Hintergründe der Ernährungskrise

Ernährung. Bevölkerungswachstum, Wohlstand, alternative Energieträger: die wahren Hintergründe der weltweiten Nahrungsmittelkrise. Liegt die Lösung in der Entwicklung neuer ertragreicherer Pflanzensorten oder gar in der grünen Gentechnik?

Die Bilder gehen um die Welt: In Dakar hat ein Mann die Worte „We are hungry“ auf einen weißen Umhang gemalt, in Manila hält eine Frau Kochgeschirr in die Luft, das mit Parolen wie „We are starving“ beschriftet ist. Senegal, Philippinen, Südafrika, Russland – überall das gleiche Bild: Menschen, die sich Lebensmittel nicht mehr leisten können, gehen auf die Straße. In Haiti, einem der ärmsten Länder der Welt, starb ein halbes Dutzend Demonstranten und Plünderer bei Zusammenstößen mit der Polizei.
Der Direktor der UN-Umweltbehörde UNEP, Achim Steiner, rechnet mit einer weiteren Verschärfung der Krise: „Wir haben auf den Weltmärkten einen Preiszuwachs bei Lebensmitteln, der die Grundversorgung von hunderten Millionen Menschen bedroht“, sagte Steiner jüngst in Paris. Der besorgniserregende Trend zu eskalierenden Nahrungsmittelpreisen „wird uns noch lange, lange beschäftigen“. Betroffen wären vor allem die Länder Somalia, Sudan, Simbabwe, Demokratische Republik Kongo, Afghanistan und Haiti. In Nordkorea, wo schon jetzt Millionen Menschen hungern, drohe überhaupt eine Katastrophe.

Am Dienstag vergangener Woche richteten UN-General Ban Ki-moon sowie Weltbankpräsident Robert Zoellick anläss­lich eines Treffens der Chefs aller UN-Teilorganisationen in Bern einen dringenden Appell an die reichen Länder, mehr Geld im Kampf gegen die weltweite Nahrungsmittelkrise zur Verfügung zu stellen. Die Vereinten Nationen wollen für diesen Zweck rasch 2,7 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen, als Soforthilfe sollen die bereits im Welternährungsprogramm geforderten 755 Millionen Dollar (485 Millionen Euro) bereitgestellt werden. Aber was steckt wirklich hinter den exorbitanten Preissteigerungen? Werden Nahrungsmittel gehortet? Sind es Spekulationsgeschäfte? Oder gibt es ganz andere Gründe? Und vor allem: Wie könnte man der Krise Herr werden? Wären neue, ertragreichere Züchtungen oder gentechnisch veränderte Pflanzen eine probate Lösung? Braucht die Welt eine neue grüne Revolution? – Das Problem ist zu komplex, um darauf eine einfache Antwort zu geben. Markus Hofreither, Vorstand des Instituts für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Wiener Universität für Bodenkultur, sieht als Ursache der Krise weniger die Geschäfte international tätiger Investmenthäuser und Hedgefonds als vielmehr „langfristige Nachfragefaktoren“. Zum einen die rasch weiter wachsende Weltbevölkerung. In den kommenden 20 Jahren wird die Zahl der Erdenbewohner nach Berechnungen der Vereinten Nationen jährlich um etwa 100 Millionen steigen. 95 Prozent davon werden in den Entwicklungsländern zur Welt kommen, wo es teilweise schon jetzt drückende Ernä­h­rungsprobleme gibt. Diese Entwicklung war vorherzusehen, weil Bevölkerungsprognosen klare Vorhersagen sind.

Schwellenländer. Ein zweiter Punkt sind die geänderten Ernährungsgewohnheiten in wohlhabenderen Schwellenländern. Ab einem Jahres-Pro-Kopf-Einkommen von etwa 1000 Euro wollen die Menschen sich nicht mehr von Reis allein ernähren, sie ­essen mehr Fleisch. Anfang der achtziger Jahre aß der Durchschnitts-Chinese 20 ­Kilogramm Fleisch pro Jahr. In den Jahren 2006/07 betrug der Jahreskonsum bereits 50 Kilogramm. Um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren, benötigt man aber durchschnittlich acht Kilogramm Getreide, bei Geflügel sind es fünf, bei Rindfleisch zehn Kilogramm. Der dritte Punkt ist, dass der weltweite Verbrauch an Agrarprodukten in den vergangenen acht Jahren größer war als die produzierte Menge. Als Folge davon sind die Getreidebestände zurückgegangen – auf den niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Wenn die Nachfrage steigt und die Vorräte zurückgehen, kommt es leicht zu Engpässen, insbesondere dann, wenn das Gut zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre so ungleich verteilt ist. Und als vierten Punkt nennt Hofreither den Biosprit. „Mit den derzeit eingesetzten Rohstoffen ist das ein absoluter Schlag ins Wasser“, sagt der Experte. Denn wenn bei Nahrungsmittelknappheit Agrarflächen für den Anbau von Biospritgetreide abgezweigt werden, dann entsteht eine Flächenkonkurrenz, welche die Verknappung von Nahrungsmitteln weiter verschärft. Bei hohen Spritpreisen versuchen die Produzenten, rasch zusätzliche Flächen zu gewinnen, indem sie beispielsweise in Brasilien noch mehr Regenwaldflächen roden, um dort Biospritpflanzen anzubauen. Im Falle des Verlusts von Waldflächen sei die CO2-Bilanz „absolut katas­trophal“, so der Experte. Durch die Rodung eines Hektars Regenwald werden einmalig bis zu 1100 Tonnen CO2 freigesetzt, um durch den Anbau von Biospritpflanzen jährlich etwa zwei Tonnen CO2 pro Hektar einzusparen.

