Holocaust: „Ich habe euch nicht vergessen“ Momente aus dem Leben Simon Wiesenthals

„Du bist ein religiöser Mensch. Du glaubst an Gott und ein Leben nach dem Tod. Wenn wir in diese andere Welt kommen und die Millionen von Juden treffen, die in den Lagern gestorben sind, und sie uns fragen, ‚Was habt ihr gemacht?‘, wird es viele Antworten geben. Der eine wird sagen, ‚Ich bin Juwelier geworden‘, der andere, ‚Ich habe Kaffee und Zigaretten geschmuggelt‘, noch ein anderer, ‚Ich habe Häuser gebaut‘. Und ich werde sagen, ‚Ich habe euch nicht vergessen‘.“ Simon Wiesenthal

Mauthausen, Mai 1945, einer der allerersten Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers.

Gestützt von zwei Helfern schleppt sich ein Insasse in das Büro des amerikanischen Colonel Richard Seibel. Den Colonel wird das Bild nicht mehr verlassen: „Ein Skelett, an dem ein gestreifter Pyjama hing. Ein Mann, der dennoch mit seinen Augen sprechen konnte.“

Der ausgezehrte Mann lässt sich auf einen Sessel fallen, sieht, wie GIs ehemalige SS-Männer in Ketten hereinbringen, sie verhören und ist gebannt: „Ich war gerade Zeuge dessen geworden, was der Inhalt meiner Träume gewesen war. Etwas, von dem ich während der ganzen Zeit in den Lagern niemals geglaubt hatte, dass es einmal wahr werden könnte.“ Simon Wiesenthal erlebt zum ersten Mal, dass jene, die eben noch über Leben und Tod entschieden hatten, Rede und Antwort stehen müssen.

Beinahe vergisst er, warum er hergekommen war: der polnische Lagerfunktionär Kasimirz Rusinek, ein ehemaliger Mithäftling Wiesenthals, hatte ihn geschlagen und mit den Worten „Du verdammter Muselmann“ aus der Baracke geworfen, in der nun Ausweise zum Verlassen des Lagers verteilt wurden. Nachdem Wiesenthal seine Beschwerde vorgebracht hat, bittet er, noch ein wenig im Verhörraum bleiben zu dürfen.

Ab jetzt kommt er jeden Tag zu den Verhören. Und jeden Tag ersucht er, für die Einheit, die sich mit mutmaßlichen Kriegsverbrechern befasst, arbeiten zu dürfen. Die Amerikaner fragen ihn immer wieder, wie viel er wiege, und lachen, als er etwas von 55 Kilo sagt. Um ihn loszuwerden, geben sie ihm Stift und Papier.

Um ihn herum sterben immer noch Menschen an ihrer Schwäche. Simon Wiesenthal schreibt auf seiner Pritsche liegend in polnischer Sprache die erste Liste der Nazis und der Verbrechen, an die er sich erinnert. Es ist der 25. Mai 1945.

Die Liste wird später im amerikanischen Nationalarchiv gefunden. Sie enthält 91 Namen. Und kurze Charakterisierungen wie die über den SS-Wächter Hujar im Lager Plaszow: „Gewinner zahlreicher Wetten, weil es ihm gelang, eine Kugel durch zwei Köpfe gleichzeitig zu jagen.“ Die Liste enthält aber auch Namen von Nazis, die sich anständig benommen hatten.

Die Aufstellung gilt als einzigartig, es heißt, kein anderer Überlebender sei so nahe am Ende des Grauens zur Wiedergabe ähnlicher Informationen in der Lage gewesen. Der Verfasser meinte später nicht ohne Stolz: „Mein Gedächtnis war damals ausgezeichnet.“

Sechzig Jahre danach ist Simon Wiesenthal die große Ikone für den Kampf gegen das Vergessen. Sein von beinahe einem Jahrhundert gezeichnetes Gesicht ist Symbol dafür, was nun das Gewissen genannt wird.

