Hirnschütteln: Die Rückkehr von Attwenger

Die oberösterreichischen Mundart-Virtuosen Attwenger erbringen mit ihrem prachtvollen siebenten Album endgültig den Beweis: Alt werden kann man später noch.

Von Philip Dulle

Mit dem Begriff "flow“ wird in der Psychologie gemeinhin der Zustand der völligen Vertiefung, des Aufgehens in einer bestimmten Tätigkeit beschrieben. Diese Art des Schaffensrausches scheint schon der Titel des siebenten Studioalbums des Anti-Volksmusik-Duos Attwenger festzuschreiben: "flux“ ist, nach sechsjähriger Kreativ- und Experimentierpause, das Werk einer steten, mit Stoizismus und Präzision betriebenen Weiterentwicklung. Aber weil es bei Markus Binder (Schlagzeug, Elektronik) und Hans-Peter Falkner (Steirische Knopfharmonika) schon auch ein wenig kompliziert sein darf, steht "flux“ - auf gut Oberösterreichisch - auch für "g’schwind“ und "flott“ oder ist "einfach nur ein fetziger Titel, der genauso gut als Name für einen neuen Szeneclub herhalten könnte“, wie die beiden im profil-Interview betonen.

Den Weg der Doppeldeutigkeit in Wort und Ton beschreiten die beiden Musiker seit nunmehr 21 Jahren - und sie sind laut Eigendefinition dauerpräsent, ohne wirklich da zu sein. Ihr kompromissloser Stil ist letztlich ungreifbar: Von den Anfängen, in denen sie die reine Schlagzeug-Harmonika-Lehre vertraten, über das Spiel mit HipHop-Versatzstücken in den Neunzigern bis zum bärbeißigen Elektro-Groove der Nullerjahre zelebrierten sie mit jedem neuen Album ihren gepflegten Hang zum Eskapismus, ohne je ihren Dialekt- und Heimatbezug zu verlieren. Die vordergründige Rückwärtsgewandtheit ist bei Attwenger deutlich mehr als provinziell-dogmatisches Kalkül; es ist eher hinterfotzige Nonchalance in Lausbubenmanier.

Attwenger sind leicht zu erkennen. So hört man bereits an den ersten Klängen, mit wem man es hier zu tun hat. Aber man stellt angesichts der spielerisch leichten 17 Nummern dieser CD auch fest, dass man diese Band immer noch ein wenig falsch ein-, vor allem aber unterschätzt. Den Vorwurf der Selbstkopie mussten sich Attwenger nie gefallen lassen. Auf kommerziellen Erfolgsdruck reagieren die beiden Musiker aus Linz-Urfahr gewohnt unbeeindruckt, zucken nur die Schultern. Ihre Musik, das sind Beats, Polka, Gstanzln - nicht mehr, nicht weniger. "Außerdem: Irgendwer wird das Album schon kaufen“, sagt Binder cool. "Egal, ob auf Vinyl, als CD oder Download - ein Formatfetischist bin ich nicht.“

Tatsächlich ist "flux“, analog oder digital gespielt, ein mitreißendes Album geworden, das die Gstanzl-Kultur - die Grundlage ihrer Klangforschung - nur noch als eine Vorgabe unter vielen versteht und sich im alternativen Rock genauso zu Hause fühlt wie im Rap und (seit dem Meisterstück "Sun“, 2002) auch in der elektronischen Musik. Geblieben sind auf "flux“ nur die mantra-artigen Stakkato-Verse, die im Oberösterreichischen und manchmal auch im Englischen ("Shakin My Brain“) ihre subversive Virtuosität entwickeln - und die als "attwengern“ in die österreichische Musikhistorie Eingang gefunden haben. In ihrem Genre sind Attwenger praktisch konkurrenzlos - und das im "eigenen Rhythmus“, wie Falkner im Gespräch betont. Industriellen Diktaten irgendeiner Plattenfirma ordnet man sich selbstverständlich nicht unter.

Aber weil der Markt dann doch ein paar Gesetze vorgibt, bedeutet jedes neue Album auch wieder: ein neues Publikum. Das hemmt den Alterungsprozess und rückt ein mögliches Karriereende in weite Ferne - oder, um es mit Attwenger zu sagen: "Und wenn’s es nimma gibt, wird’s es a geben, weil’s es mal geben hat.“

Aus ihrer charmant-phlegmatischen Reserve sind Binder und Falkner kaum zu locken; die wärmende Frühlingssonne zieht die beiden aus dem muffigen Interviewraum immer wieder auf den Balkon zurück. Nur wenn man sie auf ihre Reiseleidenschaft anspricht, geraten Attwenger dann doch noch ins Schwärmen: zum Beispiel über Bali oder Vietnam, wo man zuletzt war - und wo nicht das Wort, sondern nur die Musik der Völkerverständigung dient. "Eigentlich wollten wir heuer in Japan spielen“, gibt Falkner zerknirscht von sich, um im selben Atemzug nachzusetzen: "Aber das holen wir noch nach.“

Attwenger gastieren am 8. und 9. April in Wien (Flex, WUK). Weitere Konzerte auf www.attwenger.at