Hochwasser: Dammbrüche

Schon im Jahr 1997 wurde ein Hochwasserschutzkonzept für die March ausgearbeitet. Bauernvertreter und Bürokratie stoppten das Projekt, das die aktuelle Flutkatastrophe hätte verhindern können.

Die Beamten haben jahrelang nur Brieferln hin- und herg’schickt, aber g’schehn is nix“, poltert Rudolf Reckendorfer, SPÖ-Bürgermeister der vom Hochwasser schwer getroffenen niederösterreichischen Marktgemeinde Dürnkrut. Schuld sei die Niederösterreichische Landesregierung, weil sie die Planungen für wirksame Hochwasserschutzbauten durch eine langwierige Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) unnötig in die Länge gezogen habe, anstatt den Weg für einen raschen Neubau des Hochwasserschutzdammes freizugeben, wie es auf slowakischer Seite geschehen sei. Im Gegensatz zum Menschenschutz werde der Umweltschutz maßlos übertrieben. „Jedes Vogerl is wichtiger als der Mensch“, schimpft Reckendorfer.

Nach mehreren Dammbrüchen mussten in der Vorwoche entlang der March – sie bildet die Grenze zur Slowakei – hunderte Bewohner in mehreren Ortschaften evakuiert werden. Allein in Dürnkrut standen an die 350 Häuser teils bis zum Dach unter Wasser. Die betroffenen Menschen sind verzweifelt, viele stehen vor dem Nichts. Der lange, kalte Winter mit regional extremen Schneehöhen sowie plötzlich einsetzendes Tauwetter in Verbindung mit teils erheblichen Regenfällen haben in weiten Teilen Europas, von Deutschland über Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Polen bis zu Bulgarien und Rumänien, zu schweren Überschwemmungen geführt. In Budapest erreichte die Donau mit 8,61 Metern den höchsten Pegelstand seit 120 Jahren.

Millionenschäden. In Österreich waren vor allem Teile Ober- und Niederösterreichs betroffen. Die Höhe der Sachschäden lässt sich zurzeit noch nicht wirklich abschätzen, wird aber jedenfalls viele Millionen betragen. „Es ist alles ein Politikum“, behauptet eine vom Hochwasser betroffene Bewohnerin in Dürnkrut, die nicht namentlich genannt werden will. „Wir san a blutrote Gemeinde, und Niederösterreich is tiefschwarz, da g’schieht halt bei uns nix.“ Zugleich deutet die Frau auch Probleme innerhalb ihrer Gemeinde an: „Kaner will an Zentimeter hergeben, aber überschwemmt werden will er auch net.“

Wer ist nun wirklich schuld daran, dass fast ein Jahrzehnt nach dem Hochwasser von 1997 noch immer keine stabilen Dämme am österreichischen Ufer der March stehen? Es gibt viele Verantwortliche. Dass die teils aus den vierziger und fünfziger Jahren stammenden Dämme an der March längst nicht mehr den Anforderungen eines effektiven Hochwasserschutzes entsprechen, ist lange bekannt. Bereits ab dem Jahr 1992 wurden die bestehenden Anlagen vermessen und auf ihre Hochwassertauglichkeit analysiert. In Abstimmung mit der Slowakei wurde ein Hochwasserschutzziel für eine 100-jährige Eintrittswahrscheinlichkeit plus 70 Zentimeter Sicherheitsabstand formuliert. Während sich die Slowakei daranmachte, die formulierten Ziele umzusetzen, gerieten die Baupläne auf österreichischer Seite ins Stocken.

Unmittelbar nach den Überflutungen von 1997 hatten Beamte des Landes Niederösterreich, des Umweltministeriums sowie anderer Körperschaften ein umfassendes Konzept für den Hochwasserschutz an March und Thaya ausgearbeitet. Der Plan sah vor, einzelne Dammabschnitte vom Marchufer näher an die Siedlungen zu verlegen, um so genannte Retentionsräume (Rückhaltebereiche) für die Aufnahme eines eventuellen Hochwassers zu schaffen. Doch lokale Bauern wollten ihre agrarisch genutzten Flächen nicht abtreten und blockierten auf diese Art das gesamte Projekt. „Grad dass sie uns nicht durch die Tür hinausgeprügelt haben“, erzählen Experten, die das Projekt im Jahr 1998 in Mannersdorf an der March der lokalen Bevölkerung präsentiert hatten. Aufgrund der wütenden Proteste der ortsansässigen Bauern sah sich das Land Niederösterreich schließlich veranlasst, das gesamte Hochwasserschutzprojekt zurückzuziehen.

