Hofburgwahl: Krieg der Stellvertreter

Die Kandidaten halten sich nobel zurück, deren Helfer steigen umso kampfeslustiger in den Ring.

Es sind gerade noch drei Wochen bis zur Wahl, und selbst ein langjähriger Wahlkampfbeobachter wie der
Politologe Fritz Plasser fragt sich, ob „überhaupt ein Wahlkampf stattfindet“. Von Inszenierungen und Wortmeldungen über Amtsvilla und Sommersitz einmal abgesehen habe man noch von keinem der Kandidaten eine programmatische Rede gehört. Plasser kann sich das nur so erklären, dass sowohl SPÖ-Kandidat Heinz Fischer als auch ÖVP-Kandidatin Ferrero-Waldner das Risiko scheuen, durch pointierte Wortmeldungen potenzielle Wähler zu verschrecken.

Die Langeweile des Wahlkampfs wird noch dadurch verstärkt, dass beide Kandidaten aneinander vorbeireden. Zwangsläufig. Benita Ferrero-Waldner hat sich nämlich bisher einer direkten Konfrontation mit Heinz Fischer verweigert. „Das ist eben meine Strategie“, erklärt sie.

Dossiers über den jeweiligen Gegner wurden in den Parteizentralen schon in den Weihnachtsfeiertagen erstellt, verwendet hat man sie bisher kaum.

Das ändert sich. Weil es jedoch einem Hofburg-Anwärter nicht gut ansteht, die Glaubwürdigkeit des jeweils anderen in Zweifel zu ziehen und Untergriffe auf dessen Integrität zu starten, müssen Parteisekretariate die so genannte Schmutzarbeit erledigen und Prominente das Scharmützel führen.

Eine der unermüdlichsten Fürsprecherin für Heinz Fischer, die ehemalige Parteichefin des Liberalen Forums, Heide Schmidt, hat sich schon früh zu seiner Unterstützung entschlossen. Sie tue es, sagt Schmidt, weil all das, was ihr in der politischen Kultur des Landes wichtig sei, von Heinz Fischer repräsentiert werde. Er sei weder opportunistisch noch feig, sondern bereit, anderen genau zuzuhören, die eigene Meinung zu überprüfen und im Konfliktfall im Hintergrund eine Lösung herbeizuführen. Fischer sei überdies uneitel genug, um nicht gleich mit Standpunkten an die Öffentlichkeit zu gehen, weil dies das Zugehen auf den anderen immer erschwere. Schmidt, die selbst einmal als Präsidentschaftskandidatin der Freiheitlichen (1992) und der Liberalen (1998) wahlkämpfte und dabei sehr pointierte Standpunkte vertrat – sie sagte 1998, sie würde Jörg Haider niemals angeloben –, kann mit Heinz
Fischers Erklärung, er wolle in dieser Hinsicht nichts präjudizieren, sondern nach Wählervotum, Verfassung und Österreichs Ansehen entscheiden, „sehr gut leben“.

Schmidts Erwartungen erfüllen damit ziemlich exakt das Bild, das Fischers Wahlkampfstrategen werbetechnisch umzusetzen bemüht sind: Die Menschen sollen Fischer zutrauen, in schwierigen Situationen kühlen Kopf zu bewahren – eine Stärke, die gleichzeitig elegant auf eine Schwäche der Gegnerin verweist, die auf politischem Terrain als nicht besonders trittfest gilt.

So mag es kaum verwundern, dass sich die Strategen der Gegenseite auf Heide Schmidt eingeschossen haben, als ginge es um sie selbst. Als bekannt wurde, dass sie gemeinsam mit Freda Meissner-Blau und Gertraud Knoll (beide waren einst Hofburgkandidatinnen der Grünen) zur Wahl Fischers aufruft, nannte das der Sprecher des Ferrero-Komitees, Kurt Bergmann, „grotesk“. Die drei Frauen seinen bloß „frustriert“, weshalb sie jetzt für einen Mann ins Feld zögen. Das Ganze sei „in der Nähe des Witzbuches angesiedelt“, setzte der ehemalige ÖVP-Generalsekretär noch hinzu. Benita Ferrero-Waldner, die auch mit dem Verweis auf „Frauensolidarität“ um Stimmen wirbt, hat er damit freilich einen Bärendienst erwiesen.

Seit dem Haider-SPÖ-Pakt in Kärnten schmilzt Fischers Vorsprung, doch er liegt immer noch um satte acht Prozentpunkte vorn. Einige Meinungsforscher halten das Rennen für Fischer bereits für gelaufen. Die Unruhe wächst, der Wahlkampf wird schmutziger. Zuletzt wurden von einer der ÖVP nahe stehenden Organisation Inserate geschalten, in denen Bruno Kreisky Fischer einmal Feigheit unterstellt haben soll. Ein solches Zitat ist naturgemäß nicht überprüfbar, was aber nicht einmal den ehemaligen Religionslehrer und oberösterreichischen Landeshauptmann Josef Pühringer auf seinem Parteitag davon abhielt, damit seine Leute anzufeuern.
Das SPÖ-Wahlkampfteam, wo man vermutlich etwas weniger nervös ist, hat bisher darauf verzichtet, mit dem entsetzten Ausruf des ehemaligen ÖVP-Klubchefs Heinrich Neisser – „aber sie ist doch vollkommen unpolitisch“ („News“, Juli 2001) – zu werben.

„Von einer Schmutzkübelkampagne ist das noch meilenweit entfernt“, beruhigt der Politologe Fritz Plasser. Die zarten Ansätze eines Negativ Campaining würden auch nur auffallen, weil der Wahlkampf insgesamt so arm an Themen sei. „Nützen wird es kaum“, vermutet Plasser. „Schaden aber auch nicht.“