Herr Markovics, muss sich die Filmbranche selbst feiern?

Schauspieler und Regisseur Karl Markovics, Präsident der Akademie des Österreichischen Films, über die Probleme der Branche, gefördertes Mittelmaß und Michael Hanekes Nichtnominierung bei der am 23. Jänner im Wiener Rathaus stattfindenden Filmpreis-Gala 2013.

Interview: Stephan Wabl

profil: Die Diagonale verleiht zahlreiche Preise, die Viennale vergibt den Wiener Filmpreis. Braucht es denn überhaupt noch einen Österreichischen Filmpreis?

Markovics: Unbedingt. Diese beiden Festivals ziehen vor allem Cinephile an, die Filme werden so oft nur von einem kleinen Publikum wahrgenommen. Wir aber möchten eine ganze Branche und ihre Arbeit ins öffentliche Licht rücken, über die von der „Kronen Zeitung“ bis zum ORF berichtet wird. Dadurch soll ein neues Publikum für den heimischen Film angesprochen werden.

profil: Der Preis versteht sich als „Ehrenpreis von Filmschaffenden für Filmschaffende“. Feiert sich hier in Wahrheit nicht einfach eine Branche selbst?

Markovics: Natürlich, das ist auch Sinn und Zweck der Sache. Hierzulande neigt man dazu, seine Arbeit und Erfolge zu verstecken. In Österreich, das vor 40 Jahren noch ein Filmniemandsland war, entstehen Jahr für Jahr hervorragende Produktionen in allen Genres. Das darf man ruhig feiern!

profil: Michael Hanekes „Amour“ ist jedoch nicht nominiert, da die Produzenten den Film nicht eingereicht haben. Ist es nicht skurril, dass „Amour“ trotz fünf Oscar-Nominierungen bei Ihnen nicht vertreten sein wird?

Markovics: Ja, das Bild mag etwas schief aussehen, aber das ist beim Film nichts Ungewöhnliches. Dass „Amour“ nicht dabei ist, liegt nicht an uns. Auf der anderen Seite ist dadurch der Blick freier für die vielen anderen guten Filme, die im letzten Jahr gemacht wurden.

profil: Hanekes Welterfolg wird als Triumph des österreichischen Films verkauft. „Amour“ wurde jedoch nur zu 20 Prozent aus heimischen Fördertöpfen finanziert. Ist das nicht scheinheilig?

Markovics: Als kritischer Mensch kann man das sicher so sehen. Es ist aber normal, dass man sich auf diese Erfolge stürzt und sie in gewisser Weise auch vereinnahmt. Wenn dadurch allerdings der österreichische Film im Allgemeinen profitiert, kann das auch positive Seiten haben.

profil: Heuer gibt es erstmals einen Preis für den besten Kurzfilm. Tatsächlich können sich nur wenige Nachwuchsfilmemacher in der Branche etablieren und von ihrer Arbeit leben. Kommt in Österreich die Nachwuchsförderung zu kurz?

Markovics: Die Budgetsituation ist in den letzten Jahren zwar besser geworden, aber Filme zu finanzieren, ist nach wie vor nicht leicht – besonders für junge Filmemacher. Aber ausgezeichnete Kurzfilme schaffen die Möglichkeit, beim nächsten Mal bessere Bedingungen zu bekommen. Dazu trägt auch unser Kurzfilmpreis bei: Er soll die Wahrnehmung für Nachwuchstalente erhöhen und diese einen Schritt näher an einen Langspielfilm und die Branche führen.

profil: Der Österreichische Filmpreis ist nicht dotiert. Wäre es nicht sinnvoll, zumindest den Kurzfilmpreis mit der Möglichkeit zu verbinden, mit etablierten Produzenten ein nächstes Projekt umsetzen zu können?

Markovics: Ja, natürlich. Aber dafür fehlt im Moment ganz einfach das Budget. Wir finanzieren uns zum Großteil über Mitgliedsbeiträge und öffentliche Gelder. Sponsoren sind seit der Finanzkrise sehr zurückhaltend, das sieht man auch an den reduzierten Unterstützungen für heimische Filmfestivals. Eine solche Möglichkeit wäre toll, wird jedoch noch eine Zeitlang am Wunschzettel bleiben.

profil: Daniel Hoesls Spielfilmdebüt „Soldate Jeannette", das kürzlich beim Sundance-Filmfestival Premiere hatte , ist eine Low-Budget-Produktion ohne Drehbuch. Dafür größere Förderungen zu bekommen, sei aussichtlos gewesen, sagt Hoesl. Die Strukturen förderten lieber kalkulierbares Mittelmaß. Sehen Sie das auch so?

Markovics: Förderstellen brauchen Kriterien, um die vorgelegten Projekte beurteilen zu können. Meistens gibt es ohnedies mehr Nieten als Treffer, daher kann ich eine gewisse Vorsicht nachvollziehen. Man muss damit leben, dass dabei auch Mittelmaß produziert wird. Das ist aber nicht nur in Österreich der Fall, sondern zum Beispiel auch in Frankreich oder den USA. Strukturen sind nie perfekt. Es gibt jedoch immer wieder ungewöhnliche Filme, die es auch bei den Förderstellen schaffen. Der Weg dorthin ist mühsam, dabei trennt sich allerdings auch die Spreu vom Weizen.

profil: Aber selbst für den Weizen ist es schwierig, dauerhaft vom Filmemachen leben zu können.

Markovics: Ganz ehrlich, die Kunst wird nie anders existieren können. Kunst braucht einen Widerstand, den es zu überwinden gilt. Dass man sich irgendwann fragen muss, ob sich das alles finanziell ausgeht, ist klar. Die Arbeitsumstände in der Kunst, in der Filmbranche, sind schwierig und werden sicher nicht leichter. Aber ein langer Atem gehört dazu.