Höhenrausch

„Es gibt jene, die ihre Anerkennungssucht zugeben, und jene, die nicht“ Erek Lingam „Sie ahnen nicht, wie viel Lob ich ertragen kann“ Bruno Kreisky

Wir leben in einer Zivilisation, die noch feucht hinter den Ohren ist. Sie wird von späteren, höher entwickelten Gesellschaften als kindliche Epoche belächelt werden. Man wird von einer Frühwelt des Geistes sprechen, deren größter gemeinsamer Nenner das Streben nach höherer Anerkennung war.

Kinder fordern, was noch entzückend ist, trotzig den Status von Einzigartigen und Besten. Die Erwachsenen auch, nur mit anderen Stilmitteln. Die Jahre verfeinern die Darstellung der Anerkennungssucht. Beispielsweise ist erfreulich, dass nur wenige Erwachsene öffentlich in Nachttöpfe kacken, um damit – wie die Kleinkinder – ihren wesentlichen Leistungsnachweis zu liefern. Manche Erwachsene haben sogar das Stadium der Pubertierenden überwunden, die mangels Rhetorik und geistiger Reife gezwungen sind, mit körperlichen Gesten (Horror-Make-up, Blauhaar, Piercing, Imponiergekreisch) aufzufallen.

Die Art der Erwachsenen, sich an die Rampe der Bühne zu spielen, zeigt im Vergleich zu den Jugendlichen eine gewisse Eleganz. Zwar vertrauen Bildungsarme noch immer auf die Magie von Goldketten und goldfarbenen Autos mit gelben Felgen. Doch im Allgemeinen werden Mittel des Geistes eingesetzt, um sich von den Statisten abzuheben.

Die wichtigsten dieser Mittel werden im Folgenden erstmals wissenschaftlich kategorisiert.

Mittel Nr. 1, das spätere Generationen besonders verstören wird, ist Workaholismus selbst in Fällen, wo nicht Berufsliebe, sondern Berufshass vorliegt.

Mittel Nr. 2 ist die liebeshungrige Selbstlüge. „Meine größte Schwäche ist die Großzügigkeit“, sagten unisono Conrad Hilton und Paul Getty, die zwei geizigsten Tycoons.

Mittel Nr. 3 ist disziplinierte Selbstverherrlichung, für die André Heller die ewige Messlatte schuf. Schon als früher Twen drehte er, keineswegs verspätet, den Fernsehfilm „Das war André Heller“.

Mittel Nr. 4, fein zu unterscheiden von Nr. 3, ist Egomanie mit Einschlüssen peinlicher Reue. Das feinste Beispiel lieferte der polnische Schriftsteller Stanislaw Jerzy Lec. Nachdem er drei Stunden über sich gesprochen hatte, habe er laut Reich-Ranicki gerufen: „Sprechen wir endlich von Ihnen, mein Lieber, wie gefiel denn Ihnen mein neues Buch?“

Mittel Nr. 5: Gezielte Nähe zu Talenten und Stars, um den eigenen Status zu heben. Im großen Ganzen die „Seitenblicke“-Society. Literarisch unvergesslich das „künstlerische Abendessen mit einem Burgtheaterschauspieler“ in Thomas Bernhards Roman „Holzfällen“.

Mittel Nr. 6: Kokette Darstellung von Bescheidenheit, die, obgleich meist durchaus berechtigt, den Eindruck von Exzellenz anstrebt. Nur wenige ehrliche Bescheidenheitssätze sind in Erinnerung: literarisch der Ausruf eines alternden Provinzschauspielers („Ich hab’ noch nie gefallen“) und biografisch eine Frage von Albert Einstein: „Warum mögen mich alle, obwohl mich keiner versteht?“

Unsere Zivilisation ist blutjung. Sie ist, wenn man die Existenz der Hominiden als Tag nimmt, erst fünf Sekunden alt. In dieser Lernphase hat die kindliche Anerkennungssucht ihren Sinn. Sie nützt der Evolution. Trotz ihrer lächerlichen Nebengeräusche passt sie in eine Kolumne namens „Good News“.

Ohne sie gäbe es keine der Erfindungen, die wir heute schätzen. Ohne sie gäbe es keinen soziologischen Fortschritt. Ohne Anerkennungssucht, deren positives Bruderwort die „Ambition“ ist, hätte es nie eine Aufklärung gegeben. Die Welt wäre noch immer geteilt in „gottgewollte“ Obrigkeiten (Kirche und Aristokratie) und den unteren Rest. Die egoistische Ambition, „ständig die eigenen Lebensumstände zu verbessern“ (Sir Karl Popper), hat das Werden von Demokratien gefördert. Deren Anzahl wuchs umso schneller, je näher wir der Gegenwart kommen. Zugleich ging die Anzahl der Kleinkriege und Bürgerkriege progressiv zurück, um drei Viertel in den vergangenen fünfzig Jahren, wie der „Economist“ zählte. Diese positive Bilanz mag überraschen. Die meist hysterischen Medien geben ein anderes Bild. Aus Gründen der Auflagen und Quoten suchen sie die blutige Sensation, selten eine Vogelschau der Entwicklung.

Die Menschensehnsucht nach Liebe, Freude und Anerkennung werden demnächst auch die Religionsgemeinschaften spüren. Sie wirken lieblos, leidorientiert und spröd. Sie wirken mit ihrem Machtwahn eines „Zentralkomitees des Jenseits“ individualismusfeindlich. Sie erreichen keine Herzen, nur ängstliche Seelen. Ohne Reformen werden sie zum Nadelöhr, das den Faden der Evolution hemmt.

Die Christenkirche beispielsweise wird wohl nur überleben, wenn sie auf ihre internen Revoluzzer hört. Diese wollen zwar die gleichen Zehn Gebote vermitteln, sind aber tapferer als ihre gestrigen Hirtenbrüder.

Sie trauen sich zu, Menschen zu überzeugen, nicht nur Schafe.