An Geld mangelte es damals nicht. Den betroffenen Bauern wurde nicht nur eine weitere landwirtschaftliche Nutzung der abgelösten Flächen, sondern auch eine Entschädigung für eventuelle hochwasserbedingte Ernteausfälle angeboten. „Landeshauptmann Pröll hätte doch als Bauernbündler seinen Leuten dieses zukunftsweisende Projekt erklären können“, bedauert ein Mitglied der damaligen Expertenkommission, das nicht genannt werden will. „Seine enge Verbindung zum ORF Niederösterreich und zu Printmedien ist ja legendär, er hat Kammern und Bauernbund hinter sich. Stattdessen ist er vor dem Widerstand der Bauern in die Knie gegangen.“ Nun aber seien die durch Flutschäden verursachten Kosten um ein Vielfaches höher als jene, die durch erforderliche Grundablösen und Baumaßnahmen bei Verlegung des Dammes angefallen wären. „Die neuen Dämme hätten bereits 2003 zur Landtagswahl eröffnet werden können. Stattdessen haben wir nun den Dammbruch und die Katastrophe“, sagt der Experte.

Und das waren die Pläne im Detail: Die alten instabilen Dämme, die bei jeder länger andauernden Flut zu brechen drohten, sollten abschnittsweise durch Errichtung einer wasserdichten Mittelwand saniert werden. An einigen Stellen sollte der Damm landeinwärts verlegt werden, um mehr Raum für ein eventuelles Hochwasser zu schaffen. Jeder moderne Hochwasserschutz braucht solche vergrößerten Retentionsräume, in die das Hochwasser strömen kann, um dann langsam abzufließen, erklären Experten. Wenn sich das Wasser auf eine größere Fläche verteilt, wo es wenig Schaden anrichtet, sinkt der Wasserdruck auf die Dämme. Zu geringe Retentionsräume hingegen, also eine „Kanalisierung“ der Flüsse, bewirken, dass Flutereignisse rascher und mit höherer Intensität auftreten.

Werden Flüsse zwischen möglichst hohen Dämmen eingezwängt, so verlagert sich das Problem weiter flussabwärts und führt dort zu Überschwemmungen.

Flaschenhals. Genau in jenen Abschnitten, wo die Verlegung der Dämme geplant gewesen war, traten jetzt nach Dammbrüchen die größten Hochwasserschäden auf. Denn in diesem Bereich des Flusslaufes besteht für die Wassermassen eine Art Flaschenhals (siehe Karte): Während nördlich bei Hohenau und südlich bei Marchegg genug Überflutungsareal existiert, engen im Abschnitt dazwischen sowohl der österreichische wie auch der slowakische Damm den Fluss ein. Dadurch staut sich das Hochwasser auf und drückt gegen die Dämme, weshalb die Schutzbarrieren genau dort in besonders schlechtem Zustand sind. „Mehr als die Hälfte aller natürlichen Retentionsräume an der March wurden in den letzten hundert Jahren vernichtet“, kritisiert der Biologe und Marchauen-Experte Walter Hödl, Vorsitzender des Naturschutzbundes Niederösterreich. „In Jahrzehnten, wo es kaum Überschwemmungen gab, hat man diese ‚sauren Wiesen‘ als Ackerflächen oder als billiges Bauland verwendet. Jetzt rächt sich dieser Fehler, der Fluss bricht durch den Damm wieder in den alten Überschwemmungsraum ein.“ Schon in den achtziger Jahren gab es übrigens Pläne des damaligen Landwirtschaftsministers Josef Riegler, durch Grundtausch Flächen für Retentionsräume an der unteren March frei zu machen. Die Bauern hatten bereits zugestimmt, die Sache scheiterte aber am Veto des Finanzministeriums.

