Hochschulpolitik: Eine Weltklasse für sich

Wer jetzt schon studiert, hat noch Glück – obwohl Hörsäle überfüllt und Professoren überfordert sind. Fünf Gründe, warum sich die Lage der Universitäten und Studenten nicht bessern wird.

Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs am 7. Juli dieses Jahres ist alles anders. Erstmals kann einem Maturanten tatsächlich ein bestimmtes Studium verwehrt werden. Veterinär-, Zahn- und Humanmedizin, Biologie, Betriebswirtschaft sowie Pharmazie, Psychologie und Publizistik dürfen nun Aufnahmestopps verhängen, da sonst der komplette Kollaps durch Numerus-clausus-Flüchtlinge vor allem aus Deutschland droht. Die genannten Institute brauchen nur so viele Hörer zu unterrichten, wie sie bewältigen können.

Das lange absehbare Urteil hat die Diskussionen um die Zukunft der Unis neu angeheizt: Vorlesungen, die aus Platz- und Geldmangel in Kinosälen abgehalten werden; Professoren, die sich weigern, Diplomarbeiten zu betreuen; Studien, die Österreich bescheinigen, im internationalen Vergleich hohe Abbrecher- und geringe Akademikerquoten zu produzieren – Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hatte im vergangenen Studienjahr viel Kritik einzustecken. Und die triste Situation der Unis dürfte sich trotz Verhandlungen und Beteuerungen auch nicht verbessern – aus mehreren Gründen.

1. Der offene Hochschulzugang ist Geschichte
Die Kriterien, nach denen in den acht Studienrichtungen mit Zugangsbeschränkungen in Wien, Graz, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt Studenten ausgewählt werden, stehen noch nicht zur Gänze fest. „Wo Studien sehr ähnlich sind, kann es sein, dass es einheitliche Regelungen geben wird“, sagt Christoph Badelt, der Vorsitzende der Rektorenkonferenz. „Unterschiedliche Auswahlkriterien haben aber den Vorteil, dass Leute mit unterschiedlichen Stärken zum Zug kommen.“

Das Privileg einiger Institute weckt nun Begehrlichkeiten an anderen Instituten und Universitäten. Vor allem durchlässige Stellen könnten bald abgedichtet werden: So unterliegt zwar Betriebswirtschaft einer Beschränkung, bei seinen Verwandten Wirtschaftspädagogik und Volkswirtschaft bestehen dagegen keine solchen Hürden. Folglich könnten Studenten dorthin ausweichen – und damit das Andrangsproblem verlagern.

„Die Rektoren würden die Zugangsbeschränkungen nur allzu gerne auf andere Fächer ausweiten“, fürchtet die stellvertretende ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha. Tatsächlich empfahl der Rechnungshof bereits Anfang August Eingangstests für Lehramtsstudenten. Das Ministerium signalisiert Wohlwollen, die AHS-Lehrergewerkschaft ebenfalls.

Mit einer so genannten Studieneingangsphase, an deren Ende meist eine Knock-out-Prüfung stand, konnten einzelne Fächer schon bisher die Massen filtern. Die Summative Integrierte Prüfung (SIP) am Ende des ersten Medizinstudienjahres ließ nur so viele Studenten passieren, wie Laborplätze im zweiten Abschnitt zur Verfügung standen. Hunderte Studenten, die die Prüfung an sich positiv absolviert hatten, mussten warten – und im schlimmsten Fall ein ganzes Jahr mit dem Studium aussetzen.

2. Die Studienbedingungen werden nicht besser
Die Verhältnisse an Österreichs „Weltklasseunis“ (Ministerin Gehrer) werden sich auch durch die Zugangsbeschränkungen nicht wesentlich verbessern. Zu lange wurde im Unibetrieb improvisiert: Professoren und Assistenten investieren das Gros ihrer Energie in die Abwicklung des Lehrbetriebs, prüfen hunderte Studenten pro Semester. Schriftliche Arbeiten werden teils von Studienassistenten – oft höhersemestrigen Studenten – korrigiert. Teilweise wird wissenschaftliches Personal gar zu reinen Administrationsarbeiten eingeteilt. In Seminaren sitzen bis zu viermal so viele Hörer wie vorgesehen. Die vernünftige wissenschaftliche Erarbeitung von Themen ist da kaum möglich. An der Wiener Publizistik weigerten sich Professoren vergangenes Jahr, neue Diplomarbeiten zu betreuen – auch nach Bewilligung zusätzlicher Gelder hat sich die Lage nicht entspannt. Die Forschungstätigkeit bleibt deshalb vielfach auf der Strecke.

Ändern wird sich daran nicht viel: In den Führungsetagen des Ministeriums und der Rektorate registriert man, dass das System auch so funktioniert. Und für die Abschaffung dieser Selbstausbeutung würde es viel mehr Personal und damit Geld brauchen. In den vergangenen 20 Jahren habe sich die Zahl der Professoren zwar verdoppelt, sagt ÖH-Chefin Rosa Nentwich-Bouchal, die Zahl der Studenten aber vervierfacht. Dabei weist Österreich im OECD-Vergleich eine sehr bescheidene Akademikerrate auf. Die Wirtschaftsuniversität reagierte modern: Ohne Universitätsboden betreten zu müssen, kann man den Stoff der Studieneingangsphase online erarbeiten. Das ist effektiv, fördert aber andererseits weder Networking noch Sozialkompetenz.