Die Politik wirkt an diesem Schildbürgerstreich kräftig mit: Sowohl die USA als auch die EU wollen große Mengen fossilen Treibstoffs durch Biosprit ersetzen. Die USA haben per Gesetz festgelegt, dass sie bis zum Jahr 2020 jährlich 20 Milliarden Gallonen (56 Milliarden Liter) Biotreibstoff produzieren. Zu diesem Zweck müss­ten sie ihre Maisexporte um ein Drittel zurückfahren. Durch die Verknappung steigen die Getreidepreise. Und die Förderung des Baus von mehr als 100 Ethanolfabriken durch die US-Regierung gibt einen zusätzlichen Impuls für Preissteigerungen beim Treibstoff. „Da von Spekulation zu sprechen, verfehlt den Punkt“, sagt Hofreither. „Wir müssen aus dieser Form der Biosprit­erzeugung rasch wieder heraus. Aber das ist schwierig, weil sie über politische Prozesse abgesichert ist.“

Unterdessen intensivieren Pflanzen- forscher weltweit ihre Be­mühungen, die Nahrungsmittelproduktion zu steigern. Eine Wissenschaftergruppe des Internationalen Kartoffelforschungsinstituts in der peruanischen Hauptstadt Lima hat das Genom von mehr als 4300 Kartoffelsorten katalogisiert, um daraus Pflanzen zu züchten, die selbst unter extremen Bedingungen gedeihen. Eine unter dem Namen „Research for Development Forum“ (DEV-Forum) firmierende Wissenschaftergruppe der Wiener Universität für Bodenkultur hat es sich zum Ziel gesetzt, die Nahrungsmittel­produktion in Afrika zu steigern, „das aber nachhaltig“, betont Forum-Sprecher Michael Hauser. In Afrika machen die Hektarerträge oft nur ein Zehntel dessen aus, was auf europäischen Agrarflächen produziert wird. Ein Drittel der Böden sind de­gradiert, in kaum einer anderen Weltgegend gibt es eine derart geringe Bodenfruchtbarkeit wie in afrikanischen Ländern. Der Grund dafür ist die nicht adäquate Bodenbewirtschaftung, wie etwa Überweidung oder das Nicht-bedeckt-Halten der Böden, sodass diese Sonne, Wind und Wetter völlig ungeschützt ausgeliefert sind. Dadurch kommt es zu einer massiven Auswaschung von Nährstoffen, wie etwa rund um den Viktoriasee krass zu beobachten ist. Während die globale Produktivität im Agrarbereich in den vergangenen zehn Jahren um zehn bis 15 Prozent angestiegen ist, geht die Nahrungsmittelproduktion in Afrika zurück. Dazu kommen Probleme des Klimawandels und die zunehmende Landflucht. Wenn aber die Menschen in die Städte drängen, können sie die benötigten Nahrungsmittel nicht mehr selbst produzieren, sondern müssen sie kaufen. Daher kommt es auch in Afrika zu einer Änderung des Ernährungsverhaltens, was ein Bündel neuer Probleme schafft.

