HPM: Der Sieg des Leinensakkos

Aus dem Stand schaffte Hans-Peter Martin den Sprung auf den dritten Platz. Aber auch nach seinem Triumph gibt er unverdrossen den Beleidigten und Selbstgerechten.

Lange hat Hans-Peter Martin auf diesen Augenblick gewartet, oft scheint er ihn sich ausgemalt zu haben. Als er kurz nach 16.30 Uhr vor dem Lokal Weinrot & Weiß in der Wiener Praterstraße auftaucht, ist die Zeit endlich reif für die große Abrechnung. Martin weiß bereits, dass er der Sieger des Tages ist. Und er weiß, dass ihm jetzt, endlich, alle zuhören müssen. „Das ist ein Sieg der mutigen Bürgerinnen und Bürger“, sagt er ins nächstbeste Mikrofon, „und das ist auch ein Stück Befreiung vom österreichischen Rufmordjournalismus.“

14 Prozent hat die Liste Martin bei ihrem ersten Antreten geschafft. Das reicht für Platz drei – noch vor den Grünen. Hans-Peter Martin und seine Listenzweite, die Ex-Journalistin Karin Resetarits, werden ins EU-Parlament einziehen. Nie zuvor in der österreichischen Polit-Geschichte konnte eine neu gegründete Partei einen vergleichbaren Erfolg feiern.

Doch Hans-Peter Martin ist nicht der Typ, der in der Stunde des Triumphs vor lauter Freude die zuvor erlittenen Kränkungen vergisst. Als er nach der ersten TV-Hochrechnung um 17 Uhr ein ORF-Mikrofon hingehalten bekommt, schimpft er erst einmal ausführlich über die schlechte Behandlung, die ihm in den Medien zuteil geworden ist. „Trotz der ganz offensichtlichen Parteienhörigkeit des ORF haben sich die Wähler nicht beirren lassen“, sagt Martin mit finsterem Gesichtsausdruck. Gelächelt hat er ja schließlich vorher schon, als er mit seinen drei Mitstreitern für die Fotografen ein Jubelfoto inszenierte.

Der 47-jährige Ex-Journalist („Der Spiegel“) und erfolgreiche Buchautor („Bittere Pillen“, „Die Globalisierungsfalle“) hat in seinem Leben schon viele Kämpfe gefochten, und sehr oft blieb er siegreich. Aber wenn die Schlacht geschlagen ist, scheint er keine richtige Freude zu empfinden, sondern mehr eine Art wohligen Ingrimm.

Fünf Jahre nachdem Martin für die SPÖ ins Europaparlament eingezogen ist, kehrt er nun als sein eigener Parteichef zurück. Seinem Naturell entspricht diese Rolle deutlich besser, denn von Teamarbeit hat der Vorarlberger noch nie viel gehalten. Martin ist praktizierender Egomane und nützte seine erste Amtsperiode, um sich in großer Zahl Feinde zu schaffen. Im Februar war er aus der Fraktion der europäischen Sozialdemokraten (SPE) geflogen, nachdem er monatelang Abgeordnetenkollegen bespitzelt hatte, die er des Spesenbetrugs verdächtigte. Ein Abgeordneter solle „nicht wie ein Polizist dem anderen folgen“, argumentierte Fraktionschef Enrique Baron Crespo.

Mit nichts als dem Spesenthema in petto gab Martin im April seine eigenständige Kandidatur bekannt und gründete bald darauf die Partei HPM. Ohne Parteiapparat, ohne politisches Programm, fast ohne Geld und gänzlich ohne die Fähigkeit, anderen Menschen auf Anhieb sympathisch zu sein, gelang es ihm zumindest in der ersten Phase des Wahlkampfs, die Großparteien vor sich herzutreiben. Geholfen hat dabei die massive Unterstützung, die Martin vom österreichischen und deutschen Boulevard zuteil wurde. „Kronen Zeitung“ und das deutsche Massenblatt „Bild“ berichteten eifrig über den als Aufdecker gefeierten SP-Dissidenten.

Als die Schlammschlacht zwischen SPÖ, ÖVP und FPÖ ausbrach, sahen Meinungsforscher in HPM bereits einen fallenden Stern. Er sei gut gestartet, hieß es, könne im Endspurt aber nicht mehr zulegen.

Also tat Martin, was er eigentlich nicht vorgehabt hatte: Er attackierte sein Sparbuch. Über 100.000 Euro will er kurz vor der Wahl bei der Bregenzer Hypobank abgehoben und in die Wahlwerbung investiert haben. In Zeitungsinseraten und auf ein paar Großplakaten versuchte Martin zu beweisen, dass sein Horizont weiter reicht als bis zur nächsten Spesenabrechnung. „Für Neutralität, gegen Krieg und Folter“ trat HPM nun plötzlich ein. Er sei gegen die Großlobbyisten in Brüssel, für die Förderung von Klein- und Mittelbetrieben, gegen Atomkraft und für den Tierschutz. Er wolle die Öffentlichkeit „auf die Breite meiner Liste“ hinweisen, erklärte Martin.

„Ungeheuerlich.“ Ausgerechnet bei seiner letzten Pressekonferenz am Freitag vergangener Woche ging es aber doch wieder um das leidige Spesenthema. Martin antwortete auf den SPÖ-Vorwurf, er habe 2001 seine Unterschrift in einer Anwesenheitsliste des EU-Parlaments fälschen lassen. Diese Anschuldigung sei „ungeheuerlich“, zürnte Martin, „ich hätte nie gedacht, dass die Sozialdemokraten zu solchen Mitteln greifen“.

Der Spitzenkandidat wirkte etwas angeschlagen an diesem Tag. Für einen öffentlichen Ankläger ist die Defensive nun mal keine artgerechte Haltung.
Doch zwei Tage später war der alte Hans-Peter Martin wieder da und mit ihm das vertraute Leinensakko, mit dem er, bis auf den Abschlusstag, den kompletten Wahlkampf bestritten hatte. Das Spesenthema war wohl doch das richtige. Und Martin war genau der richtige Kandidat, um die (politisch) Frustrierten in großer Zahl zu überzeugen. Der Mann muss diffuse Unzufriedenheit und konkrete Wut nicht spielen, er ist erfüllt davon. Sein Leben lang hat er immer eine Wand gefunden, gegen die er rennen konnte, eine finstere Macht, die es zu bekämpfen galt, ein Intrigennetz, das er zerschlagen musste. Und die Arbeit hört nie auf. Dass er bei den nächsten Nationalratswahlen antreten werde, hat Martin jedenfalls nicht dezidiert ausgeschlossen.

Irgendwann am Wahlabend besinnt sich Hans-Peter Martin darauf, dass er heute etwas zu feiern hat. Seine legendäre Sparsamkeit überwindend, nimmt er ein Tablett mit belegten Brötchen und macht damit die Runde im Lokal. „Bedienen Sie sich“, sagt er aufmunternd, „wenn schon, denn schon.“