Höhenrausch, Leichtsinn und das Klima

Nach einer Serie von tödlichen Unfällen im Himalaja und in den Alpen werden die Risiken des Bergsteigens neu bewertet: Wie viel Gefahrenpotenzial liegt in menschlichem Leichtsinn, und welche Rolle spielt der Klimawandel?

Zwei Rucksäcke und ein Bergschuh: Das sind die einzigen Spuren, die von dem Tiroler Bergführer Stefan Eder, seinen vier deutschen Kunden und drei Bergsteigern aus der Schweiz mit freiem Auge erkennbar waren. Nur anhand der Signale aus ihren Ortungsgeräten konnten französische Rettungskräfte am Montag der Vorwoche sieben der acht verschollenen Tourengeher auf den Hängen des Mont Blanc du Tacul lokalisieren: Sie liegen bis zu eineinhalb Kilometer entfernt von jenem Pfad, von dem sie am Vortag gegen drei Uhr morgens eine Lawine fortgerissen hatte – begraben unter einer 20 bis 50 Meter dicken Schicht aus Schnee und Eis. „Auf diese Zone stürzen permanent weitere Eisplatten“, meinte ein Polizeisprecher. Deshalb sei es unmöglich, eine Bergungsmannschaft loszuschicken. Wahrscheinlich bleiben die sterblichen Überreste der acht Alpinisten für immer am Berg.

Unfall-Häufung. Der Unfall am Mont Blanc du Tacul war die bisher schlimmste Bergtragödie des diesjährigen Sommers, jedoch keineswegs die erste: Mitte Juli hatte das Schicksal von drei Südtiroler Extrembergsteigern im Himalaja die Weltöffentlichkeit in Atem gehalten. Der Routinier der Gruppe, Walter Unterkircher, war auf dem Nanga Parbat in 6000 Meter Höhe in eine Gletscherspalte gestürzt. Seine Kameraden konnten ihn nicht bergen, mussten höher steigen, um den gefährlichen Hang zu verlassen, und wurden dort von schlechtem Wetter überrascht. Neun Tage lang harrten sie am Berg aus, erst danach konnten sie mit dem Abstieg beginnen. Sie wurden schließlich von pakistanischen Soldaten per Hubschrauber in Sicherheit gebracht.
Schlagzeilenträchtig auch die Ereignisse auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze. Im plötzlich einsetzenden Schneegestöber erfroren im Juli zwei Bergläufer. Sie waren nur mit Laufleibchen und kurzen Hosen bekleidet gewesen. Doch nicht nur für Extremsportler sind Berge ein gefährlicher Aufenthaltsort. Insgesamt, so meldete das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit in der Vorwoche, kamen heuer allein in Österreich 233 Menschen in den Alpen ums Leben, die meisten davon waren Wanderer. In Tirol, sagt Kuratoriumschef Karl Gabler, ereignen sich auf den Bergen sogar mehr tödliche Unfälle als auf den Straßen.

Hypothesen zu den Ursachen sind schnell zur Hand: Steigt nicht die Zahl der überehrgeizigen Halbschuhtouristen, die sich in maßloser Selbstüberschätzung an die steilsten Hänge und höchsten Gipfel wagen? Und könnte nicht der Klimawandel den Bergen so sehr zusetzen, dass sie sich unversehens vom weitgehend sicheren Freizeitareal für arglose Wanderer zur Hochrisikozone verwandeln? Die Antworten der Bergexperten fallen differenziert aus: Die jüngste Katastrophe am Mont Blanc etwa, so heißt es, passe in keines der einfachen Erklärungsmuster: Die Bergsteiger waren bestens ausgerüstet, hatten sich eine nicht besonders schwierige, wenn auch sehr lange Etappe vorgenommen. Dass die Eislawine just in dieser Nacht vom Gletscher brach, habe nichts mit dem Klimawandel zu tun, der Unglücksfall sei „vollkommen unvorhersagbar und schicksalhaft gewesen“, sagt Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst Tirol. „Das ist ein nicht ausschaltbares Restrisiko in dieser Höhe.“