Er weiß wahrscheinlich mehr an Details über den großen Zivilisationsbruch der westlichen, christlichen Welt als jeder andere. Und er weiß um die Hilflosigkeit, das Verstecken, Taktieren, Abwürgen und das politische Spiel danach.

Es sind die Momente der ersten Nachkriegszeit, aus der das Phänomen Wiesenthal erfahrbar wird. Wie er seinen singulären Weg des Ermittlers auf eigene Faust beginnt. Wie entschieden, streitbar und von sich und seiner Sache überzeugt er ihn zu gehen gewillt ist.

Die meisten Überlebenden konnten nicht anders, als das Geschehene über Jahrzehnte tief in sich zu verbergen. Wiesenthal hatte noch in den Lagern seine Mitinsassen ständig nach Informationen über Täter gefragt.

Eintrittskarte. Den Gedanken, dass es überhaupt ein „Nachher“ geben würde, in dem diese Informationen verwertbar sein könnten, datiert er auf ein Erlebnis während eines Transports. Ein Unterscharführer hatte den Häftlingen erklärt, wenn seinem Hund im Wagen etwas passiere, würden sie alle erschossen. Wiesenthal schloss damals, solange ein Hund zwischen ihnen liege, gehe die Fahrt nicht in die Vernichtung, und folgerte, die SS habe schon ein „Nachher“ im Blick. Also beschloss er: „Man muss Zeuge sein, Zeuge für später.“

Als er im Mai 1945 seine Liste fertig hat, ist er zu müde, für sich eine Kopie anzufertigen. Doch sein Begleitbrief gerät zur klaren Analyse der Situation. Wiesenthal schreibt seine Überzeugung nieder, dass denjenigen, die für die Schrecken in den Konzentrationslagern im Osten verantwortlich sind, vielfach die Flucht vor der sowjetischen Armee geschafft haben und „nicht im östlichen Teil Europas zu finden sind, sondern sich entweder in Süd- oder in Westdeutschland aufhalten“.

Zu diesem Zeitpunkt fürchtet er, seine ganze Familie, auch seine Frau Cyla, sei unter den Ermordeten, und will antreten, die Mörder zu überführen: „Obwohl ich polnischer Staatsbürger bin und gern in meinen Heimatort zurückkehren würde, glaube ich, dass die Verbrechen dieser Männer von einem derartigen Ausmaß sind, dass keine Anstrengung unterlassen werden sollte, um sie zu verhaften. Ich glaube auch, dass es meine Pflicht ist, meine Dienste anzubieten, entweder, um die Beschreibung ihrer Missetaten zu vervollständigen, oder – falls eine Identifizierung gebraucht wird – als Augenzeuge.“

Viele der Fälle, die Wiesenthal später veröffentlichen sollte, gehen auf diese ersten Nachkriegsmonate zurück: „Es war, als ob man einer Fliege hinterherlaufe. Wenn ich einen Nazi verfolgte, konnte ich drei weitere auf dem Weg dorthin aufsammeln.“ Seine Liste war zur Eintrittskarte in die Fahndungsabteilung der US War Crimes Unit geworden. Wiesenthal kann selbst Verhaftungen vornehmen. Bei seiner ersten, der Festnahme eines SS-Wächters in Mauthausen, ist er beinahe zu schwach, die Stiegen zum Haus des Mannes hochzusteigen. Doch er ist vom Opfer zum Verfolger, zum Jäger geworden.

Die US-Truppen verlegen ihren Sitz nach Linz, Wiesenthal arbeitet dort im Office of Strategic Services (OSS), dem US-Militärgeheimdienst und Vorläufer des CIA. Und muss feststellen, dass die meisten der Verhafteten bald wieder freikommen.

Gleichzeitig erkennt er die Notwendigkeit zur eigenen Initiative: Mit anderen ehemaligen Mauthausen-Häftlingen gründet er ein Jüdisches Komitee von Überlebenden zur Spurensuche und Familienzusammenführung.

