Hommage: Die Königin

Wolf D. Prix vom Wiener Architektenduo Coop Himmelb(l)au über seine Kollegin Zaha Hadid, die als erste Frau den Pritzker-Preis erhält. Zaha Hadid, 54 Als erste Frau erhält die gebürtige Irakerin und Professorin an der Wiener Universität für angewandte Kunst Zaha Hadid den mit 100.000 US-Dollar dotierten Pritzker-Preis. 1950 als Tochter des ehemaligen Chefs der Demokratischen Partei in Bagdad geboren, schaffte es ihre „ekstatisch tanzende Architektur“ („FAZ“) lange Zeit nur bis aufs Reißbrett. Die Exzentrikerin bestückte Ausstellungen, lehrte an Universitäten und hielt viel beachtete Vorträge – bis sie 1993 endlich das Feuerwehrhaus der Firma Vitra in Weil am Rhein bauen durfte. Seither wurden ihre fantastischen Entwürfe immer öfter realisiert, wenn auch zum Teil nur mit deutlichen Abstrichen vom ursprünglichen Entwurf. In Österreich baute Hadid die Skischanze am Berg Isel (2002), die Überbauung der Stadtbahnbögen in der Spittelau in Wien-Alsergrund wird 2005 fertig gestellt.

„Wenn ich könnte, wie ich müsste,
baute ich ein Schiff an dieser Küste.“

Wenn man sagen kann, dass Zaha Hadid der Komet unter den Fixsternen der Architektur ist, muss man sich fragen, wie denn das Firmament der Architektur zu beschreiben wäre, an dem sich Zaha Hadid mit rasender Geschwindigkeit bewegt.
Es ist inzwischen bekannt, dass ich darauf bestehe, dass sich die Architektur in Zukunft dramatisch verändern wird und damit auch die Rolle der ArchitektInnen.

Es wird die ArchitektInnen geben, oder auch nicht mehr, die, im vorauseilenden Gehorsam ihrem verinnerlichten Zwang folgend, alles schön finden, was ihre Auftraggeber, ihre Investoren oder sonst wer von ihnen verlangen. Sie/er wird aber dann Facility ManagerIn heißen, oder sie/er wird das sein, was wir in diesen unsäglich dummen Lifestyle-Magazinen sehen können: ein Stimmungsbebilderer.

Dann wird es aber ArchitektInnen geben, die sich als StrategiedenkerInnen sehen, die nicht an Erfüllungszwang leiden und all das neu definieren, was die Architektur der Zukunft ausmacht: das visionäre Denken in Raum und Zeit, in Programm, Material und Konstruktion. Ihre Energiequelle ist die von Formungswillen getriebene Lust, das in Realität umzusetzen, was als Idee noch fremd erscheint.

Denn jeder Baukörper muss als Idee zunächst noch unvertraut sein. Ein fremder Körper noch ungesehen, daher nicht bekannt und daher ungewohnt. Will man diesen fremden Körper entfremden, also gewohnt, gesehen machen und bewohnt, muss man die ästhetischen Kriterien der Architektur immer wieder neu definieren.

Und wie das geht, kann man an Zahas Entwürfen gebaut oder ungebaut sehen. Und diese Räume, in denen sich Zaha mit Lust und Glamour präsentiert, zeigen, was sie im Schachspiel der Architekturszene auch wirklich ist: die Königin.
Und das zu Recht. Sie bewegt sich wie eine Königin auf diesem Feld, das wir Feld der Untersuchungen nennen, und am Ergebnis kann man sehen, dass Architektur und Kunst nicht zu trennen sind.

Neue Räume können nur entworfen werden, wenn man Grenzen überschreitet. Denn nur wer grenzüberschreitend denkt, wird den Raum begreifen können, der außerhalb der Normalität zu finden ist. Normen sind regulative Grenzen, Erfinder sprengen diese Grenzen, und diese ErfinderInnen kann man ArchitektInnen nennen.

Dass die Utopie der Architektur nach Schaffung von neuen Körpern und fremden Gestalten verlangt, die wie Meteoriten von einem fremden Stern in die Vertrautheit einschlagen und damit Bahnen und Räume für Neues, Unbekanntes öffnen, erzeugt Angst. Es ist die Angst der Unbegabten vor der Form. Dass aber Architektur Form ist, zeigen Zahas Architekturen.
Vor 30 Jahren, als wir alle dabei waren, die Grenzen der damals bekannten Architektur zu überschreiten, tauchte sie aus dem dunklen Wirbelwind der „AA-Studios“ auf und raste mit unbeschreibbarer Geschwindigkeit – räumliche Kalligrafien in den schwarzen Weltraum malend – durch das Universum der Architektur.

Schön auch, dass der Komet in Wien zum Fixstern wurde.
Gratulation zum Pritzker-Preis, Zaha Hadid.