Hintergrund: Das Terror-Monster

Wie al-Qa’ida funktioniert – und wie stark sie wirklich ist.

Nach dem spektakulären Scheitern des Versuchs der konservativen Regierung, nach den Terroranschlägen in Madrid eine falsche Spur ins Baskenland und zur Separatistenorganisation ETA zu legen, scheint nun alles klar zu sein: Al-Qa’ida ist für den Massenmord verantwortlich.

Mehrere Marokkaner und zwei Inder wurden verhaftet. Das Bekennerschreiben einer Gruppe mit dem Namen „Brigaden Abu Hafez al Masri/al-Qa’ida“ liegt vor. Und die Anschläge entsprechen auch ganz der radikalislamistischen Ideologie: Osama Bin Laden selbst hat in einer seiner Verkündigungen besonders den Verlust von Südspanien an das Christentum im Jahre 1492 erwähnt, um klarzustellen, dass dieser ehemals islamische Einflussbereich Kampfgebiet für den heiligen Krieg sei. Außerdem lässt Madrids privilegierter Status in der „Koalition der Willigen“ im Irak-Krieg Spanien als Terrorziel von al-Qa’ida äußerst plausibel erscheinen.

Dennoch bleiben einige Fragen offen. Zunächst: Es waren in Madrid, entgegen jüngerer Praxis, keine Selbstmörder unterwegs. Die Bomben steckten in Rucksäcken und wurden über Handys gezündet. Bisher waren zudem Anschläge, die der al-Qa’ida zugeschrieben wurden, meist gegen Ziele mit Symbolkraft gerichtet: gegen „die Juden“ (in Istanbul und im tunesischen Djerba); gegen Kapitalismus und westliche Dekadenz (New York und Washington am 11. September 2001, Ausländer-Wohnsiedlungen in Saudi-Arabien, eine Diskothek in Bali) oder gegen vom Islam „Abtrünnige“ (bei den Bomben gegen die Schiiten im Irak und Pakistan). Dem Massenmord in den Madrider Pendlerzügen, denen vor allem spanische, aber auch eingewanderte Arbeiter zum Opfer fielen, fehlt eine derartige symbolische Botschaft.

Die Attentate in Spanien haben die Diskussion unter Islamismus-Experten wieder aufleben lassen, was al-Qa’ida denn eigentlich sei: „Die meisten im Westen haben sich ein eng geknüpftes transnationales Terroristennetzwerk vorgestellt“, argumentiert Scott Atran von der University of Michigan. „Immer mehr aber sind wir mit autonom agierenden Gruppen und Zellen konfrontiert, die ihre regionalen Ziele verfolgen.“ Die funktionierten als „Franchise-Filialen“ von al-Qa’ida, mit nur sehr losem oder gar keinem direkten Kontakt zur Kerngruppe, dem „Freundeskreis“ der ehemaligen Afghanistan-Kämpfer um Bin Laden. Dabei diene die Behauptung der regionalen Terrorgruppen, im Namen von Bin Laden und al-Qa’ida zu agieren, oft dazu, leichter Mitglieder rekrutieren zu können.

Diese Art von „Dezentralisierung“ hält Olivier Roy, Autor des Buches „L’Islam mondialisé“, für einen Hinweis darauf, dass al-Qa’ida geschwächt sei. Ohne territoriale Basis, wie seinerzeit in Afghanistan, und angesichts verschärfter internationaler Anti-Terror-Maßnahmen sei sowohl das Trainieren als auch das Reisen für die Terroristen viel schwieriger geworden. So werde immer öfter ohne zentrale Koordination Terror vor Ort geplant und ausgeführt.

Mehrere Islamismus-Experten interpretieren selbst die verheerenden Anschläge von Madrid nicht als Zeichen von Stärke des Terrornetzwerkes: Wieder haben die Terroristen ein so genanntes „weiches Ziel“ gewählt. Nicht eine bedeutende Regierungsstelle eines als Verräterregime gehassten arabischen Staates, nicht eine militärische Einrichtung, auch nicht „Paläste der Verderber“ wurden angegriffen. Verglichen mit dem 11. September 2001, der komplizierter Logistik bedurfte, war der Anschlag in Madrid eine relativ einfache Operation.

Diese Analyse passt in die allgemeine Einschätzung von Nahostexperten wie Gilles Kepel, die al-Qa’ida überhaupt als Produkt des Niedergangs des Islamismus sehen. Als Massenbewegung der politischen Opposition in der arabischen Welt ist der Islamismus überall gescheitert. Sind die Fundis an die Macht gelangt, haben sie sich (siehe die Taliban in Afghanistan oder die Mullahs im Iran) diskreditiert. Durch ihren politischen Bankrott frustriert, sei ein Teil von ihnen zu Terrormaschinen degeneriert.

Durch die britisch-amerikanische Besetzung des Irak haben sie jedoch wieder Aufwind bekommen. „Das Phänomen Selbstmordterrorismus erlebt der Irak jetzt das erste Mal seit den Assassinen im 13. Jahrhundert“, stellt Scott Atran sarkastisch fest. Der chaotische Irak hat der al-Qa’ida-Strategie unerwartet ein neues Terrain verschafft – und auch das, was ihr am meisten ermangelt: Legitimität. In den Augen der arabischen Massen rechtfertigt die „Erniedrigung“, welche die Araber durch die Invasion im Irak erfuhren, in gewisser Weise den Terror.

Mittelfristig aber, so analysiert Olivier Roy mit einiger Zuversicht, müsse sich die Strategie von Bin Laden und Konsorten totlaufen. „Da wird es noch ein paar grauenhafte Terroranschläge geben, gewiss. Aber der Effekt der Wiederholung wird die Frage immer lauter werden lassen: ‚Was bringt’s, wozu das Ganze?‘“

Verstärkte Ablehnung des al-Qa’ida-Terrorismus mache sich in der Öffentlichkeit der moslemischen Welt bereits bemerkbar – nicht zuletzt seit den Massakern an den Schiiten in Kerbala, Bagdad und Quetta.