Hintergrund: Die zwölf Verschworenen

Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt führt Voruntersuchungen gegen ein Dutzend ehemaliger Libro-Manager und Aufsichtsräte.

Die Causa hat noch vor ihrem Finale rekordverdächtige Dimensionen erreicht. Zwölf Verdächtige, 33 Hausdurchsuchungen an prominenteren Adressen, dutzende Laufmeter Beweismaterial. Seit 2002 ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt unter der Aktenzahl 33 UR 180/02f gegen zwölf ehemalige Manager und Aufsichtsräte der im September 2001 kollabierten Medienhandelskette Libro. Der Auslöser: eine Sachverhaltsdarstellung des Wiener „Interessenverbandes für Anleger“ (IVA) vom 10. Juli 2002.
Die Liste der von der Justiz untersuchten potenziellen Verfehlungen ist lang: schwerer Betrug, Untreue, grob fahrlässige Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen sowie diverse Verstöße gegen das Aktiengesetz.

Die Herren, unter ihnen die Ex-Vorstände André Rettberg und Johann Knöbl sowie der ehemalige Libro-Aufsichtsratspräsident und Chef des Investmenthauses UIAG, Kurt Stiassny, werden verdächtigt, sie hätten die einstige Perle der Wiener Börse ausgehöhlt, heruntergewirtschaftet und damit zumindest grob fahrlässig in die Pleite schlittern lassen – zum Schaden der Banken, Lieferanten und Anleger.

Für Letztere wurde das Ausmaß der Katastrophe erst am 29. Juni 2001 offenbar: Libro musste mit Verbindlichkeiten von annähernd 400 Millionen Euro die Eröffnung der drittgrößten Insolvenz der österreichischen Wirtschaftsgeschichte beantragen – ein Jahr später folgte der Konkurs.

Die Beteiligten weisen bis heute jede Verantwortung von sich. Für sie gilt bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung ausnahmslos die Unschuldsvermutung.

Bis heute konnte die Justiz nicht zweifelsfrei klären, ob und vor allem wann die Libro-Pleite absehbar war – und welche Schuld Management und Aufsichtsrat wirklich trifft. Auch die von allen Seiten beigezogenen Sachverständigen vermochten kein klares Bild zu zeichnen. Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt und Libro-Masseverwalter Günther Viehböck – er erwägt Schadenersatzklagen – gehen davon aus, dass Libro bereits ein Jahr vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens pleite gewesen ist. Die Beschuldigten hingegen argumentieren, gestützt auf private Gutachten, dass die Krise weder hausgemacht noch vorhersehbar gewesen sei. Ein involvierter Kriminalist: „Das Ganze zieht sich wie ein Strudelteig.“
Um doch noch zu einem fertigen Gericht zu gelangen, haben die Behörden jetzt einen – von der Pleite eigentlich unabhängigen – Weg beschritten: die Prüfung der privaten Vermögensverhältnisse von André Rettberg.

Der frühere Libro-Chef soll BA-CA und Oberbank die Mittellosigkeit vorgetäuscht haben, um der Rückzahlung von privaten Schulden zu entgehen. Auch hiefür drohen ihm (und seinen inhaftierten Rechtsanwälten Gerhard Eckert und Michael Löb) bis zu zehn Jahre Haft.

Die Justiz orientiert sich hier offenbar am Fall des Bankiers Wolfgang Rieger. Dieser war 1999 rechtskräftig wegen eines vergleichsweise einfach zu beweisenden Delikts zu 8,5 Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte zuvor aus dem Haupttresor seiner Bank Kundengelder behoben. Das Institut war bereits 1998 in Konkurs gegangen. Die damals parallel laufenden Untersuchungen wegen mutmaßlicher Bilanzmanipulationen wurden mit Riegers Verurteilung wegen Untreue und betrügerischer Krida ein für alle Mal zu den Akten gelegt.