Nach den wütenden Bauernprotesten des Jahres 1998 und dem Stopp des Hochwasserschutzprojekts geschah lange nichts. Erst nach dem Jahrhunderthochwasser des Jahres 2002, von dem die March nahezu verschont geblieben war, kam ein neues Projekt in Gang, das die Ackerflächen der lokalen Bauern unberührt lassen und nur bestehende Dämme erhöhen und festigen sollte. Im Jahr 2002 trat auch das Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) in Kraft. Dieses Gesetz sieht die UVP für Projekte bestimmter Größenordnungen vor, bei Hochwasserschutzdämmen ist sie ab einer Länge von fünf Kilometern zwingend vorgeschrieben.

Aufgrund dieser Bestimmung wird häufig versucht, Projekte in kleinere Teilsegmente zu zerlegen, um der UVP zu entgehen. Nachdem die Wasserstraßendirektion gegenüber der obersten Wasserrechtsbehörde des Bundes drei Einzelprojekte vorgelegt hatte, verlangten die Ministerialen die Zusammenführung der Teilprojekte in ein einziges Projekt und schalteten die Niederösterreichische Landesregierung ein. Denn mit einer Baulänge von insgesamt 6,5 Kilometern war das Projekt nun UVP-pflichtig und damit die Landesregierung zuständig.

Das von der damaligen Wasserstraßendirektion vorgelegte Projekt war jedoch teilweise „schleißig konzipiert“, behauptet ein mit dem Vorhaben Befasster. Zudem ließ dieses Vorhaben (durch fehlende Erweiterung der Retentionsräume) absehbar geringeren Hochwasserschutz erwarten, sah dafür aber heikle Eingriffe in die Naturlandschaft vor. „Die Sachverständigen der Landesregierung konnten gar nicht anders, als Einspruch zu erheben. Sie sind vom Gesetz dazu verpflichtet, wenn das Projekt mangelhaft ist“, erzählt der mit dem Projekt vertraute Insider. Eine Variante mit erweiterten Retentionsräumen scheiterte schon im Vorfeld wieder am Protest der Landwirtschaftskammer.

Auslagerung. In der Zwischenzeit wurde die Wasserstraßendirektion aus der Bundesverwaltung ausgelagert und firmiert seit 1. Jänner des Vorjahres unter dem neuen Namen via donau – Österreichische Wasserstraßen-GmbH. Die neue Gesellschaft übernahm mit den nahezu hundert Beamten offenbar auch einige Missstände, wie der neue Geschäftsführer Helmut Pablé andeutet. Allein in der Liegenschaftsverwaltung sei er auf „1200 unerledigte Akten“ gestoßen. „Es hat teils extreme Krankenstände gegeben, in einem Fall waren es im Vorjahr 136 Krankenstandstage“, berichtet Pablé.

Dass in einem derartigen Arbeitsklima entwickelte Projekte nicht unbedingt Topqualität erreichen, lässt sich nur vermuten. Jedenfalls verlangten die das Projekt prüfenden 20 Sachverständigen insgesamt an die 70 Projektabänderungen sowie die Untersuchung von neun weiteren Varianten. „Mir hat’s die Red’ verschlagen, wie ich gehört habe, wir müssen ein Gutachten liefern, dass die Abgase der Dieselfahrzeuge dort nicht die Umwelt schädigen. Auch für die Lärmbelästigung durch Baumaschinen wurde ein eigenes Gutachten verlangt“, berichtet Pablé.

Die meisten Experten halten eine Umweltverträglichkeitsprüfung bei Dammprojekten für sinnvoll. Allerdings dürfe sie sich nicht in bürokratischen Details verlieren.

Den Verdacht übertriebener Umweltschutzauflagen, wie ihn Pablé und der Dürnkruter Bürgermeister hegen, weist der zuständige ÖVP-Umweltlandesrat in Niederösterreich, Josef Plank, weit von sich: Die Projektbetreiber hätten nur auflisten müssen, welche Fahrzeuge sie verwenden, weil es nicht einerlei sei, ob beispielsweise ein Caterpillar oder nur Lkws eingesetzt werden. „Dann hätten sie sich die Prozedur erspart“, sagt Plank, der das Bauvorhaben ebenfalls als „nicht großartig“ bezeichnet. „Ein Projekt, das im August 2002 gut vorbereitet eingereicht worden wäre, wäre heute wahrscheinlich schon gebaut und abgeschlossen“, glaubt Landesrat Plank. So aber müssen die Bewohner an der March voraussichtlich noch Jahre warten, bis ihre Region über tauglichen Hochwasserschutz verfügen wird.

Von Robert Buchacher und Gerhard Hertenberger