Hoch Hellas!

Die Welt hat über die Griechen gelästert und gespottet. Wir entschuldigen uns.

Es ist höchste Zeit, sich zu entschuldigen. Und wenn’s die anderen nicht machen, dann halt wir – in Vertretung für den Rest der internationalen Medien. Wir müssen die Griechen um Vergebung bitten. Für die bösartige Berichterstattung, deren Opfer ihr Land in den vergangenen Jahren wurde. Jede Zeitung, die auf sich hielt, jeder Fernsehsender, der es sich leisten konnte, schickte Reporter mit dem Auftrag gen Hellas, eindringlich zu schildern, wie unfähig die Leute da auf der Halbinsel wären, die Olympischen Spiele auszurichten – die vor hundert Jahren in Griechenland nach über tausendjähriger Unterbrechung wieder aufgenommen worden waren.

Mit Gusto schrieb man von den Verzögerungen bei der Errichtung der Sportstätten, zeigte, aus den ungünstigsten Winkeln aufgenommen, Bilder von unfertigen Stadien und Hallen und konzentrierte sich bei den Reportagen auf die unwirtlichsten und hässlichsten Seiten Athens. Es wurde genörgelt, gespottet, gelästert. Griechenland-Bashing wurde olympische Disziplin.

Seit kurzem hat sich der Ton geändert. Zuerst nach dem fantastischen Sieg bei der Fußball-EM, bei welcher der hellenische Außenseiter die vermeintlich großen Kickernationen Europas das Fürchten lehrte. Seit vorvergangenem Wochenende erst recht, als selbst die schärfsten Kritiker zugeben mussten: Die Olympischen Spiele wurden von den so geschmähten Griechen geradezu perfekt organisiert. Schon die Eröffnungszeremonie beeindruckte. Sie war spektakulär und geschmackvoll: Allen Versuchungen des Kitsches wurde widerstanden. Die in den vergangenen Jahren gebauten Sportstätten sind gleichzeitig prachtvoll und funktional. Athen präsentiert sich als lebenswerte Stadt, die gelungen die mythische Aura der Antike mit der Schönheit einer modernen europäischen Metropole verbindet.

Die grassierende Überheblichkeit gegenüber den Hellenen hat einen sozialpsychologischen Hintergrund: Griechenland liegt an Europas Peripherie. Sieht man in den Atlas, bemerkt man: Griechenland hat keine Grenzen zu einem anderen EU-Land, ist also eine Exklave. Das Balkanische dann weckt, so sehr man als Tourist von den Ägäisinseln schwärmen mag, sowieso westeuropäische Vorurteile.

Dazu kommt, dass Länder, die auf eine große Vergangenheit zurückblicken und eine eher mittelmäßige Gegenwart erleben, leicht ein wenig lächerlich wirken – wir Österreicher können ein Lied davon singen. Und unsere Vergangenheit ist beileibe nicht so grandios wie die hellenische, in der ja nachgerade die Fundamente der abendländischen Zivilisation gelegt wurden.

Schließlich aber gehört Griechenland nicht zu jenen relativ neuen EU-Mitgliedern, die, wie etwa Portugal, Irland, aber auch Spanien, mit dem Beitritt einen gewaltigen Sprung vorwärts gemacht haben. Der wirtschaftliche Aufholprozess, die europäische Modernisierung Griechenlands hat so recht erst vor wenigen Jahren eingesetzt. Diese positive Entwicklung der jüngsten Zeit hat die internationale Öffentlichkeit vielfach verschlafen.

Wirklich faszinierend ist aber die Entwicklung auf einer anderen Ebene: in der Beziehung zum Nachbarn Türkei. Noch Mitte der neunziger Jahre drohte die historische Feindschaft zwischen den beiden Ländern im Streit um ein paar lächerliche und wertlose Felsen vor der türkischen Küste zu einer veritablen Seeschlacht zu entarten. Und die beiden NATO-Staaten verbissen sich verbittert in den Konflikt um Zypern. Jetzt befürworten sogar die griechischen Konservativen, die seit heuer in Athen an der Macht sind, den Beitritt Ankaras zur EU. Nichts scheint mehr übrig zu sein vom grimmigen Türkeibild der hellenischen Rechten.

Die epochale Entspannung zwischen Griechenland und der Türkei ist freilich ein Werk der linken Pasok-Partei, die mit kurzer Unterbrechung von 1981 bis zu diesem Frühjahr regierte. Seit den Erdbeben von Istanbul und Athen 1999 traf sich der aus der legendären Politiker-Dynastie stammende Außenminister Georges Papandreou in immer kürzeren Abständen mit dem türkischen Amtskollegen und baute so Stück für Stück Vertrauen auf. Noch wichtiger aber: Er schärfte den misstrauischen Griechen ein, dass eine zivilisierte, in den Westen integrierte Türkei vor allem im eigenen Interesse sei. Und die Griechen machten den protürkischen Schwenk der Regierung mit.

Ein gewaltiger Mentalitätswandel, den man nicht genug würdigen kann. Denn die Geschichte der türkisch-griechischen Beziehungen hat es in sich: Die Griechen, die schon in einem viel besungenen Freiheitskrieg (siehe Lord Byron) Anfang des 19. Jahrhunderts das „türkische Joch“ abgeschüttelt hatten, wollten sich dann hundert Jahre später für die jahrhundertelange Unterdrückung revanchieren. Als das Osmanische Reich zerfallen war, stießen sie 1922 bis weit in den Osten der Türkei vor – und wurden von der Armee des Gründers der modernen Türkei, Atatürk, vernichtend geschlagen. Als die Landkarte der Region neu gezeichnet wurde, hieß das: Bevölkerungsaustausch – ein Transfer von 1,2 Millionen Griechen, vor allem von der kleinasiatischen Küste, auf die griechische Halbinsel und die Umsiedlung von 400.000 Turk-Moslems aus Griechenland in die Türkei. Die unfreiwillige Völkerwanderung nahm genozidale Züge an.

Und jetzt diese Freundschaft! Das ist nur vergleichbar mit der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Bewundernswert.

Die Götter sind auf den Olymp zurückgekehrt. Und die Griechen endgültig nach Europa. Hoch Hellas!