Historiker erforschen die Firma Habsburg:
Blick hinter die Kulissen des Unternehmens

Bis zu 3000 Menschen arbeiteten einst am habsburgischen ­Kaiserhof. Wiener Historiker erforschen nun die Managementstruktur der Firma Habsburg.

Von Sebastian Hofer

Majestät wünschen zu speisen, in der Hofburg zu Wien bricht eifrige Geschäftigkeit aus. Die durchaus alltägliche Verrichtung bedarf einer organisatorischen Haupt- und Staatsaktion, was nicht an den schrulligen Sonderwünschen des obersten Essers oder etwaigen zeremoniellen Kompliziertheiten liegt, sondern schlicht an der Anzahl der involvierten Personen. Gut 30 Dienststellen sind an dem scheinbar banalen Procedere beteiligt, darunter, neben kaiserlichen Mundköchen, Sommeliers und Truchsessen, auch die höfische Leibgarde, Licht- und Silberkammer, Hofkontrollor, Kämmerer oder Obersthofmeister. Selbst der Oberststallmeister ist über Umwege im Spiel. Sie alle gilt es, in einem fein austarierten Prozess zu koordinieren, anzuleiten und zu kontrollieren.

Schließlich wünschen ­Majestät nicht eiskalt zu speisen. Unter der aus Sissi-Filmen, Museen und Biografien sattsam bekannten habsburgischen Repräsentationsfassade liegt ein bis heute überraschend wenig beachtetes Fundament: die alltägliche Arbeitswelt des Wiener Kaiserhofs, eines für damalige Verhältnisse schier unüberschaubaren Betriebs, der bis zu 3000 Personen beschäftigte und sich dabei eines ausgeklügelten, erstaunlich modernen Systems standardisierter Dienstvorschriften bediente. Diesem System widmet sich nun ein Forschungsprojekt der Universität Wien, dessen zentrale Fragestellungen (etwas unhöfisch ausgedrückt) lauten: Mit welchen Managementtools arbeitete die Firma Habsburg? In welche Strukturen waren ihre CEOs, ihre Facility Manager und Logistiker eingebunden? Welche Corporate Identity wurde dabei entworfen? Und: Wer hatte am Hof denn nun wirklich das Sagen?

Hinter dem Vorhang des Hofzeremoniells wird vor allem letztere Frage ziemlich schnell ziemlich diffizil. Tatsächlich liefen keineswegs alle Fäden in der Hand des Monarchen zusammen. Das wäre selbst für Ihro Gottesgnaden zu viel verlangt gewesen. Die Führung eines Unternehmens dieser Größenordnung bedarf nun einmal einer gewissen Arbeitsteiligkeit – das war auch im 18. Jahrhundert schon so. Um beim Beispiel zu bleiben: Bat seine Majestät zu Tisch, liefen mehrere Befehlsketten an, die in die unterschiedlichsten Winkel der Hofburg reichten und von zahlreichen Kon­trollschleifen begleitet wurden: Der Obersthofmeister, oberster Beamter des Wiener Hofstaats, informierte Hofküchenmeister und Oberststabelmeister, der wiederum – in Kooperation mit dem für das Tafelgeschirr (sowie für Konfekt, Käse und Obst) zuständigen Oberstsilberkämmerer – die Vorbereitung der kaiserlichen und aller weiteren Tafeln anleitete. Der Hofküchenmeister seinerseits bestimmte in der Zwischenzeit – gemeinsam mit dem Hofsommelier –, welche Menge und Qualität an Brot und Wein jedem Esser (nach jeweiligem Stand und Status) zustand (was wiederum vom Hofkon­trollor persönlich überwacht werden musste), und wies Lichtkämmerer, Zehrgadener (die Verwalter der höfischen Speisekammer), Zuschrotter (Fleischhauer) und Köche in den verschiedenen (und praktischerweise auch in verschiedenen Teilen der Hofburg untergebrachten) Hofküchen an. Anschließend lieferte das Personal des Oberststabelmeisters (Truchsessen, Mundschenke, Vorschneider) gemeinsam mit den Leibgardisten die Speisen zeitgerecht und in der vom Zeremoniell vorgeschriebenen Fasson zur Tafel – möglichst zeitgerecht zur Ankunft des Kaisers, der seinerseits von Kämmerern und den vom Oberststallmeister befehligten Edelknaben zu Tisch begleitet wurde.