Im privaten Leben des 37-Jährigen ereignet sich, worauf er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: Im Dezember 1945 wird seine Frau Cyla gefunden. Im folgenden Jahr kommt Tochter Paulinka zur Welt.

Gedächtnis. Als einer seiner amerikanischen Vorgesetzten meint, er solle doch in die USA emigrieren, dort regelten Juden alles außer den Verkehrsampeln, verabschiedet Wiesenthal sich vom US-Geheimdienst. Und ruft mit jungen Leuten aus dem jüdischen KZ-Verband sein Dokumentationsarchiv ins Leben.

In Lagern in Österreich und Deutschland sammeln sich zehntausende Überlebende des Holocaust. Es herrscht verzweifelte und hektische Suche nach Möglichkeiten, weiterzuwandern. Die eingesessene Bevölkerung reagiert meist mit Ablehnung. Wiesenthals Name spricht sich herum, er bekommt Stapel von Briefen. In den Camps findet er Helfer, die Informationen sammeln. Bald kommen die Alliierten und fragen nach Zeugen für Kriegsverbrechen an.

Cyla möchte das Erlebte hinter sich lassen, ein normales Leben beginnen. Doch Simon Wiesenthal beharrt darauf, seine Suche nach den Schuldigen fortzusetzen. Wie es ihr damit ergeht, drückt Cyla Wiesenthal später so aus: „Ich bin nicht mit einem Mann verheiratet. Ich bin mit tausenden, vielleicht Millionen von Toten verheiratet.“

In einer profil-Serie 1975 schreibt Peter Michael Lingens, Wiesenthal besitze weder die Fähigkeit noch den Willen, Erlebtes abzubauen: „Sein Gedächtnis reproduziert es bis heute mit der gleichen Schärfe wie damals: die Gesichter derer, die den Tod erwarteten. Die Gesichter derer, die in die Gräben fielen. Und ihn dazwischen.“

Das Schuldgefühl, überlebt zu haben, trage Wiesenthal mit jeder Handlung, die er für die Toten setze, ein wenig ab. Lingens: „Wie bei jedem Menschen hat dieses – absolut ehrliche – Gefühl auch einen Januskopf: Er fühlt sich zugleich auch als ein Auserwählter.“

Anfang 1947 ist Wiesenthal selbstständig. Und beschreibt sein Selbstverständnis während dieser Zeit später viel sagend: „Mein selbst gewählter Auftrag war mir heilig. … Ich war nicht mehr der schüchterne Mann, der vor den Fenstern des ‚War Crimes‘ in Mauthausen gestanden ist. … Mein Selbstbewusstsein steigerte sich.“ Über sein Verhältnis zu den Behörden notiert er: „Mit der Zeit gewöhnten sich die Beamten an mich, obwohl ich mit ihnen ständig Konflikte – meistens wegen Kleinigkeiten – hatte. Ich war in meinen Handlungen oft unklug und bereute später meine Unnachgiebigkeit, durch die ich mir so manchen zum Feinde machte.“

Adolf Silberschein, ein in der Schweiz lebender Anwalt und gebürtiger Pole, wird mit einer monatlichen 50-Dollar-Unterstützung erster Mäzen des kleinen Büros. In Basel ist Wiesenthal 1946 beim ersten Zionistischen Kongress nach dem Krieg Abgeordneter.

Wiesenthal-Biografin Hella Pick misst in ihrer 500 Seiten umfassenden Darstellung diesem Zeitraum entscheidendes Gewicht bei. Der World Jewish Congress (WJC) habe Wiesenthal beobachtet, seine damalige Beurteilung von Wiesenthals Aktivitäten und Einstellung „mag Ursprung für die bittere Fehde sein, die sich später zwischen dem WJC und Wiesenthal entwickelte“ (Pick).

Wiesenthal arbeitet auch mit Repräsentanten der aus Palästina nach Österreich geschickten Schattenorganisation Brichah zusammen, die bis zur Gründung des Staates Israel 1948 mindestens 200.000 Juden über österreichische Routen aus Europa herausholt.

