Hintergrund: Alte Schule, neue Chips!

Die technischen Grundlagen des digitalen Films hemmen dessen Vormarsch noch.

In der Fotografie scheint die Sache entschieden: Kein Agentur-, kein Tageszeitungsfotograf belichtet mehr auf Zelluloid. Der Film ist das Gestrige, etwas, an das man sich mit mildem Lächeln erinnert. Im Kino begegnet der digitale Vormarsch dagegen noch einigem Widerstand. Und das, obwohl neue digitale Ausrüstungen meist um ein Vielfaches günstiger zu erwerben sind als eine einzelne gebrauchte analoge 35-mm-Filmkamera. Auch das Bandmaterial stellt kaum noch eine finanzielle Belastung dar: Digitales Drehen ist vor allem für unabhängige Autoren eine erschwingliche Ausdrucksform geworden. Die digitale Aufzeichnung ist zudem aus dem zeitgenössischen Dokumentarfilm oder dem Videoclip nicht mehr wegzudenken. Von dieser Avantgarde lernend und vom Kostendruck getrieben, verabschieden sich nun zunehmend auch die marktbeherrschenden Filmstudios der US-Westküste vom analogen Trägermaterial.

Neben den auf der Hand liegenden Einsparmöglichkeiten zeichnen hierfür zwei technische Entwicklungen verantwortlich, die in den letzten Monaten die Bedenken vieler Regisseure und die Vorbehalte der meisten Kameraleute beiseite fegten. Erstens: die Entwicklung anwendbarer Tiefenschärfe. Zweitens: die scheinbare Angleichung der Bildlaufgeschwindigkeit.

Spiegeltrick. Während die analoge Filmkamera fähig ist, die Schärfe bei geöffneter Blende flächig genau zu legen und so die erzählerische Dramaturgie zu unterstützen, blieb der digitalen Verarbeitung immer die unfreiwillige Einbeziehung des Hintergrundes als Makel, der sich nicht ohne weiteres extrahieren ließ – für sensibler arbeitende Kameraprofis wie Michael Ballhaus oder Robby Müller, für Regisseure wie Scorsese, Spielberg ein Gräuel. Doch neue Adapter, etwa jener der Firma P+S aus München, verlängern den Abstand zwischen Optik und Aufnahmeebene und übermitteln das aufgenommene Bild über einen rotierenden Spiegel. So entsteht jene Tiefenschärfe, die der Zuseher vom Film her kennt und als dramaturgisches Mittel nicht missen will.
Analoger Film belichtet 24 Bilder pro Sekunde. Der neue HDTV-Standard (High Definition Television) glänzt mit der Angleichung „24-p“ (progressive), welche die immer noch schneller verarbeitende digitale Aufnahmegeschwindigkeit in „langsame“ filmische Ästhetik umsetzt. Zudem verbessert eine neue Generation von CCD-Chips laufend Kontrastumfang und Farbgebung. Der rasende Fortschritt führt jedoch zur schnellen Entwertung eben erst gekaufter digitaler Ausrüstungen; die zu befürchtende Kostenlawine lässt viele Produzenten vor einem Totalengagement zurückschrecken. Auch wird digital oft bedenkenlos drauflosgefilmt, sodass die Einsparungen in der Nachbearbeitung wieder verloren gehen. Erfahrene Kameraleute aber – eine aussterbende Spezies – wissen Licht und Material genau einzusetzen. So kann ein auf teurem Film gedrehtes Werk ohne die Folgekosten digitaler Ausbesserung oft erheblich günstiger kommen: ein Umstand, der sich in Fernsehanstalten, die auch Filme produzieren, herumgesprochen und der digitalen Euphorie ein jähes Ende bereitet hat.

Aufgrund der einfachen Handhabung digitaler Technik und der geringen Personalkosten – digitales Kino bedarf kaum geschulten Personals – soll der Film als Kopier- und Abspielmaterial demnächst schon der Vergangenheit angehören. Im Aufnahmesektor, im Kamerabau und in der Materialentwicklung, wird hingegen in Aufbau und Verarbeitung chemisch beschichteten Materials noch massiv investiert; auch konstruieren die größten Kamerahersteller Aaton, Arriflex, Panavision und Moviecam alle Jahre verbesserte Gerätschaften. Viele Digitalfilmemacher scheitern zudem an mangelnder Bildsprache und allzu lässiger Lichttechnik. Solange diese Kunst noch fest in der Hand der alten Schule ist, besteht für den analogen Film keine Gefahr. Sein Verschwinden jedoch ist nur mehr eine Frage der Zeit.