Hintergrund: Witwen und Töchter

Warum haben in den patriarchalischen Gesellschaften Asiens so viele Frauen Machtpositionen inne?

In Südasien, von Nepal über Indien bis Sri Lanka, legten Soldaten Schwerter und Gewehre seit alters her der weiblichen Gottheit Durga zu Füßen. Im Gefecht wurde sie mit dem Schlachtruf „Jai Durga!“ beschworen. Mittlerweile liegen Durga nicht nur Schwerter, sondern ganze Nationen zu Füßen: In vielen asiatischen Ländern gab und gibt es seit der Unabhängigkeit weibliche Präsidenten, Premierminister und Oppositionsführer.

Dass Sonia Gandhi trotz ihres Wahltriumphs das Amt des indischen Regierungschefs vergangene Woche nicht annahm, bestätigt diese Regel, wenn auch nur indirekt: Sonias Schwiegermutter Indira dagegen war zweimal Premier, und Sonias Tochter Pryanka bastelt bereits emsig an ihrer politischen Karriere.

In ganz Asien wimmelt es von politisch mächtigen Frauen: Das Schicksal des Inselstaates Sri Lanka wurde lange von der legendären Sirimavo Bandaranaike bestimmt – und nunmehr von deren Tochter Chanrika Kumaratunga. Auch der Islam verwehrt Frauen keine Machtpositionen: In Pakistan wurde Benazir Bhutto zweimal zum Premier gewählt. Das gleichfalls moslemische Bangladesh kann auf zwei weibliche Regierungschefs verweisen: Sheik Hasina Wazed und ihre Rivalin Begum Khaleda Zia. Megawati Sukarnoputri regiert Indonesien, das größte moslemische Land der Welt. Aung San Suu Kye, die politisch verfolgte Oppositionsführerin in Burma, wurde für ihren hartnäckigen Kampf gegen die Militärdiktatur mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Und die Philippinen erlebten in den vergangenen zehn Jahren gleich zwei Präsidentinnen: Corazon C. Aquino und Gloria Macapagal-Arroyo.

Die Gottheit Durga allein reicht als Erklärung für die erstaunliche Konzentration weiblicher Macht in Asien allerdings nicht aus. Schließlich handelt es sich meist um traditionell patriarchalische Gesellschaften, in denen die Emanzipation nicht sehr entwickelt ist und Frauen üblicherweise wenig zu melden haben. Eine genealogische Konstante fällt auf: Alle genannten Präsidentinnen, Regierungschefinnen und Oppositionsführerinnen sind entweder Witwen oder Töchter von berühmten Männern, die selbst nicht selten Märtyrer waren: Entweder saßen sie lange im Kerker, oder sie wurden ermordet. In der asiatischen Mythologie stellt die weibliche Sukzession in Märtyrerdynastien, die „Königinnenherrschaft“, eine häufig vorkommende Konfiguration dar.

Auch dürften Frauen in Asien deshalb für Führungspositionen prädestiniert sein, weil sie weniger bedrohlich für männliche Rivalen erscheinen. So etabliert sich nicht selten ein Herrschaftsmodell, in dem zwar eine Frau an der Spitze des Staates, einer Partei oder Bewegung steht, im Hintergrund aber Männer die wahren Machtpositionen besetzen und die Strippen ziehen.

Letztlich sei „die so erstaunliche Frauen-Power in Asien wohl doch auf die Verehrung von Mutter-Göttinnen zurückzuführen“, analysiert Stanley Wolpert, Professor für indische Geschichte an der University of California. Das Bild von der sich sorgenden und moralisch integren Frau wird aus der Sphäre der Mythologe auf die Realität der Nation projiziert.