Pick berichtet, Agenten der Brichah seien auch in das nie geklärte Verschwinden von Ex-Nazis verwickelt gewesen. Wiesenthal sei gegen Liquidierungen aufgetreten, die Israel später eingestanden habe. Zum anderen hätten Brichah-Leute ihn verdächtigt, Informationen über ihre Aktionen an die Amerikaner weitergegeben zu haben. Agenten der Organisation arbeiteten in Österreich auch an der Ausforschung Eichmanns, die Einschätzung der jeweiligen Beiträge zur Ergreifung Eichmanns sollte zwischen ihnen und Wiesenthal später ebenfalls zum Streitpunkt werden.

Am 5. Mai 1948 spricht Wiesenthal am dritten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen: „Was haben wir getan? Wir haben geweint und gejammert. Die versteinerte Welt hat uns, vielleicht mit einem Lächeln, zugeschaut. Hier sind ‚Nebbiche‘, welche nicht Recht verlangen, sondern Mitleid schnorren, und man spendete uns einige Dosen Mitleid.“

Er prangert die österreichische Wirklichkeit an: „Gelehrte, Professoren, Priester und Politiker haben eine neue Verzeihungswelle hervorgerufen, eine Epidemie von Verzeihung gegenüber den Nazis.“ Zum anderen habe er niemanden getroffen, der ihm nicht gesagt hätte, er habe dem einen oder anderen Juden das Leben gerettet.

Als Losung gibt er aus: „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod.“

Anfang der sechziger Jahre kommt es zwischen Wiesenthal und der Israelitischen Kultusgemeinde zum Bruch, der erst gegen Ende seines Lebens beigelegt werden soll. Wiesenthal kritisiert die Verhältnisse scharf: „Es bleibt eine unbestrittene Tatsache, dass im Nachkriegs-Österreich für die Juden der Tod schneller war als die Wiedergutmachung!“ In anderen europäischen Staaten befinde sich das Judentum längst in einem Stadium der Konsolidierung. In Österreich sei man im jahrelangen Kampf um Wiedergutmachung müde geworden: „Was gegenwärtig bei uns besteht, ist ein ‚Aussterbeprogramm‘.“

Er prangert die Affinität der Jüdischen Gemeinde zur SPÖ an: „Das Judentum kann nicht Feinde schonen, nur weil diese einer bestimmten Partei angehören.“ Und donnert: „Schweigen ist nicht nur Feigheit, Schweigen ist ein Verbrechen!“

Die Rolle, die ehemalige Nationalsozialisten in SP-dominierten Bereichen innehaben, illustriert er aus einem Bericht des britischen „Economist“ vom März 1962: „Wenn ein hingerichteter Gauleiter vom Grabe aufstehen würde, um eine Sitzung der Gauleitung abzuhalten, müsste er die Telefonnummer eines bestimmten verstaatlichten Werkes anrufen.“

Lynchjustiz. Seine viel diskutierte ÖVP-Nähe begründet er später mit seiner täglichen Erfahrung: „Die zwei Ministerien, mit denen ich zu tun hatte, waren immer sozialistisch – Innen- und Justizministerium. Wenn ich also mit jemandem Krach hatte, dann waren es die Sozialisten.“

Wie die österreichische Justiz mit Wiesenthal verfährt, erlebt Hans Landauer, Polizeibeamter in der Abteilung des Innenministeriums zur Verfolgung von NS-Verbrechen, im Wiener Straflandesgericht hautnah. Während Landauer zur Besprechung bei einem Staatsanwalt sitzt, bekommt dieser einen Anruf, springt auf und sperrt seine Tür zu – die Torwache hatte den Staatsanwalt verständigt, Simon Wiesenthal habe eben das Gerichtsgebäude betreten.

Manche seiner unendlich vielen Erfahrungen erzählt er trotz aller Dramatik nur verhalten. Etwa, wie es beinahe zu Lynchjustiz gegen Franz Murer, den „Schlächter von Wilna“, gekommen wäre.

