Himmelfahrtskommandos

Worin besteht eigentlich jenes gemeinsame christliche Weltbild, das die Gemeinschaft der guten Europäer nun beschwört?

Christi Himmelfahrt vorbei, Katholikentag in Mariazell auch, Pfingsten im Anrollen, Gott in die Verfassung (und zwar möglichst in die österreichische wie auch die europäische), ein EU-Wahlkampf gegen die Türkei, Mölzer „für ein christliches Abendland und gegen die zionistische Gewaltpolitik“. Es gibt offenbar ein paar Anlässe, um jenes gemeinsame christliche Weltbild zu hinterfragen, für das man derzeit optieren muss, um als guter Europäer durchzugehen.

Ist es also tatsächlich so, dass ein durchschnittlicher Österreicher einem Andreas Mölzer ähnlicher sein muss als einem typischen Türken, einem echten Inder oder einem originären Japaner, damit er genau das sein darf: nämlich ein durchschnittlicher Österreicher?

Man braucht gar nicht bis zu Andreas Mölzer gehen, der Österreich – mit ein wenig Glück bei den Vorzugsstimmen – bald als Repräsentant des Vizekanzlers im europäischen Parlament vertreten wird. Auch die Volkspartei beruft sich bei allen erdenklichen Gelegenheiten auf das christliche Fundament der Republik. Chefideologe Andreas Khol, privat eigentlich ein recht toleranter Geselle, verlangt nachhaltig einen „Gottesbezug“ in der neuen Verfassung. (Stimmt: Er versichert, dass er niemals einen Bezug „zum Christentum“ verlangt hat. Nur, was soll das heißen? Will er stattdessen die Religion der Scheichs und der Kameltreiber als das Gemeinsame der Österreicher verankert wissen?)

Aber: Warum neben den Freiheitlichen nur die ÖVP bemühen? Alfred Gusenbauer ist bekennender Katholik. Wäre er Kanzler geworden, hätte er sogar geheiratet (sagte er damals). Vergangene Woche besuchte er kameragerecht den Katholikentag in Mariazell.

Und Alexander Van der Bellen? Der ist als einziger Parteichef Agnostiker.
Seine Partei teilt diese indifferente Haltung gegenüber Religionen aber nicht: In einer europaweit ungekannten Konstellation haben sich sämtliche Parteien auf einen einheitlichen Kurs gegenüber der Türkei begeben: kein EU-Beitritt in absehbarer Zeit. Grund dafür ist natürlich weder die formal nicht europäische geografische Positionierung des Landes noch die bäuerliche Struktur der Bevölkerung. Vielmehr wären die Türken eben nicht christliche, sondern moslemische Europäer. Und solche will kein österreichischer Politiker seinen Wählern zumuten – und folgerichtig nicht dem gemeinsamen „christlichen Weltbild“.

Was also konstituiert dieses christliche Weltbild? Am Beispiel der Feierlichkeiten dieser Tage: Ist es der Glaube an die körperliche Himmelfahrt Jesu sowie an die physikalisch messbare Materialisierung des Heiligen Geistes? Für ein derartiges Bekenntnis gibt es sicher keine Mehrheit unter den Österreichern. Oder ist es der Glaube an die jüngst höchstamtlich festgestellte Wunderwirkung Kaiser Karls in Form einer Heilung von Krampfadern? Da existiert auch keine einheitliche abendländische Meinungsbildung.

In Wahrheit ist es wohl so, dass die große Mehrheit der österreichischen Christen unter Gott nicht mehr versteht als etwas nebulos Transzendentes. Und Jesus wird eher als eine ausnehmend positive Figur der Geschichte gesehen denn als die physische Frucht jener transzendenten Wirklichkeit.

Damit unterscheidet sich der durchschnittliche österreichische Glaubensinhalt aber nicht nachhaltig von dem eines Hindus, eines Buddhisten – oder eines (bösen!) Moslems.

Freilich zielt die Beschwörung des christlichen Abendlandes ohnehin nicht unbedingt auf die Glaubensinhalte, sondern vielmehr auf Gesellschaftsformen, die mit der christlichen Religion einhergekommen sind.

In diesem Kontext fällt es aber beinahe noch schwerer, eine einheitliche Faktenlage herauszudestillieren. Wer zum Beispiel behauptet, das Christentum sei – im Gegensatz zu islamischen Herrschaftssystemen – die Basis demokratischer europäischer Entwicklungen gewesen, wird sich mit diesem Konstrukt lächerlich machen. Es waren gerade die streng katholischen Staaten Spanien und Portugal, in denen sich die Diktaturen am längsten halten konnten (ein Muster, das sich in Südamerika wiederholte). Auch die erzkatholische Monarchie mit Sitz in Wien war bis zu ihrem unrühmlichen Ende eher ein Hort der politischen Verkorkstheit als eines demokratischen Staatswesens.

Ebenso wenig wird man die katholische Kirche – etwa als Kontrapunkt zum Islam – als Wegbereiterin der Gleichberechtigung von Mann und Frau dingfest machen können. Diese Gleichstellung kommt gegen den Widerstand eines abendländischen Weltbildes bis heute recht mühsam voran: Was den patriarchalischen Unterbau betrifft, haben sich Christentum und Islam wechselseitig wenig vorzuwerfen.

Was also ist das einheitliche Weltbild des christlichen Europa? Es ist eine politische Floskel. Es ist eine Schimäre.