Alternativen. Die DEV-Forscher versuchen, Alternativen zur bedingungslosen Ertragssteigerung aufzuzeigen. „Wir haben aus der grünen Revolution mit ihrem hohen Einsatz an Pestiziden und Herbiziden gelernt“, erklärt Hauser. „Wir intensivieren, aber unter Berücksichtigung der Bodenfruchtbarkeit.“ Eine im Vorjahr in 17 afrikanischen Ländern durchgeführte Umfrage, inwieweit eine an lokale Bedingungen angepasste Landwirtschaft zur Ertragssteigerung beitragen könne, hat ergeben, dass das bei besserem Management durchaus möglich wäre. Bei einer von den DEV-Forschern durchgeführten Studie wurde am Beispiel Weizen und Mais getestet, welche Produktionsform in Afrika zielführender ist: herkömmlicher Anbau, Einsatz von Düngemitteln oder von Kompost. Ergebnis: Während bei herkömmlicher Anbauart ein Hektarertrag von 650 bis 700 Kilogramm erzielt wurde, waren es in der Düngemittelgruppe 1200 und in der Kompostgruppe 2000 Kilogramm. „Der Kompost revitalisiert den Boden als Ökosystem“, erklärt Hauser. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt das „Africa Biofortified Sorghum“-Projekt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, mithilfe der Gentechnik eine neue „Superhirse“ zu kreieren. Die neue Sorte soll mehr Vitamine und Spurenelemente sowie essenzielle Aminosäuren enthalten und darüber hinaus nahrhafter sein als herkömmliche Hirse. „Die Superhirse kann die Gesundheit von Millionen Afrikanern nachhaltig verbessern“, zitierte das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vorvergangene Woche die Projektleiterin Florence Wambugu von der Organisation Africa Harvest. Und noch etwas versprach Wambugu: Die neue Superpflanze werde selbst dort wachsen, wo „Nahrungsmittelhilfen nur schwer hingelangen“.

Genau das, befürchten Kritiker, werde aber nach bisherigen Erfahrungen nicht passieren. Zwar wächst weltweit die An­baufläche für gentechnisch veränderte Pflanzen mit zweistelligen jährlichen Zuwachsraten, aber ganze vier Pflanzenarten – Baumwolle, Mais, Raps und Soja – machen bisher mehr als 99 Prozent der transgenen Pflanzen aus (siehe Karte auf Seite 112). Solche Gewächse werden von Agrarkonzernen wie Monsanto oder Syngenta für die industrielle Landwirtschaft entwickelt. Die hohen Entwicklungskosten rechnen sich nur, wenn die Kunden beständig das patentierte Saatgut kaufen. Für die Kleinbauern in Afrika und Asien sind diese Pflanzen vorerst nicht gedacht.

Tropenpflanzen. Peter Hefner, Sprecher von Syngenta Deutschland, widerspricht: Gemäß der Unternehmensphilosophie verfolge Syngenta die Weiterentwicklung und den Einsatz aller verfügbaren Technologien, konventionelle genauso wie gentechnische Methoden. Hefner nennt ein Beispiel, wie auch kleine Landwirte von dem Angebot profitieren können: Demnach führte Syngenta im vergangenen Jahr in Indien die tropische Zuckerrübe ein. Die Pflanze ist durch klassische Züchtung an die speziellen Bedingungen der Tropen angepasst und reift in nur fünf Monaten. Dadurch könnten Landwirte zwei Ernten pro Jahr erzielen, was ihnen helfe, ihre Einkommenssituation nachhaltig zu verbessern, sagt Hefner. „Die Syngenta Stiftung für Nachhaltige Landwirtschaft führt in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort Projekte in Entwicklungsländern durch bis hin zu Bewirtschaftungsprogrammen samt Anbauberatung.“ Die Einführung von gentechnisch veränderten Pflanzen setze Zulassungssysteme voraus, die in vielen Ent­wicklungsländern aufgrund der hohen Zulassungsnormen der Industrienationen „nur schwer umzusetzen sind“, sagt Hefner.

Florian Grundler, Experte für Pflanzenschutz und Pflanzenbiotechnologie an der Wiener Universität für Bodenkultur, verweist auf ein weiteres Problem: dass es nämlich in weiten Landregionen der Erde nach wie vor Agrarflächen gibt, die nur mangelhaft genutzt werden. Während in den besten Anbaugebieten der Welt Durchschnittserträge von zehn Tonnen Getreide pro Hektar erzielt werden, sind es in Ägypten, Indien, Russland oder Kasachstan gerade einmal 2,5 Tonnen. „80 Millionen Hektar getreidefähiges Land in Russland und Kasachstan werden nur auf sehr niedrigem Niveau bewirtschaftet. Das entspricht der Anbaufläche der gesamten EU. Da ist noch viel Potenzial zur Intensivierung“, meint Grundler. Es gehe aber nicht nur um Erträge, sondern auch um die Sicherung dieser Erträge. „Mehr als 30 Prozent der eingefahrenen Ernte wird durch falsche Lagerung vernichtet“, sagt Grundler. „Man muss sich vorstellen, welches Potenzial da verloren geht“.

Von Robert Buchacher