Dienstvorschriften. „Aus heutiger Sicht ist man tatsächlich manchmal baff, dass das überhaupt funktioniert hat“, meint Martin Scheutz, Professor am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, der gemeinsam mit Jakob Wührer das laufende Forschungsprojekt zum Hofmanagement leitet (siehe Interview Seite 80). Dass es funktionierte, lag an einem straffen Management, das auf einem komplexen System normierter Dienstvorschriften beruhte. Diese Dienstvorschriften wurden seit dem frühen 17. Jahrhundert in so genannten Instruktionsbüchern gesammelt, auf die man sich im Streit- und Zweifelsfall berufen konnte. Vier dieser Bücher sind im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv erhalten. Sie gewähren auf 1700 Seiten Einblick in die Bürokratie des kaiserlichen Hofstaats vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Dabei erlauben sie – teils zwischen den Zeilen, teils expressis verbis – auch bemerkenswerte Einsichten in das Wesen der Habsburgermonarchie. Zum Beispiel: Majestät wünschten zu sparen.

Die Instruktionsbücher offenbaren ein dezent schizophrenes Regime: Während der Hofstaat seinem Wesen nach eine Repräsentationsmaschinerie darstellte, die Würde und Ansehen des Monarchen gegenüber seinem Volk, aber auch gegenüber konkurrierenden Fürsten durch offensiv verschwenderische Inszenierung wahren sollte, galt hinter den Kulissen ein rigider Sparzwang. Scheutz und Wührer sprechen von einem „regelrechten Kontrollwahn“ und beschreiben die Hofamtsbürokratie als ein „Geflecht von ineinander implizit und explizit verzahnten Ordnungen, das dazu diente, Kontrolle, Gegenkontrolle und Gegen-Gegenkontrolle zu etablieren, um Verschwendung zu verhindern“. Nicht umsonst wurde der Hofkontrollor (als Leiter einer Art vormoderner Buchhaltungs- und Kostenrechnungsabteilung) mit der umfangreichsten Instruktion bedacht: In der Fassung von 1752 füllt sie 85 Seiten (während die Dienstanweisung etwa des kaiserlichen Saaltürhüters mit zwei Seiten auskommt). Sämtliche Amtsträger, in deren Zuständigkeit wertvolle Güter manipuliert wurden (Kellermeister, Lichtkämmerer, Küchenschreiber, Zehrgadener, Oberststallmeister oder Obertapezierer), mussten dem Hofkontrollor täglich in Schriftform über ihre Finanzgebarung berichten.

Daneben verwaltete der Hofkontrollor aber auch zentrale Nebensachen wie den Bestand an Tischtüchern, wobei die Dienstanweisung explizit festhielt, dass fadenscheinig gewordene Stoffe nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Kaisers ausgemustert werden durften. Besondere Aufmerksamkeit war insbesondere auch dem kaiserlichen Besteck zu widmen: „contralor solle auch auf die silber ­diener und all andere taffeldekher guette achtung geben, damit allerley ihnen anvertrautes goldt und silber geschmaidt, die zünn und kupfer schüsßeln, flaschen, kandl, leichter und andereß von ihnen nit auß nach läsßigkeit zerrent oder daß tischgewandt muethwilliger weiß zerrisen werde“ (aus der Instruktion für den Hofkontrollor, 1637).

Finanzbedarf. Alle Groschenzählerei konnte allerdings nicht verhindern, dass die Kosten des Wiener Hofstaats im späten 17. Jahrhundert explodierten: Anno 1672, unter Leopold I., machte der Finanzbedarf des Kaiserhofs noch 1.215.865 Gulden aus, 1736, unter Karl VI., betrug er bereits 4.793.465 Gulden, zugleich stieg der Personalstand von knapp 900 auf 2175 Personen. Tatsächlich dürfte der stete Hinweis auf Wirtschaftlichkeit aber nicht nur finanziellen, sondern auch ständischen Überlegungen entsprungen sein, wie Jakob Wührer erläutert: „Häufig geht es in den Instruk­tionen in erster Linie darum, dass niemand über seinen Stand hinaus trinkt oder isst, sich zum Beispiel einen Wein einschenkt, der nur oberen Offizieren zustand oder an der Tafel Weißbrot statt Schwarzbrot nimmt.“ Das Leben in der Hofburg war nicht nur organisatorisch, sondern auch ­hierarchisch äußerst komplex. Menschen aus allen Schichten standen im Dienst des Kaisers, wobei die klassische Vom-Silberwäscher-zum-Obersthofmeister-Karriere eher nicht vorgesehen war: Schon die Truchsessen, das Servicepersonal an der kaiserlichen Tafel, mussten neben entsprechendem Aussehen und Benehmen eine möglichst altadelige Herkunft vorweisen. Die Ämter an der Spitze der Hofstaatshierarchie (Oberst­hofmeister, Oberstkämmerer, Obersthofmarschall und Oberststallmeister) waren verdienstvollen (und wohlhabenden) Honoratioren vorbehalten. An Bewerbern mangelte es nicht. Der Kaiserhof war eines der wenigen Milieus, in denen Adelige standesgemäß „berufstätig“ werden konnten. Martin Scheutz: „Dynastisch motivierte Hochzeiten waren damals äußerst kostenintensive Geldgeschäfte, die man sich allenfalls noch für den Erstgeborenen leisten konnte. Alle weiteren Nachkommen wurden in der Kirche, in der Armee oder eben beim Hof untergebracht. Der Hof hatte den Vorteil, dass sie dort auch noch adäquat verheiratet werden konnten. Die Hofbälle waren ja ein großes Defilee heiratswilliger Männer und Frauen.“

