörung gegen meine Person überzeugen. Das fängt mit dem Grasser’schen Positionspapier an die FMA und Notenbank an, das dem Verdacht der Einflussnahme auf die Untersuchungen Nahrung gibt. Dann gab es den Bootsausflug des Ehepaars Flöttl mit Grasser auf der Meinl-Yacht, obwohl Flöttl im Verfahren angab, seekrank zu werden. Meinl und Flöttl haben denselben Anwalt. Der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Staatsanwaltschaft Wien, Schön, wurde entfernt, weil sich herausgestellt haben soll, dass er in der Kanzlei des Flöttl-Verteidigers Nachhilfeunterricht gegeben habe. Es folgte ein Interventionsversuch Peter Wes­tenthalers bei Justizministerin Gastinger zugunsten Flöttls. Dann Herwig Haidingers (früherer Chef des Bundeskriminalamts, Anm.) E-Mail an Erich Buxbaum (Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Anm.), in dem er erwähnt, dass der Staatsanwalt den Kontakt zu einem Journalisten zugab, was dieser gar nicht bestritt. Dann lehnte ich den Staatsanwalt ab, aber die Oberstaatsanwaltschaft folgte dem Antrag nicht. Sie meinte, es wäre bei einem derartigen öffentlichen Interesse selbstverständlich, dass die Staatsanwaltschaft mit den Medien Kontakt halte. Das heißt aber nichts anderes, als dass sich die Staatsanwaltschaft eine selektive Amtsverschwiegenheit herausnimmt. Dann kommt es zu der berühmten Rauferei, bei der der Sprecher der damaligen Justizministerin, Chris­toph Pöchinger, niedergeschlagen wurde. Und jetzt auf einmal will man wissen, dass Pöchinger den Anklageentwurf weitergegeben hat, und führt ihm gegenüber Vorerhebungen in Linz durch.

profil: Meinen Sie wirklich, dass Flöttl derart viel Einfluss geltend machen konnte?
Elsner: Wie erklären Sie die außergewöhnlich freundliche Behandlung Flöttls im Verfahren? Haben Sie das beobachtet? Legte Flöttl eine für ihn vorteilhafte Urkunde vor, hat man das nicht hinterfragt, insbesondere nicht, wo denn die Urkunde, zum Beispiel eine Taxirechnung aus 1998, plötzlich herkam, nachdem doch alle Unterlagen verloren gegangen sind. Und wenn meine Verteidigung einmal eine Urkunde vorgelegt hat, wurde ich dazu oft stundenlang in besonders aggressiver Weise von Staatsanwaltschaft und Gericht befragt. Viele Prozessbesucher haben auch gemeint, dass die Mimik der Frau Vorsitzenden ihre Voreingenommenheit verraten habe. Leider können Grimassen und auch der Tonfall einer Frage nicht protokolliert werden. Und dann der Freispruch Flöttls bezüglich der Unibonds. Gerade dass sich die Vorsitzende nicht dafür entschuldigt hat, dass Flöttl dafür überhaupt angeklagt war.

profil: Glauben Sie an eine Verschwörung?
Elsner: Der Eindruck liegt sehr nahe. Bankverluste wurden im letzten Jahr fast täglich gemeldet. Kein Bankmanager sitzt in Haft, gegen keinen läuft eine Anklage, obwohl man das Problem, das die Sub­prime-Krise auslöste, mit Hausverstand einfach hätte erkennen können. Der Rückgang von Grundstückswerten bei gleichzeitiger Zinssteigerung führt zu einem Besicherungsdefizit und damit zu Kreditausfällen. Auch die neue Bawag hat für 2007 Verluste von fast 400 Millionen Euro eingefahren, deren Hintergrund die Öffentlichkeit offenbar nicht interessiert, weil die Bawag einem Hedgefonds und nicht mehr dem ÖGB gehört. Ich habe mit Herrn Nowotny (Ewald Nowotny, Elsner-Nachnachfolger, Anm.) noch bis in den März 2006 laufenden, durchaus sehr freundlichen telefonischen Kontakt gehalten, obwohl er jedenfalls seit Ende 2005 von den Verlusten wusste. Auch er hat den Aufsichtsrat über Monate hindurch nicht informiert. Er hat mir gesagt, ich bräuchte mir keine Sorgen machen und solle die Sonne Südfrankreichs genießen. Dann gab es die Sitzung mit dem SPÖ-Medienberater, von der Nakowitz in der Hauptverhandlung berichtete, in der ein Ausweg gesucht worden ist, die Angriffe gegen ÖGB und SPÖ wegen der Bawag vom Tisch zu bekommen. Die Nationalratswahl stand ja bevor. Und dort wurde beschlossen, den Fall zu kriminalisieren und mich zum Sündenbock zu machen. Nach intensiver Befragung durch meinen Verteidiger hat auch Nowotny diesen Sitzungsverlauf nicht mehr bestritten. Ab dann lief die Propagandamaschine gegen mich. Man muss anerkennen: perfekt und mit dem bekannten Ergebnis, die SPÖ hat die Wahl gewonnen. Absurde Gerüchte, wie unser Hund trage Hermès-Halstücher oder ich ziehe mit einem Wasserbett durchs Land, wurden in die Welt gesetzt und brav geschrieben. Protokolle, Beschlagnahmebeschlüsse und andere streng vertrauliche Inhalte des Strafaktes wurden an eine Wochenzeitung weitergegeben, die den Haftgrund lieferte, bevor das Blatt zu kaufen war. Und Wochen später durfte von dieser Zeitung die Anklageschrift als Sonderbeilage veröffentlicht werden, bevor sie den Angeklagten zugestellt wurde. Dann die rasche Anklage. Kennen Sie einen Strafakt, dessen Volumen sich von der Anklage bis zum Urteil von 50.000 auf fast 250.000 Seiten verfünffacht hat? Und da soll man an keine Verschwörung glauben?

