Hinter verschlossenen Türen

Bei der Klausur anlässlich ihres einjährigen Bestehens fasste die Bundesregierung einen eminent wichtigen Beschluss.

Im Nachhinein war nicht mehr zu eruieren, wer denn diesen Antrag überhaupt gestellt hatte.

Erwin Buchinger lenkte den Verdacht sofort auf Martin Bartenstein. Der versicherte jedoch glaubhaft, im fraglichen Moment zwar – wie immer, wenn er die körperliche Präsenz von Norbert Darabos spürte – neben seinen Schuhen, aber dennoch fest zu seinen Prinzipien gestanden zu sein.

Auch der sachdienliche Hinweis von Günther Platter, er habe auf dem Dienstweg von einem Mail Kenntnis erhalten, in dem Maria Berger ihrem Parteivorsitzenden für die Klausur eine geharnischte Überraschung in Aussicht gestellt habe, war letztlich nicht zielführend. Berger legte überzeugend dar, dass sie damit keineswegs den inkriminierten Antrag gemeint habe, sondern vielmehr ankündigen wollte, dass sie das zur Debatte stehende Reformpapier zur Lehrlingsausbildung auch tatsächlich gelesen habe.

Jedenfalls war der Antrag nun einmal da, und irgendeine Behandlung musste man ihm angedeihen lassen.

Ursula Plassnik entschied sich in der Sekunde für eine stiefmütterliche. Und widmete sich lieber einer Frage, die sie seit Tagen quälte: Würden sich Brokkoli-Röschen oder doch eine simple Leberkäsesemmel auf ihren Schuhen besser machen? Und wäre es angebracht, Zweitere bei einem Staatsbesuch im Iran zu tragen – zumindest, sofern der Bundeskanzler auch mit wäre und dann als Chef (Ursula lachte lautlos in sich hinein, als ihr dieses Wort in den Sinn kam) Erklärungsbedarf für diesen interkulturellen Affront hätte?

Werner Faymann wiederum war auch nicht ganz bei der Sache, grübelte er doch energisch darüber nach, ob ihn Hans Dichand eher als logischen Nachfolger des Bundeskanzlers oder des Wiener Bürgermeisters sah. Natürlich traute er sich selbst beides zu – nicht erst, seit er heute morgen beim Blick in den Spiegel von der Schärfe seines eigenen Scheitels über die Maßen beeindruckt worden war. Er hatte auch schon einmal versucht, sich in dieser Causa jemandem anzuvertrauen – aber die Reaktion Alfred Gusenbauers sprach eher dafür, dass Faymann knapp vor der nächsten Wahl in den Asfinag-Vorstand wechseln müssen würde, um knapp nach der Wahl wieder hinausgeworfen werden zu können.

Johannes Hahn beriet in der Zwischenzeit mit Andrea Kdolsky, was nun zu tun sei. Man müsse sich nur an Machiavelli halten, flüsterte er ihr eindringlich zu – was sie zu sanftem Kopfschütteln veranlasste, denn der konnte doch bitte weder mit Versace noch mit Armani mithalten. Und überhaupt, fuhr Hahn fort, sei es doch wohl denkunmöglich, mit Claudia Schmied auf ein Bier zu gehen, oder? Andrea dachte zwar, egal, ob Schmied, Berger oder Bures – Hauptsache Bier. Sie sagte aber nichts. Das war hier ja schließlich nicht Ö3.

Norbert Darabos fixierte Günther Platter, weil er hoffte, irgendwie zu erkennen, was der Innenminister mit den besonderen Qualitäten in dieser kritischen Situation dachte. Aus Erfahrung tippte er zwar auf „Nicht viel“, aber schließlich musste man immer auf der Hut sein. Feindbeobachtung, das wusste der Verteidigungsminister seit seiner unangekündigten Inspektion der Gulaschkanone des Panzerstabsbataillons Hörsching, war das A und O der Kriegsführung, durchaus auch der psychologischen.

Günther Platter wiederum sah seinerseits Norbert Darabos an und dachte: „An diese Brille werde ich mich nie gewöhnen. Was denkt der sich nur?“

Erwin Buchinger war von dem Antrag auch deshalb so unangenehm berührt, weil er, nachdem er zu Sitzungsbeginn mit einem Mal seine eigene Pflegeregelung verstanden hatte, den endlich wieder freien Kopf zur Beantwortung der Frage nützen wollte, ob er eigentlich jemals irgendwen weniger leiden hatte können als Erwin Pröll. Ausgenommen Martin Bartenstein natürlich. Nachdem er Idi Amin, Pol Pot und Lothar Matthäus wieder verworfen hatte, wusste er, wie er abstimmen musste. Das war einfach eine Herzensangelegenheit. Und ja, bei der SPÖ hatte man noch Herz.
Willi Molterer konnte sich nicht erinnern, sich jemals unwohler gefühlt zu haben als jetzt. Sicher, als ihm Wolfgang Schüssel zum ersten Mal auf dem Cello vorgespielt hatte, das war auch eine Grenzerfahrung gewesen. Aber nichts im Vergleich zu dem hier. Wenn jetzt ein Fehler passierte, war die Arbeit eines ganzen Jahres umsonst, die ausgeklügelte Taktik beim Teufel, und die Partei würde wieder bei null beginnen müssen.

Er konnte nur hoffen und beten, dass alle wussten, was es geschlagen hatte, und sich dementsprechend klug verhielten.

Alfred Gusenbauer atmete tiefer durch als damals angesichts des Blaufränkischen zum Red Snapper. Es war an der Zeit, zu einer Entscheidung zu kommen – was ihm, wie immer, schon per se ein Gräuel war. Und dieser Moment würde noch dazu historische Bedeutung erlangen – so oder so.
Also sagte er düster: „Der Antrag lautet: Mehr arbeiten – weniger streiten. Wer ist dafür?“

Wie auf Kommando hob sich keine einzige Hand.
Der Tag war gerettet.