3. Der Geldmangel wird chronisch
Die vergangenen Jahre waren für die Universitäten finanziell dramatisch. Die Hochschulen wurden von der Politik zwar in die Selbstständigkeit entlassen, jedoch ohne ausreichendes Budget. Inzwischen zeigt die neue Autonomie ihre monetären Schattenseiten – begleitet von teils absurden Regelungen: Konnten beispielsweise früher Gastvortragende aus der Privatwirtschaft mit Lehrerlaubnis des Ministeriums abgabenschonend im Rahmen von Werkverträgen abgerechnet werden, sind die Unis nun gezwungen, viele Vortragende anzustellen, was deutlich mehr kostet.

Außerdem will die Bundesimmobiliengesellschaft durch anfallende Grundsteuer mehr Geld für die gemieteten Unigebäude, und die Rektorate zahlen sich selbst durch neu geschaffene Funktionstitel bis zu dreimal so viel wie früher. Fast 660.000 Euro kosten der Rektor und seine vier Vizes die Universität Wien nun – statt wie bisher rund 242.000 Euro. Man habe die Unis bei der Ausgliederung gehörig über den Tisch gezogen, ließ ein Verhandler aus dem Finanzministerium gegenüber profil einmal triumphierend wissen.

Für die Universitäten rächt sich das bis heute. „Derzeit fehlen uns rund 170 Millionen Euro“, sagt der Budgetverantwortliche der Rektorenkonferenz, der Innsbrucker Rektor Manfried Gantner. Zwar sollte durch die Leistungsvereinbarungen ab 2007 wieder mehr Geld fließen, doch müssen sich die Unis auch um private Sponsoren kümmern. Unternehmen werden aber hauptsächlich in jene Studienrichtungen investieren, die verwertbare Ergebnisse liefern. Und die Finanzierung der restlichen Fächer, die Bildung statt Ausbildung und Erkenntnisse statt Ergebnisse liefern, genießt politisch derzeit keine Priorität.

4. Das akademische Durchschnittsniveau sinkt
Aufgrund der Konkurrenzsituation zwischen den Universitäten dürften nun jene Studien unter die Räder kommen, deren beruflich-wirtschaftlicher Nutzen nicht sofort erkennbar ist. Vor allem viele „Orchideenstudien“ wie Rumänisch oder Alte Geschichte könnten in andere Studienrichtungen integriert werden, da sie in Relation zu Massenstudien aufgrund des vorteilhaften Betreuungsverhältnisses – wenige Studenten pro Professor – sehr kostenintensiv sind. 39 Fächer produzieren österreichweit nur bis zu je fünf Absolventen jährlich. „So viel Bildung muss sich ein Staat wie Österreich einfach leisten“, monierten die Verantwortlichen dieser Fächer bereits in den Ferien.

Im jüngsten weltweiten Uni-Ranking, das von der US-Universität Harvard angeführt wird, rangiert die Universität Wien auf Platz 85, die anderen heimischen Hochschulen belegen Plätze zwischen den Positionen 200 und 500. Dafür hat sich die Zahl der Fachhochschüler in den vergangenen fünf Jahren von 4114 auf 7558 nahezu verdoppelt. Bis 2010 sollen rund 30.000 Maturanten – ein Siebtel der derzeitigen Unistudenten – an den Fachhochschulen für einen Beruf ausgebildet werden.

Mit dem durch den europäischen Hochschulraum neu geschaffenen Bakkalaureat versuchen die Universitäten dem ein wenig nachzueifern – allerdings ohne den starken Praxisbezug der Fachhochschulen. Bisher gab es einen Magistertitel nach mindestens vier Jahren Studium, zum Bachelor reichen drei Jahre. Wer seinem Namen das Kürzel „Mag.“ voranstellen will, muss zwei weitere Jahre anhängen. Die Jobchancen dürften damit kaum steigen: Die Lehrpläne vieler Studienrichtungen sehen derzeit lediglich die Absolvierung von zusätzlichen Seminaren zwischen „Bakk.“ und „Mag.“ vor. Der Durchschnittsabsolvent wird sich daher künftig wohl mit dem Bakkalaureat als Abschluss zufrieden geben.

5. Die Eliteunis werden zu politischen Feigenblättern
Während in der akademischen Bildung der Universitäten der Mainstream Einzug halten dürfte und die dortigen Professoren mehr mit Lehre denn Forschung eingedeckt sind, soll schon kommendes Jahr eine Eliteuni ihre Pforten öffnen. Insgesamt rund 800 Millionen Euro sollen im kommenden Jahrzehnt in das Projekt des Vorzeigephysikers Anton Zeilinger gepumpt werden. Es werden jedoch hauptsächlich Naturwissenschaftler sein, die – in Kooperation mit der Wirtschaft – dort nach dem Unidiplom weiterforschen sollen.

Innerhalb von nur sechs Monaten gab das Wissenschaftsministerium grünes Licht für das in vielen Details noch unklare Projekt. Ein derartiges Prestigevorhaben und die möglichen daraus resultierenden technisch-wirtschaftlich verwertbaren Forschungsergebnisse lassen sich in der Öffentlichkeit gut verkaufen. Die Mittel für den üblichen Unibetrieb werden dagegen knapp gehalten werden.

Von Josef Barth