profil: Die Staatsanwaltschaft hat viel Mühe auf den Nachweis verwendet, dass die Bawag Flöttl nach Eintreten der ersten Verluste 1998 den ominösen Ophelia-Kredit zukommen hat lassen, obwohl Sie wissen mussten, dass er diesen sehr wahrscheinlich nicht zurückzahlen können würde. Flöttl hat jedenfalls im Rahmen seines Geständnisses im Jänner dieses Jahres gemeint: „Zum Zeitpunkt der Geldannahme konnte ich nicht sicher sein, dass ich das zurückzahlen kann.“ Sie meinten in Ihrer Replik, er lüge, dass sich die Balken bögen. Ich frage Sie daher noch einmal in aller Deutlichkeit: Hat die Bawag Wolfgang Flöttl 1998 wider besseres Wissen einen Betriebsmittelkredit über 90 Millionen Dollar gewährt?
Elsner: Die Sache ist einfach. Der Verlust 1998 stand. Flöttl war bereit, Vermögenswerte herzugeben, aber nur dann, wenn er frisches Geld bekäme, um überleben zu können. Selbst ex post betrachtet, haben sich die Werte und ihm gegebenen Gelder nach den Gutachten ausgeglichen. Der Verlust wurde dadurch also nicht größer. Wir haben damals jedenfalls das Potenzial gesehen, durch schrittweisen Sicherheitenverkauf wesentlich mehr zu erlösen, als dann tatsächlich realisiert worden ist, und damit den Verlust 1998 zu verringern. Deshalb halte ich den neuen Kredit auch heute für vertretbar. Ganz abgesehen davon, dass ich davon überzeugt war, Flöttl werde ihn zurückzahlen.

profil: Verstehe ich Sie richtig? Sie waren damals trotz der fehlgeschlagenen Spekulationen von Flöttls Bonität überzeugt?
Elsner: Die Bonität war sicher nicht der entscheidende Faktor, sondern die Möglichkeit, durch die Paketlösung 1998/99 den realisierten Verlust zu verringern.

profil: Der Prozess wurde gegen Ende immer mehr von der Auseinandersetzung Elsner – Flöttl bestimmt. Sie sind in wesentlichen Punkten nicht nur nicht einer Meinung gewesen, sie argumentierten vielmehr diametral konträr. Nun ist es zwar so, dass Angeklagte in Strafverfahren nicht die Wahrheit ­sagen müssen. Andererseits heißt das aber auch, dass einer von Ihnen beiden lügt. Wer?
Elsner: Welche Antwort erwarten Sie von mir auf diese Frage? Ich natürlich nicht!