Werden die Berge also immer gefährlicher? Selbst für Fachleute liegt dieser Schluss zunächst nahe. Auch Ingo Kroath vom Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit war von den gehäuften Unfallmeldungen beeindruckt: „Da entsteht schon der Eindruck, dass immer mehr passiert.“ Doch ein Blick in die Unfallstatistiken zeigt: Bisher entsprechen die Unfallzahlen des Bergjahres 2008 den langfristigen Durchschnittswerten. Präzise lässt sich dies zumindest für die österreichischen Berge vorhersagen: „In der Wander-Hauptsaison September und Oktober müssen wir erfahrungsgemäß mit weiteren 70 bis 80 Toten rechnen“, berichtet Kroath. Zum Vergleich: 2006 verloren 278 Menschen ihr Leben in den Bergen, 2007 waren es 329. In den vergangenen 20 Jahren seien die Werte stets zwischen 300 und 400 gelegen, so Kroath, knapp 30 Menschen kommen pro Jahr in Lawinen ums Leben.
Weiter zurück reichen die Aufzeichnungen der schweizerischen Bergrettung. Mit eidgenössischer Präzision wird dort bereits seit 60 Jahren jedes einzelne Lawinenopfer registriert, und dabei zeigt sich ein erstaunlicher Trend: Die Zahl der Toten sinkt seit rund 30 Jahren und beträgt nun durchschnittlich 25 pro Jahr. „Und das, obwohl heute sicher mehr Leute als Tourengeher oder Variantenfahrer abseits der Pisten unterwegs sind als vor 30 Jahren“, meint Lukas Dürr vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos.

Sicherer durch Technik. Ein Grund für diese Entwicklung sei das bessere Equipment. So würden sich immer mehr Menschen mit so genannten Lawinenpiepern ausrüsten. Diese taschenbuchgroßen Geräte senden ein elektronisches Signal aus, das im Notfall Retter zu den Verschütteten führt. Die Pieper zeigen Wirkung: Mitte der siebziger Jahre brauchten Helfer im Durchschnitt noch zwei Stunden, um einen völlig verschütteten Bergsteiger oder Skifahrer auszugraben. Heute gelingt dies in 20 bis 30 Minuten. Entsprechend größer sind auch die Überlebenschancen: In den siebziger Jahren kamen nur vier von zehn Verschütteten mit dem Leben davon, heute sind es immerhin sechs von zehn.

Auch die Aufzeichnungen der österreichischen Berggendarmerie bestätigen das Faible der Alpinisten für Hightech-Ausrüstung: Bei nur zwei Prozent aller Bergtoten geben sie Ausrüstungsmängel als Unfallursache an. „Die Menschen kaufen sich schon im Bergshop das Abenteuer“, beobachtet Kroath. „Es ist schick geworden, funktionelle Kleidung und Schuhe zu tragen.“ Der Hang zur Selbstüberschätzung am Berg ist jedoch geblieben. Menschen, die das ganze Jahr im Büro sitzen, streben in den wenigen Urlaubstagen nach allzu hohen Zielen – und überfordern sich damit nicht selten heillos. Besonders beliebt sind Rekordberge wie der Großglockner in Österreich oder der Mont Blanc, mit 4810 Metern der höchste Alpengipfel. „Dort oben stehen mehr überforderte Bergsteiger als auf den umliegenden, nur wenig niedrigeren Gipfeln“, so Kroath, selbst ausgebildeter Bergführer. Die meisten Dramen haben jedoch mit den mannigfaltigen Herausforderungen der Berge nur mittelbar zu tun: Nicht Stolpern, Ausrutschen oder Verirren, sondern der Herzinfarkt des durchschnittlichen, meist männlichen Bergwanderers ist Jahr für Jahr die häufigste Todesursache in Österreichs Bergwelt.

Dünne Luft. Ganz anders dagegen die Lage im Himalaja. Wer sich an die Achttausender wagt, riskiert vor allem den Tod durch Absturz oder Lawinen. Das geht aus dem „Himalaja Journal“ von Elizabeth Hawley hervor. Die zierliche Amerikanerin lebt seit 1960 im nepalesischen Katmandu und führt penibel Buch über jede einzelne Expedition und jeden einzelnen Todesfall am Dach der Welt. Aus ihren Daten können unternehmungslustige Alpinisten auch herauslesen, auf welchem der Berggiganten sie die höchste Überlebenschance haben. In Österreich ist es ungleich schwerer zu erheben, wie viele Wanderer, Bergsteiger, Kletterer und Wintersportler pro Jahr in den Alpen unterwegs sind. Die Tourismuswirtschaft spricht von einem veritablen Boom im Alpintourismus. Wenn die Besucherzahlen tatsächlich steigen, die Opferzahl aber etwa gleich bleibt, so bedeutet das ein immer geringeres statistisches Risiko für den einzelnen Bergsportler.