Anders als im vergleichsweise libertären Versailles galten im erzkatholischen Wien freilich auch diesbezüglich strengste, selbstverständlich schriftlich festgehaltene Prinzipien. Die Instruktion der Fräuleinhofmeisterin, die im Hofstaat der Kaiserin (der weitgehend unabhängig war von dem des Kaisers) über die Hoffräulein wachte, sah vor, dass sie die jungen Damen „in gutter ehrlicher zucht, wandel und wessen halte“, männlichen Besuch nur unter strengen Auflagen erlaube und – ganz allgemein – nur Personen katholischen Glaubens ins „Frauenzimmer“ einlassen dürfe. Dass ausgerechnet die Instruktion der Fräuleinhofmeisterin im Lauf der Jahrzehnte mehrfach adaptiert und nachgeschärft werden musste, lässt allerdings den Schluss zu, dass das Hofleben in dieser Hinsicht nicht immer ganz nach Vorschrift verlief. Aus der Instruktion für die Fräuleinhofmeisterin Maria Anna von Wildenstein, 11. Jänner 1740: „wan sie außgehen wollen, so sollen sie erstlichen es ihrer hoffmeisterin sagen, mit benennung des orths, welche, wan sie kein erhebliches bedenckhen dabey findet, die erlaubnus bey unß begehren wird, so solle sie, hoffmeisterin, auch die freylen ohne erheblichen ursachen nicht all zu fruhe von hoff außfahren lassen, mit fleissiger erinderung, daß sie umb acht uhr abendts wieder bey hoff seyn sollen, und soll sich keine freyle unterstehen, anderwärtig hin zu fahren, als wo sie sich außbitteten.“

Stammbäume aus dem 17. Jahrhundert zeigen das Ausmaß der familiären Verflechtungen am Habsburgerhof. Ein Beispiel: Bernhardin von Herberstein (1566–1624), Oberststallmeister Kaiser Ferdinands II., ehelichte in zweiter Ehe Margarita Valmarana, ihrerseits Obersthofmeisterin der Kaisersgattin Eleonora Gonzaga. Die gemeinsamen Kinder Maria Elisabeth von Herberstein und Johann Georg von Herberstein sollten unter der Regentschaft Ferdinands III. selbst in höchste Hofämter avancieren (als Obersthofmeisterin der Kaiserin bzw. Oberstsilberkämmerer). Auch die angeheiratete und verschwägerte Verwandtschaft der von Herbersteins brachte in jener Zeit eine erkleckliche Zahl von Hofdamen und Kämmerern hervor – der Hof als Heiratsmarkt und Versorgungspostenstelle.

Verflechtungen. Kaum weniger kompliziert waren die politischen Verbindungen der obersten Hofbeamten. Neben ihrer Managementtätigkeit waren diese – teils offiziell, teils informell – auch tief in die Politik des Kaiserreichs verwurzelt: Der Obersthofmeister etwa fungierte traditionell auch als Präsident des Geheimen Rats, dem meist auch der Oberstkämmerer angehörte. Auch die weiteren politischen Gremien, Hofkammer und Hofkriegsrat, waren mit Beamten des Hofstaats durchsetzt, daneben dürften aber vor allem informelle Verbindungen wesentlich zur kaiserlichen Entscheidungsfindung beigetragen haben. Das Ineinander von organisatorischer und administrativer Macht hatte praktische und strategische Gründe. Praktisch erzeugte allein schon die physische Nähe zum Monarchen politisches Gewicht: Instruktionsgemäß hatte zwischen den Kaiser und seinen wichtigsten Beamten, den Obersthofmeister, kein Blatt Papier zu passen; der Oberstkämmerer, der die Verwaltung der kaiserlichen Privatgemächer besorgte, verbrachte aus Sicherheitsgründen sogar seine Nächte an der Seite des Kaisers. Dass sich daraus ein enormer Einfluss – eben auch politischer Natur – ergab, liegt auf der Hand. Es gab aber noch andere, abstraktere Gründe für das behördliche Durcheinander, wie Jakob Wührer erklärt: „Im absolutis­tischen System fallen die Entscheidungen des Monarchen in einem geschützten, von außen nicht einsehbaren Bereich. Jede Transparenz würde diese Art der Macht­ausübung des Kaisers entzaubern. Insofern ist die diffuse Verschränkung von Hofstaat und Administration durchaus in seinem ­Sinne.“ Jedwede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist rein zufällig.

Fotos: Philipp Horak