profil: Sie werden mir zugestehen, dass Sie mit dieser Haltung allein auf weiter Flur sind. Das Gericht und die Staatsanwaltschaft haben Ihnen im Verfahren nur bedingt Glauben geschenkt wie große Teile der interessierten Öffentlichkeit, das Gericht in der Urteilsbegründung gar nicht. Genau genommen forderte man Ihren Kopf. Wie gehen Sie damit um?
Elsner: Ich freue mich, dass Sie den Prozessverlauf auch so wahrgenommen haben. Das zeugt davon, mit welcher Voreingenommenheit man mir begegnet. Mein Verteidiger hat in seinem Plädoyer gesagt, mir gegenüber läge eine Vorverurteilung vor, wie sie in Österreich zuvor noch nie vorgekommen ist. Vergleichen Sie bitte die Berichterstattung der letzten Wochen zum Fall in Amstetten mit der Medienhetze gegen mich. Ich habe angeblich Geld veruntreut, in Amstetten wurden Menschen über Jahrzehnte in einem Kellerverlies gehalten und in der Zeit hunderte Male sexuell missbraucht. Und dann stellen Sie sich noch vor, sie sitzen als unbefangener Bürger zu Hause, hören Radio, sehen fern und lesen Zeitung und wissen noch nicht, dass Sie einmal Richter oder Schöffe gegen mich sein werden. Glauben Sie wirklich, Sie können das, was Sie über mich gelesen und gehört haben, ausblenden und zu einer unvoreingenommenen Meinung finden? Ich nicht.

profil: Die Enthaftungsanträge Ihres Anwalts wurden ebenso abgeschmettert wie dutzende Beweisanträge. Ihre Frau hat dazu jüngst in einem profil-Interview gemeint, sie habe jeden Glauben an den Rechtsstaat verloren. Wie steht es mit Ihnen?
Elsner: Ich teile ihre Meinung, in der mich das heutige Urteil bekräftigt.

profil: Verstehe ich Sie richtig: Das Verfahren hat mit einem Schuldspruch geendet, ein Justizirrtum?
Elsner: Ja und nein zugleich, wenn Medien und Politik dem Kapitän das Ruder wegnehmen, dann wundere ich mich nicht, wenn das Schiff gegen einen Eisberg fährt.

profil: Sie haben sich im Prozessverlauf mit Staatsanwalt, Richterin und Gutachter angelegt. Ist das taktisch wirklich schlau gewesen?
Elsner: Das war wohl Folge meiner psychischen Belastung und auch der Art der Fragestellung, die ich vielfach als respektlos jemandem gegen­über empfunden habe, der nach dem Gesetz als unschuldig zu gelten hat. Überhaupt haben ich und auch andere im Gerichtssaal den Eindruck gewonnen, dass sowohl dem Herrn Staatsanwalt als auch der Frau Vorsitzenden Populismus durchaus willkommen ist.

profil: Ihre Verantwortung vor Gericht legt den Schluss nahe, dass Sie, bekämen Sie eine zweite Chance, wieder alles so machen würden, weil Sie keine Schuld trifft …
Elsner: Ganz im Gegenteil: Ich habe 1995 eigentlich die Absicht gehabt, die Bank zu verlassen, in Pension zu gehen und ganz etwas anderes zu machen. Ich habe mich um den Job des Generaldirektors nicht beworben, sondern wurde vom Eigentümer darum gebeten. Natürlich war es für mich eine ehrenvolle Aufgabe, die ich gerne übernommen habe. Mit heutigem Kenntnisstand wäre es besser gewesen, damals in den Ruhestand zu treten.

profil: Ihr Anwalt hat gegen das Urteil Rechtsmittel angemeldet. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Elsner: Sehr gut. Mein Verteidiger hat die Nichtigkeitsgründe schon während des gesamten Verfahrens penibel dokumentiert und kann darauf in der Berufung zurückgreifen.

profil: Sie haben sich in der Untersuchungshaft einer Herzoperation unterziehen müssen. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Elsner: Es gab eine Phase, da ging es mir leidlich gut. Seit einigen Wochen leide ich wieder unter Schmerzen in der Brust, zeitweiliger Atemnot und zum Teil extrem stark geschwollenen Beinen.

profil: Und psychisch?
Elsner: Natürlich war das ganze Verfahren eine Belas­tung. Allein das stundenlange Sitzen auf der hölzernen Anklagebank ist auch mental extrem anstrengend, noch dazu unter dem Stress der Befragungen und unter Berücksichtigung von Gesundheit und Alter. Aber ich bin ein Kämpfer und erhalte viel Kraft durch meine Frau, die mich aufrecht hält.

profil: Wie verbringen Sie die verhandlungsfreie Zeit?
Elsner: Mit Lesen und Musik.

profil: Wovon träumen Sie nachts?
Elsner: Von gar nichts, ich schlafe traumlos, weil ich Schlafmittel erhalte.

profil: Wie werden Sie in der Haft behandelt?
Elsner: Bis auf einen einzigen Beamten behandeln mich alle zuvorkommend und mit einer Freundlichkeit, die mir den Aufenthalt im Gefängnis erleichtert.

profil: Ihr Tagesrhythmus unterscheidet sich doch sehr von jenem, den Sie vor der Verhaftung hatten. Kann man sich daran überhaupt gewöhnen?
Elsner: Nein.

Interview: Michael Nikbakhsh