Doch Axel Borsdorf , Geograf an der Forschungsstelle Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, widerspricht. Seinen Höhepunkt habe der Bergtourismus in Österreich bereits in den neunziger Jahren erlebt – und überschritten. Damals waren 130 Millionen Nächtigungen pro Jahr im österreichischen Alpenraum zu verzeichnen, heute sind es nur noch 115 Millionen. „Vor allem Sommertouristen haben sich im Billigflieger in Richtung sonnenreicherer Destinationen verabschiedet“, so Borsdorf. Weniger Bergbesucher bei ungefähr gleichbleibend vielen Opfern: Dies deutet darauf hin, dass die Alpen für den einzelnen Bergsteiger in der Tat gefährlicher geworden sind.

Wanderer und Bergsteiger sind heute auf Almen, Karen und Scharten Risiken ausgesetzt, die ihre Vorgänger so noch nicht fürchten mussten. Schuld daran ist der globale Klimawandel, der in den Alpen besonders rasant vonstatten geht. Während die globalen Durchschnittstemperaturen in den vergangenen 120 Jahren um 0,8 Grad Celsius stiegen, wurde es in den Alpen gleich um durchschnittlich 1,5 Grad wärmer. Das bringt den ganzjährig festgefrorenen so genannten Permafrostboden rings um die höchsten Kuppen zum Tauen. „Dieser Permafrostboden wirkte bisher wie ein Kleber für die Berge“, sagt der Meteorologe Wolfgang Schöner von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien. Wenn dieser Kleber nun im globalen Treibhauswetter schmilzt, steigt die Gefahr von Hangrutschungen und Steinschlag. Die Gletscherschmelze (siehe profil 34/08) trägt ebenfalls zur Verunsicherung bei: Und dort, wo das Eis schmilzt, kommen wackelnde Felsen und rutschendes Geröll zutage.
Verstärkt werden diese Risiken durch die schnellere Verwitterung, die durch den Frostwechsel in immer größeren Gebieten ausgelöst wird. Regenwasser dringt in Felsritzen, gefriert und dehnt sich dadurch aus. Das kann Felsabsprengungen verursachen. Besonders anschaulich ist dieser Prozess am 3105 Meter hohen Sonnblick zu beobachten. Seit 122 Jahren steht auf seinem Gipfel ein meteorologisches Observatorium, vor einigen Jahren drohte es vom mürbe gewordenen Gipfel zu kippen. In einer drei Jahre dauernden Kampagne musste der Gipfel mit Eisen- und Betonklammen stabilisiert werden.

Klimafolgen. Im Tal sorgen die labiler werdenden Bergriesen bereits für wachsende Schäden. Mitverantwortlich dafür sind die klimabedingt immer häufigeren extremen Niederschläge, die früher eher als Schnee fielen, heute jedoch als Regen niederprasseln. So mussten die Bewohner der Gemeinde Pflach innerhalb von nur sechs Jahren zwei schwere Überschwemmungen und Vermurungen durchstehen. In der Schweiz stürzte im Mai 2006 ein tonnenschwerer Felsbrocken 700 Höhenmeter tief auf die Gotthardautobahn im Kanton Uri. Zwei Lastwagen wurden umgeworfen, und zwei deutsche Urlauber starben in ihrem Auto. Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2005 glauben 55 Prozent der Bergführer in der Glocknerregion, dass der Klimawandel Bergtouren in ihrem Revier riskanter machen wird. Noch taucht Steinschlag in Rankings der Unfallstatistiker erst an unbedeutender Stelle auf. Doch andere Klimafolgen machen den Alpinisten bereits zu schaffen: Da immer weniger Schnee fällt, werden auch die Gletscher immer gefährlicher. So stürzte im August des Vorjahres eine polnische Seilschaft auf dem Hofmannskees, einem Gletscher am Großglockner, ab. Zwei Männer starben. Sie waren trotz Steigeisen auf dem blanken Gletschereis ausgerutscht. Früher, so erinnern sich ältere Bergsteiger, konnte man an der Unfallstelle viel sicherer durch hohen Schnee stapfen.

Von Gottfried Derka