Murer wird von Wiesenthal zweimal ausgeforscht. 1947 an die Sowjets übergeben, in Moskau zuerst zum Tod, dann zu 25 Jahren Haft verurteilt, wird Murer 1955 nach Österreich entlassen. Er bringt es zum Obmann der Landwirtschaftskammer Liezen, Wiesenthal trägt jahrelang neue Verdachtsmomente zusammen. 1963 kommt es in Graz zum Prozess.

Einer der Zeugen im emotionell hoch aufgeladenen Verfahren soll Jakob Brodi sein. Vor der Aussage trifft Wiesenthal ihn in seinem Hotelzimmer, plötzlich zieht Prodi ein Messer. Er habe gelesen, dass Murers Frau und Söhne im Gerichtssaal Zeugen auslachen: „Murer hat vor meinen Augen meinen Sohn erschossen. Nun werde ich ihn töten, vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder.“ Wiesenthal packt den alten Mann an den Schultern, beruhigt ihn, sagt ihm, er habe beim Lesen der Dokumente geweint: „Ihr Kind ist mein Kind. Glauben Sie wirklich, dass ich mein Werk so fortsetzen könnte?“

Murers Freispruch wird im Gerichtssaal mit Hochrufen begrüßt.

Anderes schildert Wiesenthal voll Stolz. Als Franz Stangl, der Kommandant im KZ Treblinka, 1967 in Brasilien verhaftet wird, setzt Wiesenthal alles in Bewegung, damit Stangl an Deutschland und nicht nach Österreich ausgeliefert wird. Bei einer Vortragsreise für sein Buch „Doch die Mörder leben“ schafft er es, einen Termin bei Senator Robert Kennedy zu bekommen. Kennedy setzt sich für die Auslieferung ein, Stangl wird in Stuttgart zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wiesenthal stellt zunehmend die generelle Bedeutung von Verfolgung der NS-Täter in den Mittelpunkt. Die Verhaftung so viele Jahre danach und tausende Kilometer vom Ort des Verbrechens bezeichnet er als Signal: „Diese Tatsache ist gleichzeitig eine Warnung für alle Mörder von morgen: Unsere Welt wird so klein, und daher wird es bald keine Verstecke mehr geben. Das ist das Einzige, was wir für unsere Enkelkinder und deren Enkelkinder tun können.“

Gesprächspartner. Für die Arbeit seines Dokumentationszentrums in Wien gibt es nie öffentliche Gelder. Simon und Cyla Wiesenthal erhalten vom deutschen Staat als Überlebende der Konzentrationslager eine Rente. Die Bürokosten finanziert er über Honorare und Spenden. Mitte der sechziger Jahre erbringt eine große Radiosendung in den Niederlanden 400.000 Gulden an Spenden. Monatlich gehen daraus 7000 Dollar nach Wien, mit abnehmendem Kapital wird auch diese Summe kleiner. Ab Ende der siebziger Jahre übernimmt das Wiesenthal Center in Los Angeles einen Teil der laufenden Kosten.

1975 endet der bislang letzte NS-Kriegsverbrecherprozess Österreichs gegen einen ehemaligen Aufseher im KZ Mauthausen mit einem Freispruch. In diesem Jahr wird Wiesenthal zu einem von zwölf Richtern bestellt, die in Kopenhagen zu einem Hearing für den in der UdSSR verfolgten Nobelpreisträger und Dissidenten Sacharov zusammentreten. Es ist das erste Mal, dass er außerhalb der Verfolgung von Naziverbrechen auftritt. Sein Motiv: Für die meisten NS-Opfer sei direkte Hilfe zu spät gekommen, daher müsse nun die Stimme für jene erhoben werden, die in sibirischen Lagern eingesperrt sind.

