Hintergrund: Tigersprung

Wie konstruiert sich der Filmkanon? Und welchen Moden unterliegt der Blick auf die Filmgeschichte?

Früher hat man sich, wenn es ums Kino ging, noch was getraut. 1952, in einer ersten groß angelegten Rückschau auf das Medium, das damals noch keine sechs Jahrzehnte alt war, haben die von der britischen Filmzeitschrift „Sight and Sound“ befragten Experten, vornehmlich Kritiker, gleich drei Filme aus den vierziger Jahren in ihre Top Ten gewählt, darunter immerhin Vittorio de Sicas damals erst drei Jahre altes neorealistisches Drama „Fahrraddiebe“ (das sich seither als Klassiker zwar etabliert hat, aber die oberste Liga inzwischen nicht mehr erreicht). Und auch in der Wertung des Jahres 1962 – „Sight and Sound“ veranstaltet die Kinokanondebatte seit 1952 im Zehn-Jahres-Rhythmus – wagte die Spezialistenjury es noch, wenigstens einen neueren Film, Antonionis „L’avventura“, in ihr Filmpantheon zu wählen.

Heute traut sich offenbar niemand mehr zu, halbwegs aktuelle Filme unmittelbar zur Kanonisierung zu empfehlen (siehe auch unsere ermittelte Filmliste auf diesen Seiten). Misstraut die Branche ihren Primärinstinkten so sehr, dass sie zwar in der Tageskritik von Arbeiten wie „In the Mood for Love“ von Wong Kar-wai in höchsten Tönen schwärmt, aber vor Vergleichen mit historischen Kunstkinoromanzen wie Murnaus „Sunrise“ dann doch konsequent zurückschreckt? Wieso hat „Pulp Fiction“ gegen Fritz Langs „M“ und Coppolas „Der Pate“, aller Wertschätzung zum Trotz, in diesem Zusammenhang nicht den Hauch einer Chance? (Thriller haben es, Hitchcocks „Vertigo“ einmal ausgenommen, übrigens grundsätzlich schwer, in den erlauchten Kreis der oberen hundert der Filmgeschichte aufgenommen zu werden.)

Die Verfestigung eines Kanons, der jenem, wie er heute vor uns liegt, zumindest ähnlich sieht, war 1962 jedenfalls bereits weit gehend abgeschlossen. Welles’ „Citizen Kane“, Antonionis „L’avventura“ und Renoirs „Spielregel“ ergaben damals (in dieser Reihenfolge) die ersten drei Plätze. Dennoch hat sich einiges getan seither: Nicht nur scheint Antonioni gegenwärtig etwas aus der Mode zu sein (heute Platz 48), auch mit Filmemachern wie Hitchcock, dessen kalter Zynismus ihn offenbar resistent gemacht hat gegen den Zugriff des Alters, geht die Geschichtsschreibung heute anders um. Hielt man Hitchcock noch bis weit in die siebziger Jahre hinein für einen bloßen Routinier des amerikanischen Unterhaltungsfilms, so gilt er heute, speziell durch „Vertigo“, als einer der unanfechtbaren Meister der siebenten Kunst.

Wer immer in die Filmgeschichte blickt, sieht dort Dinge, die mehr über ihn selbst und seine Zeit zu sagen haben als über die Geschichte selbst. „Die Mode“, hält Walter Benjamin in seinem Essay über den Begriff der Geschichte fest, „hat die Witterung fürs Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt. Sie ist der Tigersprung ins Vergangene. Nur findet er in einer Arena statt, in der die herrschende Klasse kommandiert.“