Wiesenthals Informations-Bulletins an Freunde seines Dokumentationszentrums werden nun fotokopiert und nicht mehr hektografiert, das kleine Büro wird immer mehr zu einer Anlaufadresse für Menschen, die den mittlerweile international hoch geachteten Mann einmal in ihrem Leben sprechen und sehen wollen.

1978 demonstriert eine gewaltige Protestaktion Wiesenthals Ausstrahlung: Nach der Aussage des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, die deutsche Öffentlichkeit wolle ein Ende der Kriegsverbrecherprozesse, werden eine halbe Million Postkarten verschickt – sie zeigen einen breitbeinigen SS-Mann über seinem Opfer stehend.

Zu Wiesenthals wichtigsten Gesprächspartnern zählen Wiens Kardinal Franz König, mit CDU-Chef Helmuth Kohl trifft er sich über viele Jahre in Gastein. Während seine konkrete Spurensuche allmählich zu Ende geht, bekommt Wiesenthal die Anerkennung, die er früher zur Erreichung seiner Ziele so dringend gebraucht hätte. 1980 überreicht ihm US-Präsident Jimmy Carter die Congressional Gold Medal „als nationales Symbol der Anerkennung für Ihren außerordentlichen Beitrag zur Förderung der menschlichen Freiheit“.

1994 besucht Wiesenthal – zum ersten Mal nach seiner Deportation – sein Geburtsland Polen, Präsident Lech Walesa überreicht ihm die Polonia-Restituta-Medaille, den höchsten Orden des Landes.

1995 – fünfzig Jahre nach Ende des Krieges – empfängt ihn demonstrativer Applaus, als er zum 50. Jahrestag der Gründung der Zweiten Republik jenen Balkon der Wiener Hofburg betritt, auf dem 1938 Adolf Hitler gestanden war. „Die Geschichte“, sagt er, „wiederholt sich nicht, es wiederholt sich nur, dass jede Generation ihre Fehler macht.“ Die Einrichtung der Kriegsverbrechertribunale für Bosnien und Ruanda und des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wird – unter anderem – seiner Arbeit zugeschrieben.

Die Zukunft seines Archivs hat Wiesenthal lange überlegt und bestimmt, dass es ein neues Shoah-Forschungszentrum begründen soll, das Wiener Wiesenthal Institut. Seine Sekretärin Rosmarie Austraat kennt die Akten – vierzig Laufmeter – wie einst er selbst. Seit drei Jahren ist man dabei, sie digital zu erfassen. Ob sein Schreibtisch und die alte, rote Couch nach Los Angeles übersiedeln oder dableiben, ist noch nicht ganz geklärt.

Geschichte. Als dem bereits sehr gebrechlichen Wiesenthal 2004 von der britischen Königin Elizabeth II. die Ritter-Würde verliehen wird, ist das Ausdruck der Anerkennung für ein Leben und Lebenswerk, das längst zum Monument geworden ist. Der britische Außenminister Jack Straw: „Wenn es einen Namen gibt, der die lebenswichtige Auseinandersetzung mit dem Holocaust versinnbildlicht, dann ist es jener von Simon Wiesenthal.“ Wiesenthal erkennt die Menschen, die sich zur Übergabe des Ordens um ihn versammeln, beinahe nicht mehr wieder.

Eine seiner oft erzählten Erinnerungen ist endgültig Geschichte. Sie handelt von jenem Moment, in dem er im Ghetto in Lemberg seine ohnmächtige Mutter im Arm hielt und erst da merkte, dass sie seit Tagen nicht gegessen hatte, um das wenige ihm und seiner Frau Cyla zu geben. Es tat ihm weh, dass sie, die in einem Konzentrationslager umkam, kein Grab hatte, an dem er mit ihr reden könnte. „Auch wenn sie es natürlich nicht hören würde, Sie verstehen?“ Mit dem Handrücken wischte er dann über Augen und Wangen.

In den letzten Tagen seines Lebens schmerzte ihn jede noch so leichte Berührung. Am frühen Morgen des 20. September ist Simon Wiesenthal gestorben.

Von Marianne Enigl